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Sherlock Holmes

Sherlock Holmes

Ein hübsch trainierter Robert Downey Jr. kämpft sich faustgewaltig seinen Weg durch allerlei Finsternis und Finsterlinge Londons, an seiner Seite ein adretter Jude Law. So sehen sie heute aus, Sherlock Holmes und Dr. Watson, der berühmte Detektiv und sein Kompagnon, erdacht und ab 1887 in Romanen und Geschichten beschrieben von Sir Arthur Conan Doyle.
Regisseur Guy Ritchie reiht sich mit seinem Film „Sherlock Holmes“ in die stattliche Anzahl von Adaptionen des Stoffes ein und ist dabei ganz auf eine modernisierte Fassung bedacht: Zwar erfüllen Umgebung und Kostüme alle Klischees eines Londons um die vorletzte Jahrhundertwende, doch zeigen bereits das häufige Fehlen von (gesellschaftskonformer) Bekleidung auf Seiten Holmes, sein legerer Haar- und Bartstil, sowie seine schon erwähnte stark in den Mittelpunkt gerückte Körperlichkeit den modernen Blick auf die Vorlage. Hinzu kommt eine von Robert Downey Jr. ständig zur Schau getragene schelmenhafte Selbstironie, die zwar sehr reizvoll und komisch ist, andererseits aber auch den Eindruck erwecken kann, Downey Jr. parodiere sich selbst, ob er nun in der Rüstung des Iron Man oder in altenglischer Mode steckt.
Authentischer wirkt im Vergleich dazu die Figur des ernsthafteren Dr. Watson, der zwischen seinem Leben als Arzt und heiratswilliger Mann und seiner mitunter schwierigen Rolle als Freund und Partner des exzentrisch-unangepassten, zur Selbstgefährdung neigenden genialen Detektivs hin- und hergerissen ist. Im Kampf gegen eine die gesamte englische Gesellschaft bedrohende Verschwörung, denen die beiden im Laufe des Films auf die Spur kommen, ergänzen seine Fähigkeiten die von Holmes jedenfalls perfekt.
Law und Downey Jr. harmonieren dabei schauspielerisch ausgezeichnet und erwecken mit kuriosen Dialogen und bis ins Detail abgestimmter Mimik und Gestik eine für die Zuseher äußerst vergnüglich zu betrachtende, innige und betont schrullige Freundschaft auf der Leinwand zum Leben.
Neben der augenzwinkernden Figurenzeichnung, die den deutlich in gut und böse, heldenhaft und hintertrieben aufgeteilten Personen etwas Popikonenhaftes verleiht, zeigt sich der frische Wind, den Ritchie durchs Sherlock-Holmes-Universum fegen lässt, vor allem auch in der Handlung und auf der formalen Ebene des Films: Eine Actionszene jagt die nächste, von den unbeugsamen Helden stets mit coolen Sprüchen kommentiert. Holmes legendäre Hauptbegabung, seine geniale Fähigkeit zu analytischer Beobachtung und ungewöhnlicher Schlussfolgerung wird dabei filmisch wie die Kraft eines Superhelden präsentiert – was sich vor seinem inneren Auge abspielt, während er kombiniert oder bevor er handelt, wird dem Publikum oftmals in Zeitlupe oder mit subjektiver Kameraführung vorgeführt und unterstützt ebenfalls die comichafte, poppige Künstlichkeit des Films, die ihn weit von einer Literaturverfilmung entfernt. Herausgekommen ist stattdessen ein sich stark in Richtung Actionkomödie neigendes Werk, das zwar keinerlei inhaltlichen Tiefgang besitzt, aber mit Witz, Spannung und schön darauf abgestimmtem Schauspiel gut zu unterhalten versteht.

Österreichstart: 29.01.2010

Sabina Zeithammer (sabina_zeithammer@filmnews.at)

dt. Website

Zahlen, Daten, Fakten

Titel:Sherlock Holmes
Land:USA, Deutschland 2009
Regie:Guy Ritchie
Hauptdarsteller:Robert Downey Jr., Jude Law, Rachel McAdams, Mark Strong, Eddie Marsan, Robert Maillet, Geraldine James, Kelly Reilly
Produktion:Silver Pictures, Wigram Productions. Produzenten: Joel Silver, Lionel Wigram, Susan Downey, Dan Lin
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Antichrist

Antichrist

Glänzendes Schwarz-Weiß, Superzeitlupe und ein Choral, der alles geradezu erschlägt. Im Prolog von „Antichrist“ fährt Lars von Trier alles auf, was an Kitsch zur Verfügung steht. Da wird der tragische Kindstod – während das Ehepaar (Dafoe und Gainsbourg) von einer nahezu aufdringlichen Kamera beim Liebesspiel beobachtet wird – zur Geduldsprobe für den Zuseher. Mit seinem neuesten Werk wagt sich von Trier weit aus dem Fenster und vergrätzt beinahe schon nach den ersten Minuten. Doch auf den in seiner Manieriertheit kaum erträglichen Prolog folgen vier intensive Kapitel, in denen sich nicht nur die Meisterhand des dänischen Regisseurs zeigen, sondern vor allem auch das großartige Spiel der beiden Hauptdarsteller.

Während die Ehefrau nach dem Tod des Kindes in Depressionen zu versinken scheint, versucht ihr Mann sie auf eigene Faust zu heilen. In ruhigen aber zugleich intensiven Sitzungen in der eigenen Wohnung, entblättert sich langsam das Unglück, welches schließlich in den Wald „Eden“ führt, wo die Lage eskaliert. Das bedrohliche Wummern auf der Tonebene und die albtraumhaften Sequenzen, in denen nicht klar scheint ob beide Charaktere noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind oder doch schon längst dem Wahnsinn verfallen, verdeutlichen von Triers Absicht, den Kampf der Geschlechter auf die Spitze zu treiben. Welche Bedeutung dieser mit heftigen Sex- und Gewaltszenen angereicherte Trip in die Hölle eigentlich in sich trägt, erscheint allerdings nicht klar. Kaum ein Rezensent – ob bei den Filmfestspielen von Cannes oder Toronto – der nicht eine ganz eigene Deutung des Werkes parat hätte. Doch auch wenn einige Symbole viel zu plakativ eingesetzt werden und der abschließende Epilog im inszenatorischen Stil wieder an den Prolog anschließt – und somit erneut eine Geduldsprobe darstellt – so bleibt „Antichrist“ ein unbequemer und lohnender Film, aus dem Charlotte Gainsbourg mit ihrer darstellerischen Tour de Force leuchtend herausragt.

Doch ob von Trier mit seinem psychologischen Horrorfilm eine verdrehte Interpretation des biblischen Sündenfalls, eine Hasstirade gegen das weibliche Geschlecht oder doch einfach nur einen wüsten Haufen symbolisch aufgeladener Sequenzen abliefert, ist auch lange nach dem Abspann nicht klar.

Österreichstart: 5.11.2009

Patrick Dorner (patrick_dorner@filmnews.at)

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Zahlen, Daten, Fakten

Titel:Antichrist
Land:Dk, Ger, Fra, Swe, Ita, Pl
Regie:Lars von Trier
Hauptdarsteller:Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe
Produktion:Zentropa Entertainments, Zentropa International Köln, Slot Machine, Memfis Film, Trollhättan Film AB, Filmstiftung NRW, uvm.
Homepage:engl. Website

Verblendung

Verblendung

Stieg Larssons Millennium Trilogie beginnt. Der Film beginnt mit der Verurteilung Mikael Blomkvists wegen Verleumdung gegen den Wennerström Konzern. In 6 Monaten muß Mikael seine Haft absitzen. Doch dann erlangt ihn ein anonyme Anruf des Anwalts Dirch Frode er solle doch sofort nach Hedestadt kommen, sein Klient Henry Vanger will ihn sehen. Da Mikael nichts mehr zu verlieren hat fährt er hin, denkend er sei am Abend wieder zu Hause. Doch Henry Vanger betraut Mikael mit der Aufklärung eines 60 Jahre alten Kriminalfalls. Harriet Vanger sei vor vielen Jahren von der Insel Hedestad verschwunden und seit dem nie mehr gefunden worden. Mikael soll nun den Fall, gegen einen fürstlichen Lohn, lösen.

Er steigt drauf ein. Gleichzeitig erleben wir die Geschichte der durchgeknallten 24jährigen Ermittlerin Lisbeth Salander. Sie hat Im Auftrag von Milton Security für Dirch Frode Nachforschungen über Mikael Blomkvist angestellt. Da sie nun in seinen Laptop gehackt ist verfolgt sie seine Recherchen über das Verschwinden Harriets online und wird so immer besser mit dem Fall vertraut. Schließlich gibt sich Lisbeth mittels einer Email zu erkennen und sofort spürt Mikael die Hackerin in ihrer Wohnung auf. Nun kann sich das neue Ermittlerpärchen auf sie Suche nach der Vermißten Harriet Vanger machen. Die Suche führt vorbei an etlichen Mitgliedern der Familie Vanger und manche Vergangenheit derer hätte lieber doch unter Verschluß bleiben sollen.

Verblendung ist seit Dan Browns „Das Sakrileg“ die meist erwartete Verfilmung eines Buches. Das 700 Seiten vollgepackte Buch wird in spannenden 2, 5 Stunden in einem Film heruntergebrochen der sich sehen lassen kann. Spannung und Action garantiert. Lange suchte man nach der verrückten, durchgeknallten Besetzung der Lisbeth Salander, diese fand man schließlich in dem schwedischen Schauspieltalent Noomi Rapace, welche niemals eine Schauspielschule besucht hat. Qualitativ kann sich dieser schwedische Film mit jeder aktuellen Hollywood Produktion vergleichen. Er ist von der ersten bis zu letzten Sekunde spannungsgeladen und man fiebert dem Ende und seiner Auflösung entgegen. Diese gibt es, zur Befriedigung des Zusehers, doch der Mund wird schon wäßrig auf den zweiten Teil der Trilogie gemacht welche 2010 in die Kinos kommen soll. Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander sind das Ermittlerpärchen des 21. Jahrhunderts!

Österreichstart: 16.10.2009

Christopher Sacken (christopher_sacken@filmnews.at)
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Zahlen, Daten, Fakten

Titel:Verblendung
Land:Schweden 2008
Regie:Niels Arden Oplev
Hauptdarsteller:Michael Nyqvist, Noomi Rapace, Sven-Bertil Taube u.a.
Homepage:dt. Website

El Sistema

El Sistema

Venezuela ist heutzutage bekannt für die exzentrischen Auswüchse seines beinahe allmächtigen und polarisierenden Präsidenten Hugo Chavez. Dieser ist mit dem Versprechen angetreten, die Armut in seinem Land zu mindern. Ein Projekt dem sich auch José Antonio Abreu verschrieben hat. Deshalb gründete er im Jahr 1975 die Musikschule „El Sistema“. Nach finanziell und logistisch schwierigen Anfangsjahren hat sich die Schule mittlerweile zu einer nationalen Institution entwickelt in der fast 300.000 Kinder unterrichtet werden. Jahr für Jahr bildet dieses Netzwerk an Schulen, welches sich über das gesamte Land erstreckt, neue Musiker aus, die unter anderem im „Simón Bolivar“-Orchester ein neues Zuhause finden.

Die beiden Dokumentarfilmer Paul Smaczny und Maria Stodtmeier gehen dem Erfolg von „El Sistema“ auf den Grund oder zumindest versuchen sie es. In ihrer gut gemeinten aber insgesamt etwas dünn wirkenden Dokumentation, haken sie einen Ort nach dem anderen in Venezuela ab, und versuchen anhand ausgewählter Einzelschicksale den Status der Musikschule „El Sistema“ für die arme Bevölkerung darzustellen. Dabei loben sich Gründer Abreu und seine Mitarbeiter gegenseitig für ihren Einsatz und vermitteln ein wenig den Eindruck, für ein Werbevideo Pate zu stehen. Anstatt auf die schwierigen Anfangsjahre – Wie etwa war es möglich die verschiedenen Machthaber von der staatlichen Unterstützung für „El Sistema“ zu überzeugen? – einzugehen, begnügt sich das Duo Smaczny/Stodtmeier mit einem nett bebilderten Besuch in den verschiedenen Schulen. Lobenswert ist der Versuch die schwierigen Verhältnisse aufzuzeigen, in denen die Schüler leben. Doch bleibt – neben den mitreißenden Konzertausschnitten – wenig hängen, außer dem überbordenden Lob, welches sich die Mitarbeiter selbst ausstellen, was über die Dauer einer knapp 120 Minuten langen Dokumentation ermüdet.

Österreichstart: 9. Oktober 2009

Patrick Dorner (patrick_dorner@filmnews.at)

engl. Website

Zahlen, Daten, Fakten

Titel:El Sistema
Land:D, Fra, CH, Jap, Ven, Est, Suo, Pol, Can, Swe 2008
Regie:Paul Smaczny, Maria Stodtmeier
Hauptdarsteller:José Antonio Abreu, Gustavo Dudamel
Produktion:EuroArts Music, Arte France, Schweizer Fernsehen (FS), NHK, Estonian Television (ETV), YLE Teema, Telewizja Polska (TVP), Knowledge Network, Sveriges Television (SVT)
Homepage:engl. Website

Gurbet – In der Fremde

Gurbet

Ein Szenario ganz anders als heute: Aufgrund von Arbeitskräftemangel kam es 1964 zum „Anwerbeabkommen“ zwischen Österreich und der Türkei, mit dem hunderttausende damals „Gastarbeiter“ genannte ArbeitsmigrantInnen ins Land geholt wurden.
In seinem Werk „Gurbet – In der Fremde“ geht Kenan Kiliç dem Schicksal einiger dieser Menschen auf den Grund: Hierbei handelt es sich um den ersten Dokumentarfilm, der die heute kaum beachteten ArbeitsmigrantInnen der ersten Generation in den Mittelpunkt rückt. Als filmische Mittel wählt Kiliç persönliche Interviews, ruhige Blicke in den Alltag und die Umgebung seiner heute meist schon pensionierten ProtagonistInnen, sowie Archivaufnahmen und Fotos.
Gemeinsam ist den neun Interviewten vor allem das Scheitern des Plans, nach wenigen Jahren der Arbeit im Ausland in ihre Heimat zurückzukehren, der sich oft über vier Dekaden immer weiter nach hinten verschob. Auf diese Weise verbrachten sie den Hauptteil ihres Lebens als „Gastarbeiter“ in Österreich. Schon an diesem Wort allein entzündet sich im Laufe des Films eine der Hauptschwierigkeiten der porträtierten Menschen: Denn nachdem Kiliç nach ihrer Herkunft gefragt und dann die trotz einer grundsätzlich freundlichen Aufnahme oft haarsträubenden Umstände ihrer Ankunft und der ersten Jahre aufgezeigt hat (demütigende Untersuchungen und von den „Gastgebern“ völlig unzureichend geschaffene Voraussetzungen für ein Leben in Österreich), stellt er vor allem die Gedanken und Gefühle der nach fast 40 Jahren immer noch als „Gast-Arbeiter“ und nicht als gleichgestellte Menschen angesehenen Personen in der ausländerfeindlichen Gegenwart ins Zentrum seines Films.
Doch gibt es nicht nur Probleme, Enttäuschung und Zerrissenheit: Schön gelingt es Kiliç, positive und negative Seiten der Arbeitsmigration und des Lebens in Österreich nebeneinanderzustellen, verschiedene Erfahrungen und Meinungen aufzuzeigen: Während sich manche der Interviewten wie „auf einer schnurlosen Schaukel zwischen zwei Welten“ fühlen und in beiden Ländern keine Heimat (mehr) haben, da sie auch in der Türkei als Fremde, als „Deutschländer“ wahrgenommen werden, sehen sich andere eindeutig als Bürger Österreichs.
Dennoch ist Kiliçs Film vor allem in seinen eindringlicheren letzten Minuten, nachdem der Regisseur einige seiner ProtagonistInnen bei einem Besuch in ihrer türkischen „Heimat“ begleitet hat (und hier auch die Seite der im Dorf Gebliebenen beleuchtet), ein deutlicher Appell gegen Ausländerfeindlichkeit und Ausgrenzung: Die Absurdität und Hetze einer Strache- und Winter-„Politik“ und der Schmerz der MigrantInnen über Rassismus und Heimatlosigkeit lassen einem gleichermaßen Schauer über den Rücken laufen.
„Gurbet – In der Fremde“ ist ein wichtiges und wertvolles Werk und ein zeitgeschichtliches Dokument, das durch einen Blick in die Vergangenheit die Augen der Zuseher für die Zustände und Schwierigkeiten der Gegenwart öffnet, für Verständnis plädiert und dieses erhöht, wo nichts als Verständnis (in jeder Bedeutung) zu einem geglückten Zusammenleben aller Teile einer Gesellschaft führen kann.

Österreichstart: 02.10.2009

Sabina Zeithammer (sabina_zeithammer@filmnews.at)

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Zahlen, Daten, Fakten

Titel:Gurbet – In der Fremde
Land:Österreich 2008
Regie:Kenan Kiliç
Produktion:Kilic Filmproduktion
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Wickie und die starken Männer

Wickie

Wer ab oder nach 1974 regelmäßig zu Kinderprogrammzeiten ferngesehen hat, kennt sie – die 78-teilige Zeichentrickserie „Wickie und die starken Männer“. Wer in den letzten Wochen im Kino war, kennt auch sie – die kurzen Trailer zu Michael Bully Herbigs gleichnamiger Realverfilmung. Klamaukige Szenen im Bullystil waren ihr Inhalt – ein Steinewerfender Wickie, der die kleine Ylvi trifft; wackere Wickinger, die beim Entern eines Schiffes nicht von den Seilen herunterkommen; ein Schrecklicher Sven im Beiboot, dessen Komplize gegenüber gewichtsbedingt in der Luft rudert.
Hier drängte sich die Befürchtung auf, die von mehreren Generationen geliebte Serie könnte zu einer schmerzhaft platten Parodie in Spielfilmform verkommen sein. Doch die Trailer täuschen – erfreulicherweise.
Warum auch immer diese Werbestrategie gewählt wurde – die Essenz des Werks trifft sie nicht. Denn obgleich Bullyhumor und Bully Herbig selbst im Film eine Rolle spielen, sind beide so wohldosiert eingesetzt, dass Stil und Geist der Zeichentrickserie auch in der Realverfilmung großteils ausreichend Raum überlassen werden. Das von Herbig mitverfasste, auf der Kinderbuchreihe von Runer Jonsson basierende Drehbuch bildet auf diese Weise die Grundlage für eine süße, lustige und unterhaltsame Abenteuerkomödie vor allem für Kinder, die aber (beispielsweise mit prominent besetzten Minirollen und Filmzitaten) auch Eltern und andere Erwachsene nicht langweilt.
Auf die Älteren abgestimmt war wohl auch der Inhalt der Trailer – wenn die nostalgische Verbindung mit Fernseherlebniserinnerungen aus der Kindheit nicht reicht, lockt zusätzlich der (im Gesamtfilm jedoch in diesem Fall wie gesagt angenehm spärliche) Bullyhumor.
Was der Geschichte um den Wikingerjungen aus Flake, um den Wettstreit zwischen Kraft und Intelligenz, um Angst und Mut, um Kinderraub, Rettungsaktion mit Schatzsuche und natürlich eine Menge Wickieschen Einfallsreichtum und Erfindungsgeist (inklusive sprühender Sterne) einen zusätzlichen Reiz verleiht, ist die zumeist verblüffende Ähnlichkeit der Schauspieler mit ihren gezeichneten Vorbildern – die TV-Castingshow „Bully sucht die starken Männer“ hat sehr zufriedenstellende Früchte getragen. Wirklich entzückend anzusehen sind vor allem Wickie und (eine im Vergleich zur Originalserie um ein ganzes Eck erwachsenere und emanzipiertere) Ylvi, die von den begabten Jungschauspielern Jonas Hämmerle und Mercedes Jadea Diaz verkörpert werden.
Obwohl „Wickie und die starken Männer“ keinen Ersatz für die Originalität und den Witz der Zeichentrickserie bietet, handelt es sich bei Herbigs Werk doch um eine sehr gelungene Spielfilmfassung des Stoffes, die sich mit großer Wahrscheinlichkeit eines generationenübergreifenden Interesses erfreuen können wird. Vielleicht gelingt es ja sogar umgekehrt, die Kinder von heute damit (stärker) auf die „alte“ Serie aufmerksam zu machen, die in der Zwischenzeit nichts von ihrem besonderen Charme eingebüßt hat.

Österreichstart: 09.09.2009

Sabina Zeithammer (sabina_zeithammer@filmnews.at)

dt. Website

Zahlen, Daten, Fakten

Titel:Wickie und die starken Männer
Land:Deutschland 2009
Regie:Michael Bully Herbig
Hauptdarsteller:Jonas Hämmerle, Waldemar Kobus, Nic Romm, Christian Koch, Olaf Krätke, Mike Maas, Patrick Reichel, Jörg Moukaddam, Günther Kaufmann, Mercedes Jadea Diaz, Sanne Schnapp, Ankie Beilke, Christoph Maria Herbst, Michael Bully Herbig
Produktion:Christian Becker Produktion der Rat Pack Filmproduktion, in Co-Produktion mit herbX film und Constantin Film Produktion
Homepage:dt. Website

Ricky - Wunder geschehen

Ricky

Katie, gespielt von Alexandra Lamy, wirkt nicht besonders glücklich. Als alleinerziehende Mutter ist sie überfordert und die Fließbandarbeit in einer Fabrik scheint sie zu frustrieren. Zu Hause in der Hochhaussiedlung mit ihrer kleinen Tochter Lisa (Mélusine Mayance) findet sie ab und zu noch etwas Freude, doch wer hier die Erwachsene ist, scheint nicht immer ganz klar. Nachdem sie Lisa mit dem Moped zur Schule gebracht hat, fährt sie Tag ein Tag aus in die Arbeit und schraubt dort Verschlüsse auf Flaschen – keine sehr erfüllende Tätigkeit. Eines Tages wird sie jedoch während der Mittagspause auf den spanischen Arbeitskollegen Paco (Sergi Lopez) aufmerksam. Die beiden verstehen sich auf Anhieb sehr gut und werden ein Paar. Für Tochter Lisa ist es nicht ganz einfach, dass es nun einen neuen Mann in Katies Leben geben soll, der dann auch noch bei ihnen einzieht. Nachwuchs kündigt sich schon bald darauf an und neun Monate später wird der süße, blonde Junge mit den blauen Augen geboren – Ricky. Dieser sieht zwar niedlich aus, ist jedoch ein Baby, das besonders viel schreit, was die Nerven der Eltern ziemlich strapaziert. Die anfängliche Verliebtheit schwindet schnell dahin und Paco zieht es vor, immer später von der Arbeit nach Hause zu kommen. Als dann die Rollen getauscht werden und Paco zu Hause bleibt, während Katie wieder arbeiten geht, kommt es zum Eklat. Ricky hat seltsame blaue Flecken am Rücken, die eindeutig nach Misshandlung aussehen. Paco zieht sofort aus, denn solche Vorwürfe lässt er sich nicht gefallen. Katie und Lisa kümmern sich von nun an alleine um Ricky und entdecken schon bald voller Staunen, dass mit dem kleinen Jungen eine seltsame Verwandlung vor sich geht, die Pacos Unschuld deutlich macht.
Francois Ozon liefert mit Ricky- Wunder geschehen eine Art modernes Märchen mit sozialem Einschlag, denn das eher bescheidene Leben der kleinen Familie, das geschildert wird, könnte das zum Teil triste Dasein von vielen sein – wäre da nicht Rickys besonderes Merkmal. Mittelpunkt des Films bleibt eigentlich Katie, bei der es Ozon gelungen ist, nur wenig Sympathien an der Figur der Mutter haften zu lassen – im Gegenteil, an mancher Stelle wirkt sie unreifer und unselbstständiger als ihre Tochter Lisa, scheint unfähig ihr Leben in die Hand zu nehmen und auch nur irgendetwas zu tun. Selbst in ihrer Hilflosigkeit erweckt Katie aber meist nur wenig Mitleid.
Der auf der Kurzgeschichte „Moth“ von Rose Tremain basierende Film mischt unterschiedliche Genres und liefert mit einigen Spezialeffekten eine recht interessante Kombination aus Fantasy und realistischer Milieudarstellung.

Österreichstart: 14.08.2009

Astrid Meixner (astrid_meixner@filmnews.at)

fr. Website

Zahlen, Daten, Fakten

Titel:Ricky - Wunder geschehen
Land:Frankreich 2008
Regie:Francois Ozon
Hauptdarsteller:Alexandra Lamy, Sergi Lopez, Mélusine Mayance, Arthur Peyret, André Wilms, Jean-Claude Bolle-Reddat, u.a.
Produktion:Claudie Ossard, Chris Bolzli
Homepage:fr. Website

Coco Chanel- Der Beginn einer Leidenschaft

Coco Chanel

Ein kleines, ernstes Mädchen sitzt auf einer Kutsche und scheint zu wissen, dass sie gerade fortgebracht wird. Gemeinsam mit der älteren Schwester Adrienne wird Gabrielle Chanel vom eigenen Vater in ein Waisenhaus gebracht und dort nie wieder abgeholt.

Jahre später: die beiden ungleichen Schwestern springen hinter einem Vorhang hervor und singen - im Varieté. Während sie damit spätabends Geld verdienen, arbeiten sie tagsüber auch noch als Näherinnen, um über die Runden zu kommen. Adrienne, gespielt von Marie Gillain, hofft auf die Erlösung aus der Armut durch einen reichen Baron. Gabrielle (Audrey Tautou), die von allen nur Coco genannt wird, macht sich keine Hoffnungen auf derartiges und außerdem will sie sowieso niemals heiraten. Coco ist viel zu stolz, um von einem Mann abhängig sein zu können, zumindest sagt sie das. Auch wenn es nach außen hin nicht immer so scheint, hat sie trotz allem Träume – auch sie will ausbrechen aus der unglamourösen Welt, in der sie aufgewachsen ist. Als sie eines Tages den reichen Etienne Balsan (Benoit Peolvoorde) kennen lernt, kommt sie auf den Geschmack des Luxuslebens und nistet sich kurzerhand bei Balsan ein. Eine seltsam anmutende freundschaftliche Beziehung zwischen den beiden entsteht. Im Kreise der Reichen und Schönen fällt Coco sofort auf, weigert sich die junge Dame doch, auffällige Kleider und sonstigen Schnickschnack zu tragen. Während die einen sie dafür bewundern, fangen die anderen an sie zu kritisieren. Doch was andere sagen, darauf scheint sie nicht viel zu geben.

Audrey Tautou schlüpft in „Coco Chanel- Beginn einer Leidenschaft“ in die Rolle der jungen Coco Chanel. Regisseurin Anne Fontaine zeigt das Porträt einer jungen, starken und vor allem sehr stolzen Frau und dass aller Anfang immer schwer ist. Die Figur der Coco behält jedoch immer auch etwas Verletzliches. Auch wenn sie es nicht gern zugeben würde, Coco ist doch nur ein Mensch und von den Männern ganz befreien, kann sie sich auch nicht.
Der Weg aus der Armut über das Varieté und den reichen Förderer bis schließlich der erfolgreiche Durchbruch gelingt – keine ganz neue Geschichte. Audrey Tautou fügt sich mit einer Mischung aus zarter Verletzlichkeit und Stärke sehr gut in ihre Rolle und bringt die verschiedenen Facetten der jungen Coco in jedem Fall zum Vorschein.

Österreichstart: 13.08.2009

Astrid Meixner (astrid_meixner@filmnews.at)


dt. Website

Zahlen, Daten, Fakten

Titel:Coco Chanel- Der Beginn einer Leidenschaft
Land:Frankreich 2009
Regie:Anne Fontaine
Hauptdarsteller:Audrey Tautou, Benoit Poelvoorde, Marie Gillain, Allessandro Nivola, Emmanuelle Devos
Produktion:Caroline Benjo, Carole Scotta, Philippe Carcassonne, Simon Arnal
Homepage:dt. Website

Ich habe sie geliebt

Ich habe sie geliebt

Pierre (Daniel Auteuil) sitzt mit seiner vom eigenen Sohn verlassenen und gekränkten Schwiegertochter Chloé (Florence Loiret Caille) vor dem Kamin in seinem Landhaus in den Bergen. Nichts scheint die verletzte Frau zu trösten, sie fühlt sich alleingelassen, ausgetauscht durch eine andere Frau will sie Pierres Ratschläge nicht recht hören, immerhin ist es sein Sohn, der ihr all das Leid zugefügt hat. So fängt Pierre irgendwann an über sich selbst zu sprechen und erzählt davon, warum er seine Ehe aufs Spiel gesetzt hat und weshalb er seit 20 Jahren Tag ein Tag aus an die gleiche Frau denkt.
Basierend auf Anna Gavaldas kurzem Roman „Ich habe sie geliebt“ liefert uns Zabou Breitman nun die filmische Version eines Gesprächs zwischen Schwiegervater und Schwiegertochter, in dem es um mehr geht als nur um das Verlassen werden – zumindest im Buch.
Das, was Pierre aus seiner Vergangenheit erzählt, wird im Film bebildert, die viel jüngere Frau, in die er sich mit über 40 auf einer Geschäftsreise plötzlich verliebt, Mathilde (Marie-Josée Croze), bekommt auf einmal ein konkretes Gesicht. Die Leidenschaft zwischen dem ungleichen Paar steigert sich, aus einer kurzen Liebelei wird eine längere Affäre, aus dieser dann die Tatsache eine Entscheidung treffen zu müssen. Doch Pierre ist feige und entscheidet sich gegen ein neues Leben mit Mathilde. Eine Tatsache, die ihm auch Jahre später noch keine Ruhe lässt. Die Reue, nicht den Mut gehabt zu haben, seine langjährige Ehe zu beenden und mit Mathilde neu anzufangen, holt ihn immer wieder ein und ließ ihn verbittert und kühl werden, wie er selbst meint. Daniel Auteuil, in der Rolle des Pierre, wirkt an vielen Stellen des Films mehr wie ein Mann in der Midlifecrisis, der sein altes Familienleben satt hatte und sich ganz klassisch in eine unüberlegte Affäre stürzt. Wenn er der schönen Mathilde plötzlich leidenschaftliche Worte sagt, die er zuvor nie in den Mund genommen hätte, verhält er sich wie ein kleiner verliebter, etwas hilfloser Junge. Alles scheint so voraussehbar, selbst die Szene, in der Mathilde ihm mitteilt schwanger zu sein und er nur fragt „von wem?“. Trotzdem schafft es Breitman an manchen Stellen des Films deutlich zu machen, wie tiefgehend Pierres Leiden trotz allem war und ist und dass es für ihn mehr als nur eine kurze Liebesgeschichte war. Selbst wenn Pierre am Ende als feige und verbittert dasteht, erkennt man doch den Sinn dahinter, warum er gerade in diesem Moment genau diese Geschichte erzählt hat und was sie Chloé verdeutlichen soll.
In gewohnt eher langsamem, französischem Tempo erzählt der Film einen Dialog zwischen zwei Menschen, die sich kaum kennen, obwohl sie seit Jahren zur selben Familie gehören und nun beide mit etwas abschließen müssen.

Österreichstart: 31.07.2009

Astrid Meixner (astrid_meixner@filmnews.at)

engl. Website

Zahlen, Daten, Fakten

Titel:Ich habe sie geliebt
Land:Frankreich 2009
Regie:Zabou Breitman
Hauptdarsteller:Daniel Auteuil, Marie-Josée Croze, Florence Loiret Caille, Christiane Millet, Genevieve Mnich
Produktion:Fabio Conversi (Babe Films)
Homepage:engl. Website

Affären à la carte

Affären a la Carte

Ein gemütliches Beisammensein mit alten Freunden bei einem gemeinsamen Abendessen - so ein Vorhaben klingt doch recht nett – manchmal zumindest. Denn wenn eigentlich keiner hingehen will und schließlich trotzdem alle kommen, nur um dann den ganzen Abend so zu tun als ginge es ihnen gut und als wäre das eigene Leben einfach wunderbar, kann das nur ein wenig chaotisch enden. Während die einen eine perfekt laufende Beziehung vorgaukeln, verheimlichen die anderen ihre Affären oder verbergen schlimme Krankheiten.

Regisseur Danièle Thompson zeigt in seinem neuesten Film Affären à la carte, dass so ein Treffen unter Freunden nicht immer unbedingt erholsam sein muss und dass dabei die wichtigen Dinge im Leben nicht wirklich angesprochen werden.

Gesellschaftscodes wie ein Lachen hier und ein zustimmendes Nicken dort kennt jeder und die meisten setzen diese auch gekonnt ein, vor allem wenn sie etwas verbergen wollen. Zu Gast bei ML (Karin Viard) und ihrem Mann Piotr (Dany Boon) haben eigentlich alle inklusive Gastgeber Geheimnisse. Dass sich diese auf Dauer nicht verheimlichen lassen, wird im Verlauf des Films recht schnell deutlich. Regisseur Thompson lässt das Publikum einerseits am turbulenten Dinnerabend teilhaben, andererseits erfährt man immer wieder Details aus dem Leben der einzelnen Gäste. Oft reichen nur in Gelächter untergehende Wortfetzen und ein Blick in die Gesichter der Freunde, um zu wissen, dass hier keine wirklichen Lebensinhalte besprochen werden und es in den unterschiedlichen Persönlichkeiten ganz anders aussieht.

Affären à la carte zeigt auf zum Teil sehr humorvolle Weise, dass das Verhalten in der Öffentlichkeit und das, was Menschen zu anderen sagen, oft sehr im Gegensatz zu dem steht was sie wirklich denken und vor allem fühlen. Neben viel französischem Witz besticht der Film vor allem durch die extrem prominente Besetzung. Kenner des französischen Kinos werden zahlreiche Publikumslieblinge wiedersehen.

Österreichstart: 24.07.2009

Astrid Meixner (astrid_meixner@filmnews.at)

dt. Website

Zahlen, Daten, Fakten

Titel:Affären à la carte
Land:Frankreich 2009
Regie:Danièle Thompson
Hauptdarsteller:Karin Viard, Day Boon, Emmanueller Seigner, Christopher Thompson, Marina Fois, Patrick Bruel, Marina Hands, Blanca Li, Laurent Stocker, Patrick Chesnais, Pierre Arditi
Homepage:dt. Website

Che – Guerrilla

Che - Guerilla

Gerüchte machen ihr Unwesen in Kubas Hauptstadt Havana. Der Aufenthalt von Ernesto Che Guevara (Benicio Del Toro) ist unbekannt, noch nicht einmal seine Frau scheint zu wissen wo er sich befindet. In dieser Situation entschließt sich Fidel Castro (Demián Bichir) einen Brief Guevaras in einer Fernsehansprache vorzutragen. In diesem Schreiben legt der Revolutionär seine Ministerämter, sein Funktionen im kommunistischen Zentralkomitee sowie seine kubanische Staatsbürgerschaft zurück um in Lateinamerika die Revolution zu verbreiten. Es scheint als sei Guevara nun auf sich allein gestellt, fernab seiner getreuen kubanischen Kameraden. Er reist mit einer falschen Identität in sein Zielland ein: Bolivien. Das von einer Militärdiktatur gepeinigte Land soll dank kräftiger kubanischer Hilfe und angeführt von der lebenden Legende Che Guevara befreit werden. Doch während auf Kuba den Revolutionären das Glück hold war, scheint in Bolivien alles erdenkliche schief zu gehen.

Im zweiten Teil seines Che Guevara Epos’ zeichnet Steven Soderbergh ein Bild des Scheiterns. Bereits von der ersten Minute an durchzieht das Werk eine Stimmung des Abschieds, die vom Regisseur konsequent bis zu letzten Minute – in der die Exekution Guevaras aus dessen Blickwinkel gezeigt wird – inszeniert wird. „Che – Guerrilla“ nimmt sich wie eine Spiegelung der Ereignisse aus dem ersten Teil aus und es erscheint am ratsamsten die beiden Werke ohne Unterbrechung zu betrachten um sowohl die inszenatorischen Feinheiten zu erfahren. Dabei fällt vor allem die konventionellere und kompaktere Inszenierung auf, die Soderbergh für die gescheiterte bolivianische Revolution wählte. Während im ersten Teil Guevara nur ein Kämpfer unter vielen war, so rückt er hier als überlebensgroße Legende in den Mittelpunkt. Die um ihn versammelten Männer umschwirren und bewundern ihren Anführer und die Gerüchte rund um seine Anwesenheit in Bolivien bereiten der Militärdiktatur größere Sorgen als die kampfbereiten Revolutionäre selbst.

Doch genau diese etwas konventionellere Herangehensweise, ohne große Brechungen und garniert mit den Auftritten einiger Gaststars (Franka Potente, Lou Diamond Philipps, Matt Damon) in mehr oder weniger wichtigen Rollen, schwächt den Gesamteindruck des Gesamtkunstwerks „Che“. Der von nervöser Getriebenheit gezeichnete erste Teil, wird durch eine ruhige und kontrollierte Inszenierung des zweiten Teils gespiegelt. Dies mag zum einen für das unbestrittene Können Soderberghs sprechen, erschwert jedoch den Zugang zu Che Guevara. Es ist allerdings auch nie das Bestreben des Filmemachers, dem Publikum eine einfache und eindeutige Interpretation der Historie zu liefern. Viel mehr zeichnet er zunächst eine Geschichte des Triumphs um sie danach als Geschichte des Scheiterns zu erzählen, dabei kann er sich auf einen grandiosen Benicio Del Toro stützen, der in der Rolle des Ernesto Che Guevara eine eindrucksvolle Darbietung liefert.

Österreichstart: 24. Juli 2009

Patrick Dorner (patrick_dorner@filmnews.at)

engl. Website

Zahlen, Daten, Fakten

Titel:Che – Guerrilla
Land:Spanien, Frankreich, USA 2008
Regie:Steven Soderbergh
Hauptdarsteller:Benicio Del Toro, Cristian Mercado, Carlos Bardem, Joaquim de Almeida, Franka Potente, Demián Bichir, Lou Diamond Philipps, Matt Damon
Produktion:Laura Bickford Productions, Morena Films, Telecinco, Wild Bunch
Homepage:engl. Website

Public Enemy No.1 – Todestrieb

Public Enemy No.1

Jaques Mesrine – der mit einem César als Bester Darsteller ausgezeichnete Vincent Cassel – ist ein kleiner Gauner. Im Frankreich der Siebziger Jahre arbeitet er gemeinsam mit seinem Partner Michel Ardouin (Samuel Le Bihan) an verschiedenen Banküberfällen. Doch anstatt diskret und unauffällig diese Coups durchzuziehen, lässt sich Mesrine stets von seinem Ego leiten und überfällt auch gerne mal – ohne Maske – schnell eine zweite Bank die auf dem Fluchtweg liegt. Kein Wunder also dass er immer wieder gefasst wird, doch lange bleibt der Gauner nie im Gefängnis. Immer wieder gelingt ihm die Flucht und immer wieder macht er sich auf um noch spektakulärere Überfälle zu arrangieren. Ein Verhalten, dass ihm schon bald den Ruf als „Staatsfeind Nummer 1“ einbringt.

Die wahre Geschichte des bekanntesten Gangsters Frankreichs inszeniert Jean-Francois Richet mit den Mitteln des klassischen US-Gangsterepos. Im Rückblick zeigt der Regisseur die bescheidenen Anfänge und den stetigen Aufstieg. Dabei kommen auch die Beziehungen zu seinen Partnern – Samuel Le Bihan, Mathieu Amalric – als auch eine leidenschaftliche Liebesgeschichte – Ludivine Sagnier – nicht zu kurz. Es ist eine souveräne aber auch wenig originelle Inszenierung, die den Zuseher durch das gewalttätige Treiben führt und einzig der leidenschaftlich aufspielende Vincent Cassel verhindert, dass „Public Enemy No.1 – Todestrieb“ in den Untiefen des 08/15-Gangsterthrillers verschwindet.

„Public Enemy No.1 – Todestrieb” ist der zweite und abschließende Teil einer episch angelegten Saga (der erste Teil: „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt“ beschreibt die Erfahrungen Mesrines im Algerienfeldzug), die sich anhand der Person Jaques Mesrine aufmacht, das gesellschaftliche Klima Frankreichs in den Siebzigerjahren zu ergründen. Regisseur Richet gelingt dies zwar nicht, doch schafft er immerhin einen sehenswerten Actionfilm, der seine hochgestellten Ansprüche nicht erfüllen kann.

Österreichstart: 03. Juli 2009

Patrick Dorner (patrick_dorner@filmnews.at)

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Zahlen, Daten, Fakten

Titel:Public Enemy No.1 – Todestrieb
Land:Frankreich 2008
Regie:Jean-Francois Richet
Hauptdarsteller:Vincent Cassel, Samuel Le Bihan, Ludivine Sagnier, Mathieu Amalric, Olivier Gourmet
Produktion:La Petite Reine, M6 Films, Remstar Productions, Canal+, TPS Star, 120 Films, Natixis Coficiné, Uni Etoile 4, Uni Étoile 5, Cinémage 2, Banque Populaire Images 8, Région Haute-Normandie, Centre National de la Cinématographie, Pathé
Homepage:dt. Website

Stilles Chaos

Stilles Chaos

Manchmal ist von einem Moment auf den anderen alles anders. Das Leben, wie man es bisher gekannt hat, ist vorbei und es gilt neue Wege zu finden. Dass dieser Weg auch zu einer Parkbank führen kann, zeigt Regisseur Antonello Grimaldi auf eindrucksvolle Weise in seinem neuen Film „Stilles Chaos“.
Pietro Paladini (Nanni Moretti) kommt von einem Strandausflug mit seinem Bruder zurück. Seine kleine Tochter Claudia (Blu Yoshimi) läuft ihm weinend entgegen, seine Frau liegt tot im Garten – sie ist einfach umgefallen. Für Pietro und seine Tochter beginnt eine schwere Zeit, doch beide trauern nicht öffentlich, sondern still, jeder für sich. Weil sich Pietro große Sorgen um seine Tochter macht, verspricht er ihr am ersten Schultag nicht wegzugehen, sondern den ganzen Tag im Park vor der Schule auf sie zu warten. Tatsächlich tut er dies auch, doch nicht nur am ersten Tag. Während Pietro nun Tag für Tag die Umgebung beobachtet, frühstückt, Zeitung liest und auch arbeitet, bekommt er immer wieder Besuch von Arbeitskollegen und Freunden. Er stellt fest, dass er vieles über seine Frau nicht wusste und merkt auch, dass er mit seiner Anwesenheit nicht seiner Tochter, sondern vor allem sich selbst hilft, um mit der neuen Situation zurechtzukommen.
Regisseur Grimaldi schafft es, einen Großteil der Handlung an nur einem Ort ablaufen zu lassen, was aber keineswegs langweilig wird. Die ausgezeichnete Mimik von Nanni Moretti, dessen Gesicht zur zentralen Erzählfigur des Films wird, spricht Bände und lässt den Zuschauer auf diese Weise erfahren, was in, mit und um Pietro passiert. Trotz ernsthafter Thematik ist dies keineswegs ein dramatischer Film. Die Geschichte verläuft recht locker und lässt mit feinem Humor nicht nur bei Pietro wieder die Hoffnung aufkeimen.

Österreichstart: 19.06.2009

Astrid Meixner (astrid_meixner@filmnews.at)

dt. Website

Zahlen, Daten, Fakten

Titel:Stilles Chaos
Land:Italien 2008
Regie:Antonello Grimaldi
Hauptdarsteller:Nanni Moretti, Blu Yoshimi, Alessandro Gassmann, Valeria Golino, Isabella Ferrari, Kasia Smutniak, Hippolyte Girardot, Denis Podalydès, Charles Berling, Roman Polanski, Silvio Orlando, Alba Rohrwacher, Manuela Morabito
Produktion:Fandango
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Che – Revolución

Che Revolucion

Havana, 1964. Ernesto Che Guevara – ein mit Haut und Haaren in seinen Charakter eintauchender Benicio Del Toro – sitzt einer amerikanischen Reporterin gegenüber und beantwortet ihre Fragen. Es ist das Jahr in dem der kubanische Revolutionär mit argentinischem Pass vor den Vereinten Nationen eine Rede halten soll. Es ist das Jahr, in dem Guevara – das Symbol der Revolution – den amerikanischen Imperialismus geißeln und den Kampf seiner Mitstreiter verteidigen wird. Dabei fing alles ganz unverbindlich an, mit einem Abendessen in Mexiko City im Jahr 1955, bei welchem sich Guevara und Fidel Castro kennen lernen sollten. Eine politische Männerfreundschaft.

Steven Soderbergh – Oscar-gekrönter Regisseur von „Traffic“ und stets zwischen Hochglanz-Mainstream („Ocean’s Eleven“) und Independent-Filmen („Bubble“) hin und her wechselnder Filmemacher – widmet sich in seinem Biopic über Che Guevara vor allem den Jahren der Revolution. Der langsame und zermürbende Kampf auf der kubanischen Insel, liegt in „Che – Revolución“ im Mittelpunkt, wenngleich Soderbergh auch immer wieder nach New York, ins Jahr 1963 wechselt. Gerade jene Sequenzen inszeniert Soderbergh in grobkörnigem Schwarzweiß, als ob sie einer fremden und unwirklichen Traumwelt entspringen würden. Guevara wirkt in seiner Militäruniform auch wie ein Fremdkörper, der sich Pflichtbewusst aber mit gebotener Distanz durch die Hallen der Vereinten Nationen und politische Empfänge bewegt. Vollkommen gegensätzlich wirkt die flirrende Inszenierung der Revolution auf Kuba.

Schleppend und mühsam bewegt sich die kleine Schar Guerrilla-Kämpfer durch den endlosen Dschungel, von Bauernhof zu Bauernhof vorwärts. Kleine Erfolge gegen die Armee des Diktators Batista sind die spärlichen Highlights. Zumeist bewegen sich die kämpfenden Truppen in kleinen Einheiten separat durch das Land, immer auf Anweisungen von Revolutionsführer Fidel Castro – Demián Bichir, der die Manierismen seiner Figur großartig einstudiert hat – wartend. Che Guevara ist hier zunächst nur der Arzt aus Argentinien, später der angesehene ideologische und militärische Führer seiner Männer, denen er neben Lesen und Schreiben auch die Ideologie beibringt. Hier taucht Soderbergh mit seiner Handkamera in das Geschehen ein und der Zuseher verliert sich mit ihm im wenig aufregenden Alltag. Es gehört zu den Schwächen von „Che – Revolución“ (dem ersten von zwei Teilen des Mammutprojektes über Che Guevara) dass die Inszenierung sich weniger für eine Analyse der Vorgänge als für deren nüchterne Abbildung interessiert. Die Hintergründe der vielen Männer und wenigen Frauen bleiben nur schwach ausgeleuchtet, die Motivation von Guevara und der beiden Castro-Brüder werden angedeutet, doch taucht Soderbergh immer so tief in die Truppen ein, dass selbst die logischen Hauptfiguren immer wieder zu Randerscheinungen werden.

Eine Auseinandersetzung mit der Revolution und ihren ideologischen Hintergründen erfolgt vor allem durch die Rede vor den Vereinten Nationen und die Antworten anderer lateinamerikanischer Botschafter, sowie durch die Interview-Szenen. Doch lässt Soderbergh keinen Zweifel daran, dass er den Sieg Castros über Diktator Batista gut heißt. Ideologisch geeichte (rechts wie links) werden sich bei „Che – Revolución“ in ihren Vorurteilen bestätigt fühlen, denn durch die betonte Analyseverweigerung überlässt es der Regisseur dem Publikum ob Che Guevara Heiliger oder Mörder war.

Österreichstart: 12. Juni 2009

Patrick Dorner (patrick_dorner@filmnews.at)

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Zahlen, Daten, Fakten

Titel:Che – Revolución
Land:Frankreich, Spanien, USA 2008
Regie:Steven Soderbergh
Hauptdarsteller:Benicio Del Toro, Rodrigo Santoro, Catalina Sandino Moreno, Demián Bichir, Julia Ormond
Produktion:Estudios Picasso, Laura Bickford Productions, Morena Films, Section Eight, Telecinco, Wild Bunch
Homepage:engl. Website

C’est la vie – So sind wir, so ist das Leben

Cèst la vie

“C’est la vie” erzählt von einer ganz normalen Familie. Und jeder, der eine “ganz normale” Familie kennt, weiß, dass in einer solchen rein gar nichts normal ist. Schon deshalb nicht, weil überall dort, wo Individuen aufeinander treffen einfach nichts die Regel sein kann. So auch bei Marie-Jeanne (Zabou Breitman) und Robert Duval (Jacques Gamblin) und ihren drei Kindern Albert (Pio Marmai), Raphael (Marc-André Grondin) und Fleur (Déborah Francois). Der Film begleitet die Familie Duval über einen Zeitraum von zwölf Jahren. Eine Zeitspanne, die von Regisseur Rémi Bezancon dramaturgisch geschickt anhand von fünf schicksalhaften Tagen erzählt wird. Jeder dieser Tage zeichnet einen bedeutenden Wendepunkt im Leben eines Familienmitglieds und beschreibt gleichzeitig wie sehr die Veränderung im Leben eines einzelnen auch das Leben der übrigen Familienmitglieder beeinflusst.

Am 24. August 1988 verlässt der zielstrebige Albert das elterliche Heim, um endlich auf eigenen Füßen zu stehen. Zurück bleibt eine Familie, die nun gezwungen ist die bisherige Rollenverteilung neu zu überdenken… Fünf Jahre später ist aus der kleinen Fleur ein rebellischer Teenager geworden, der sich an seinem sechzehnten Geburtstag nichts sehnlicher wünscht als die Unschuld zu verlieren und endlich erwachsen zu werden. Am 22. Juni 1996 gesteht der verträumte Raphael seinem Großvater, dass er noch immer von einem Mädchen träumt, das er vor Jahren bei einem Luftgitarrenwettbewerb kennengelernt hat. Der 25. September 1998 hingegen ist der Tag, an dem die nach Jugend strebende Marie-Jeanne im Tagebuch ihrer Tochter eine unbequeme Wahrheit über sich selbst lesen muss. Und vier Jahre später erhält der lebensbejahende Robert schließlich eine Nachricht, die nicht nur sein Leben, sondern das seiner ganzen Familie für immer verändern wird.

Rémi Bezancons französischer Publikumserfolg ist ein witziges und emotionales Plädoyer für ein Gefüge, dessen Nähe wir gleichzeitig meiden und suchen. Das uns, ob wir es wollen oder nicht, prägt wie wohl kein anderes: die Familie.

Österreichstart: 08.05.2009

Aglaia Rudnay (aglai_rudnay@filmnews.at)

dt. Website

Zahlen, Daten, Fakten

Titel:C’est la vie – So sind wir, so ist das Leben
Land:Frankreich 2008
Regie:Rémi Bezancon
Hauptdarsteller:Zabou Breitman, Jacques Gamblin, Déborah Francois, Pio Marmai, Marc-André Grondin
Produktion:Isabelle Grellat, Eric Altmayer, Nicolas Altmayer
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Berlin Calling

Berlin Calling

Der Berliner DJ Paul Kalkbrenner, der in Hannes Stöhrs neuem Film Berlin Calling in der Hauptrolle agiert, liefert als DJ Ickarus ein Leinwanddebüt ab, das nicht nur aufgrund mancher biographischer Analogien zu seinem realen Leben äußerst bemerkenswert erscheint. Ickarus tourt mit seiner Managerin und Freundin Mathilde (Rita Lengyel) durch die Tanzclubs der Welt. Eine große Albumveröffentlichung steht bevor, als Ickarus jedoch nach einem Auftritt im Drogenrausch in eine Berliner Nervenklinik eingeliefert wird. Sein Leben gerät dadurch immer stärker außer Kontrolle und er erkennt, wie sehr er von den Drogen abhängig geworden ist.
Es ist kein reiner Drogen- oder Entzugsfilm, es ist vielmehr ein Film über einen Menschen der in seiner künstlerischen Ausdruckskraft und durch seine Drogenerlebnisse von einem Hoch in ein Tief rutscht um wieder aufzuerstehen um zu neuen Fähigkeiten und Kräften zu gelangen.
Eine Tragikomödie, die in einem Drama von niederschmetternder Realität immer wieder den Lebenswitz und den Zynismus seines Hauptcharakters hervor zu streichen vermag.
Ein Blick auf das Leben eines der Party frönenden Menschen, der einen Lebensstil pflegt der an seiner Substanz nagt. Sein Umfeld und sein Lebensstil drängen ihn in ein Abhängigkeitsverhältnis, er ist abhängig sowohl von seiner künstlerischen Ausdruckskraft wie auch von den Drogen. Gerade in der Nervenklinik, als man ihm sein Soundequipment als Strafe konfisziert, wird dies offensichtlich. Sein Lebensinhalt wurde ihm entwendet. Durch das Kreieren seiner Musik konnte er sich auch in den Mauern der Klinik ein Stück Freiheit und Verwirklichung erschaffen, noch dazu von besonderer Qualität.
Kalkbrenner, der sich bis zu einem gewissen Ausmaß in diesem Film auch selbst verkörpert hat in der Realität zwar einen professionelleren Umgang mit seinem Lebensablauf, doch können die biographischen Elemente nicht ganz ausgeblendet werden.
Ein Film der den kontemporären Geist Berlins und das Lebensgefühl einer sich dem Genuss elektronischer Musik hingebenden Generation einfängt wie kein anderer.

Österreichstart: 01.05.2009

Matthias Huethmair - matthias_huethmair@filmnews.at

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Zahlen, Daten, Fakten

Titel:Berlin Calling
Land:Deutschland 2009
Regie:Hannes Stöhr
Hauptdarsteller:Kalkbrenner, Rita Lengyel, Corinna Harfouch, Araba Wilton
Produktion:Sabotage Films, Stoehrfilm
Homepage:dt. Website

Die Herzogin

Herzogin

England, 1774. Die 17 Jahre alte Georgiana (Keira Knightley) erfährt von ihrer bevorstehenden Hochzeit mit dem Herzog von Devonshire (Ralph Fiennes). Georgianas Mutter (Charlotte Rampling) hat die Ehe eingefädelt, denn schließlich sucht der Herzog eine junge und hübsche Frau mit der er einen Nachfolger zeugen kann. Doch davon ahnt Georgiana nichts. Sie freut sich über die Bindung mit einem der mächtigsten Adeligen des Königreichs und wähnt sich in der Illusion, der mehr als doppelt so alte Herzog sei tatsächlich in sie verliebt. Doch schon am Tag ihrer Ankunft im Schloss Devonshire beginnt ihr Martyrium. Neben den ehelichen Pflichten schenkt der Herzog ihr kaum Aufmerksamkeit, sondern widmet sich mit voller Hingabe seinen Hunden. Das einzige Ziel seiner Ehe mit Georgiana ist die Zeugung eines Sohnes. Umso enttäuschter ist er, als das erste gezeugte Kind ein Mädchen ist.

Britische Kostümfilme im adeligen Setting haben den Vorteil, sich in Sachen Set- und Kostümdesign richtig austoben zu dürfen. Die Schauwerte sind denn auch beeindruckend. Die Schlösser und prachtvollen Gartenanlagen machen sich auf der Leinwand hervorragend und die Darsteller sehen in ihren Kostümen wunderbar aus. Kein Wunder also, dass „Die Herzogin“ für das beste Kostüm Design mit einem Oscar ausgezeichnet und für die Art Direction immerhin nominiert wurde. Regisseur Saul Dibb hat sich einen Gefallen damit getan, das Augenmerk auf das Setting und nicht auf die Geschichte zu lenken, denn viel Neues hat er nicht zu erzählen. Der alternde Herzog mit der jungen Gemahlin. Wirklich neu ist diese historisch verbürgte Geschichte nicht und gewinnt auch durch die eingestreuten Affären und politischen Umwälzungen kaum. Stattdessen bleibt das Auge anderweitig heften. Was jedoch schade ist, lenkt Dibb damit nicht nur gewollt von der dünnen und kaum vorangehenden Handlung ab sondern auch – womöglich ungewollt – von seiner erstklassigen Besetzung.

Keira Knightley agiert als Herzogin von Devonshire geradezu Oscarreif. Sie lässt die emotionalen Qualen sichtbar werden und gibt dem Zuseher Halt, in einem ansonsten etwas führungslos dahintreibendem Geschehen dass sich hauptsächlich an seiner Umgebung ergötzt. Übertroffen wird die stark aufspielende Knightley jedoch von ihrem Film-Ehemann Ralph Fiennes, der den Herzog von Devonshire distanziert, kühl und emotionslos im Angesicht seiner Frau zeigt, der mit einem Wink seiner Hand ihr zu verstehen gibt, dass ihm seine Hunde mehr bedeuten als sie. Fiennes bietet den perfekten Bösewicht, gleitet jedoch nie zu sehr ab und widersteht der Versuchung den Herzog als klischeehaften adeligen Sonderling zu porträtieren. Unterstützung erhalten die beiden von namhaften Schauspielern wie Charlotte Rampling, Dominic Cooper, Hayley Atwell und Simon McBurney, die alle in ihren kurzen Auftritten ihr Bestes geben um „Die Herzogin“ über das Niveau eines Durchschnittskostümmelodrams zu erheben. Trotz des Einsatzes der Darsteller und der Mitarbeiter der Kostümabteilung, scheitern sie alle leider an einem inspirationslosen Drehbuch.

Österreichstart: 8. Mai 2009

Patrick Dorner (patrick_dorner@filmnews.at)

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Zahlen, Daten, Fakten

Titel:Die Herzogin
Land:UK, Italien, Frankreich 2008
Regie:Saul Dibb
Hauptdarsteller:Keira Knightley, Ralph Fiennes, Hayley Atwell, Charlotte Rampling, Dominic Cooper, Simon McBurney
Produktion:Paramount Vantage, Pathé, BBC Films, Pathé Renn Productions, BIM Distribuzione, Qwerty Films, Magnolia Mae Films
Homepage:engl. Website

Contact High

Contact High

Österreichische Drogenkomödien sind eher eine Seltenheit. Michael Glawoggers neuer Film Contact High wagt sich auf sehr unkonventionelle Weise hinaus in eine Welt, die aufgrund überbordender Drogenberauschung nicht mehr wieder zu erkennen ist.
Auf der Suche nach einer geheimnisvollen Tasche begeben sich zwei Imbissbudenverkäufer und zwei Kleinganoven nach Krakau, um dort ein zunehmend surreales Abenteuer zu durchleben.
Unterschiedlichste Rauschzustände, Verwechslungen und Pannen verschränken sich ineinander und die Suche nach der Tasche bzw. deren Transport erweisen sich als ein sehr schwieriges Unterfangen.
Schauspielerisch von Michael Ostrowski und Raimund Wallisch wirklich überzeugend in Szene gesetzt, ist der Film schließlich eine dramaturgische Höllenfahrt, die auch bei einer Dauer von nur eineinhalb Stunden sehr redundant mit inhaltlichen Zuspitzungen und scheinbaren Notwendigkeiten umgeht.
Ein Film dem dadurch auch seine Identität fehlt, der zwischen Fantasy- und Roadmovie eine Realität konstruiert, die so verspielt und abgedreht ist, die einem so stark entfremdet vom Geschehen, dass man sich irgendwann nicht mehr dafür interessiert was überhaupt vor sich geht.
Nach Kriterien der Logik oder Vernunft darf in diesem Fall sowieso nicht vorgegangen werden, doch bei zum Teil gänzlichem Fehlen von Sinnzusammenhang oder eigenständigem Charakter müsste zumindest die Machart deutlichere avantgardistische Tendenzen aufweisen.
Die manchmal wirklich witzigen Dialoge können leider nicht über die inhaltlichen Fehlleistungen hinwegtrösten. Es folgen Szenen aufeinander, die in ihrer Individualität zwar überzeugen, doch eingebettet in die Geschichte eher unentschlossen und überzeichnet wirken.
Immer häufiger werdende Animationen sollen die Rauschzustände verbildlichen, werden mit der Zeit aber zu oft und unpassend eingesetzt. Ist der Film ein Fear and Loathing in Las Vegas für Arme oder ist er möglicherweise nur unter Drogeneinfluss adäquat konsumierbar?
Georg Friedrich mal wieder in gewohnter Manier als Kleinkrimineller und Detlef Buck als schwuler Chef einer Autowerkstatt sind beider herausragend und geben dem Film eine kräftige Portion Würze, die über manche Strecken hinweg die inhaltlichen Verblendungen vergessen machen.

Österreichstart: 18.04.2009

Matthias Hüthmair (matthias_huethmair@filmnews.at)

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Zahlen, Daten, Fakten

Titel:Contact High
Land:AT/DE/PL/LUX 2008
Regie:Michael Glawogger
Hauptdarsteller:Michael Ostrowski, Raimund Wallisch, Georg Friedrich, Detlev Buck, Hilde Dalik, Pia Hierzegger, Victor Varnado, Jeremy Strong
Produktion:Lotus-Film
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John Rabe

John Rabe

Der Deutsche John Rabe zählt bis heute in China zu den berühmtesten Menschen des Landes – in Europa kennt man ihn und seine Taten hingegen kaum. Diesen Umstand könnte Florian Gallenbergers Film „John Rabe“ verändern, der erzählt, wie aus dem Hamburger Geschäftsmann und NSDAP-Mitglied ein chinesischer Volksheld wurde: Nach 27 Lebensjahren in China wird Rabe, Leiter der Siemensniederlassung in der damaligen chinesischen Hauptstadt Nanking, 1937 nach Berlin versetzt. Zwischen China und Japan herrscht Krieg, und noch während Rabes Abschiedsfestes beginnt der Angriff und Einmarsch der äußerst grausam vorgehenden japanischen Armee. Auf den Vorschlag anderer in Nanking lebender Ausländer hin entschließt Rabe sich dazu, in der Stadt zu bleiben und als ihr Vorsitzender am Aufbau einer neutralen Sicherheitszone für die Zivilbevölkerung mitzuwirken. Bald fehlt es in der mit 250.000 Menschen vollkommen überfüllten Zone an allem, doch Rabe und seine MitstreiterInnen sind nicht gewillt, den Kampf um das Leben der Schutzsuchenden aufzugeben.
Der auf den Tagebüchern Rabes basierende (jedoch teils fiktive), aufwendig gemachte „John Rabe“ gibt sich große Mühe, das Publikum in seinen Bann zu ziehen – hundertprozentig klappen will das allerdings nicht: Trotz des riesigen Statistenaufgebots wird das Ausmaß der Rettungsaktion, der Bemühungen der Helfer und der im Umfeld geschehenden furchtbaren Verbrechen (die als „Massaker von Nanking“, bei dem bis zu 300.000 Menschen umkamen, in die Geschichte eingingen) für die Zuseher nicht wirklich fassbar. Die Schutzzone bleibt zumeist eine auf einen Stadtplan gezeichnete geometrische Form, die relativ selten gezeigten Menschen darin ausdruckslos herumsitzende Gruppen, deren nähere Lebensbedingungen unbeleuchtet sind.
Doch nicht nur die Chinesen erscheinen (bis auf einige Ausnahmen) als zu gesichtslose Masse, auch die Persönlichkeiten der ausländischen Retter bleiben bis zu einem gewissen Grad fern: Zwar wird beispielsweise Rabes widersprüchlicher Charakter durchaus angedeutet (so setzt der von Hitler überzeugte und die Chinesen mitunter abfällig behandelnde Mann selbstlos sein Leben für die Rettung der Flüchtlinge ein), doch ist, obwohl der Fokus des Films auf dem kleinen Grüppchen von Ausländern, ihren Handlungen und Sichtweisen liegt, vor allem die persönliche Geschichte und die Beziehungen der Hauptfiguren betreffend vieles zu offen und ungeklärt, um dem Publikum das Gefühl vermitteln zu können, es mit „wirklichen“ Menschen zu tun zu haben.
Wenngleich „John Rabe“ durchaus sehr dramatische und ergreifende Szenen beinhaltet, ergibt der Gesamteindruck so einen emotional zu wenig fassbaren Film – und auch der (mitunter zu) stark in die Gegenrichtung arbeitende Soundtrack kann dies nicht ausgleichen. Doch obwohl eine die Geschehnisse und Menschen tiefgründiger und greifbarer zeichnende Verfilmung dieses Stoffes vorstellbar wäre, liefert „John Rabe“ dennoch wichtiges und interessantes Wissen über die bewundernswerten Taten eines außerhalb Chinas viel zu wenig bekannten Mannes, der zusammen mit seinen KollegInnen das Leben tausender Menschen gerettet hat.

Österreichstart: 10.04.2009

Sabina Zeithammer (sabina_zeithammer@filmnews.at)

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Zahlen, Daten, Fakten

Titel:John Rabe
Land:Deutschland, Frankreich, China 2009
Regie:Florian Gallenberger
Hauptdarsteller:Ulrich Tukur, Steve Buscemi, Daniel Brühl, Anne Consigny, Dagmar Manzel, Zhang Jingchu, Teruyuki Kagawa, Mathias Herrmann
Produktion:Hofmann & Voges Entertainment, EOS Entertainment, Majestic Filmproduktion. Produzenten: Mischa Hofmann, Benjamin Herrmann, Jan Mojito
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Vorstadtkrokodile

Vorstadtkrokodile

Wer ein Krokodil sein will, muss auf das Dach der alten Ziegelei klettern: Dies ist das Aufnahmeritual der Vorstadtkrokodile – der Jugendbande von Olli, Frank, Maria, Jorgo, Elvis und Peter. Als der zehnjährige Hannes bei dieser Mutprobe abrutscht und gerade noch an der Dachrinne hängen bleibt, rettet ein Junge namens Kai ihm das Leben, indem er, da er den Vorfall durch ein Fernrohr mitbekommt, die Feuerwehr anruft. Hannes besucht ihn, um sich zu bedanken, und muss dabei feststellen, dass Kai im Rollstuhl sitzt. Dieser Umstand passt nicht zu den Krokodilen, weswegen Kai, der gern mit dabei wäre, von Anführer Olli abgewiesen wird. Als jedoch in der Umgebung eine Reihe von Überfällen passiert und Kai beobachtet, wo die Beute versteckt ist, nehmen die Vorstadtkrokodile ihn in ihre Gruppe auf: Gemeinsam wollen sie die Täter überführen und die ausgesetzte Belohnung kassieren…
Mit „Vorstadtkrokodile“ ist Christian Ditter eine ausgesprochen geglückte Verfilmung des gleichnamigen Jugendbuchklassikers von Max von der Grün gelungen. Vor allem die Modernisierung des aus dem Jahr 1976 stammenden Stoffes erscheint sehr passend: Auch wenn die Autorin dieser Zeilen dem Alter der Zielgruppe entwachsen ist, dürfte ihrer Einschätzung nach der Zeitgeist und Geschmack der jugendlichen Zuseher getroffen sein. So zeigen sich die Krokodile beispielsweise im Vergleich zu Wolfgang Beckers TV-Verfilmung von 1977 heute nicht nur merklich erwachsener und cooler, auch entspricht der Gebrauch von Internet, Handys und an Fernsehserien wie CSI geschulten Vorstellungen von Kriminalfalllösungsmethoden einem der Realität (wahrscheinlich) entsprechenden Maß.
Besonders gelungen erscheinen weiters die durchgehend höchst überzeugend geführten Dialoge, auch hier scheint die Wirklichkeit gut getroffen: „Vorstadtkrokodile“ ist kein brav jeden Konflikt vermeidender Kinderfilm, vielmehr nehmen sich die Figuren darin so wenig ein Blatt vor den Mund, dass es mitunter beim Zuhören wehtut – Streit ist keine Seltenheit, und die Rauheit von Sprache, Tonfall und so mancher Handlung wirkt zum Teil überraschend echt.
Gerade damit aber nimmt „Vorstadtkrokodile“ seine junge Zielgruppe ernst und wird so zu einem auch für Erwachsene wirklich spannenden Film, der aktuelle Themen wie Behinderung, alleinerziehende Eltern, Gewalt in der Familie, die Integration von Ausländern und andere alltägliche Konfliktherde anspricht.
Gleichzeitig gelingt es Ditters Werk aber ebenso hervorragend, den Wert der Freundschaft und die Wichtigkeit von Zusammenhalt und Gemeinschaft hochzuhalten und so schöne Dinge wie die erste zarte Liebe zu skizzieren. Und auch der Humor kommt dabei nicht zu kurz. Allein die Seite der Mädchen wird vielleicht ein klein wenig vernachlässigt: Neben Ollis Schwester Maria gibt es nur männliche Krokodile.
Insgesamt darf man Christian Ditter auf der ganzen Linie zu diesem hervorragend gemachten und wunderbar gespielten, in sehr ausgewogenem Verhältnis abenteuerlichen und einfühlsamen, sowie absolut sehenswerten Film gratulieren.

Österreichstart: 27.03.2009

Sabina Zeithammer (sabina_zeithammer@filmnews.at)

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Zahlen, Daten, Fakten

Titel:Vorstadtkrokodile
Land:Deutschland 2009
Regie:Christian Ditter
Hauptdarsteller:Nick Romeo Reimann, Fabian Halbig, Leonie Tepe, Manuel Steitz, David Hürten, Nicolas Schinseck, Javidan Imani, Robin Walter, Nora Tschirner, Jacob Matschenz
Produktion:Westside Filmproduktion und Rat Pack Filmproduktion in Co-Produktion mit Constantin Film Produktion. Produzent: Christian Becker
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