Interview mit Antonin Svoboda
Antonin Svoboda präsentierte ihm Rahmen der Viennale seinen ersten Spielfilm Spiele Leben. Matthias Hüthmair von filmnews.at führte ein Interview.
Der Hauptcharakter
ist einem Spieltrieb verfallen, der sein ganzes Denken und Verhalten einnimmt.
Sind Sie der Meinung, dass es in der Natur mancher Menschen liegt für solch
eine Sucht anfälliger zu sein, als andere?
Antonin Svoboda:
Ich glaube ein bestimmtes Potential an Sucht gibt es in jedem Menschen, es ist
fast etwas Menschgegebenes. In wie weit das ausufert und welche Form es annimmt
hängt vom Charakter ab. Sucht muss sich nicht immer äußern,
aber kann zum Beispiel für einen der offensichtlich nicht süchtig
ist ein irrsinniges Thema sein, weil er ein Kontrollbedürfnis hat, weil
er Angst davor hat. Es ist extrem tabuisiert, weil es eine Eigendynamik hat,
die schwer zu kontrollieren ist.
Wird die Gefahr von Spielsucht befallen zu werden in unserer Gesellschaft unterschätzt, da Menschen hauptsächlich mit Drogensucht konfrontiert werden?
Offensichtlich sind Drogen noch komplexer und in dem Sinne noch weniger unter Kontrolle zu kriegen. Haben auch mehr mit Bewusstsein und in gewisser Weise mit Haltung zu tun. Das Establishment hat immer sehr zu kämpfen gehabt, vor allem mit leichten Drogen, weil sie auch immer einen Anspruch auf persönliche Freiheit bedeuten. Spielsucht lässt sich besser kanalisieren, dominieren und kontrollieren. Es ist auch ein großes Geschäft, alles ist verstaatlicht. Man kann sich auch die Statistiken anschauen, es ist in den letzten drei Jahren um das Doppelte gestiegen.
Sie wählten
am Beginn des Films ein Zitat aus Andre Bretons Nadja: „Noch das kleinste
Ereignis, wenn es nur wirklich unvorhergesehen eintritt, entfacht einen Wind
der davonträgt.“
Unterschätzen wir in der heutigen schnelllebigen Gesellschaft das Potential
der kleinen unerwarteten Ereignisse?
Ich denke schon, dass wir immer mehr glauben durch Wissen, Kontrolle und Know How letztendlich die Sache im Griff haben zu können und komischer Weise gleitet es oft total aus den Händen. Das Zitat zu Beginn hat schon etwas damit zu tun, eine Vorgabe zu geben, wie man den Film anschauen soll, als Fingerzeig, was mir in dem Film wichtig ist. Die Zeit hat sich verändert, jeder versucht nach seiner Ausbildung schnell ins Berufsleben zu kommen. Zu meiner Studienzeit vor fünfzehn Jahren war eher angesagt: da mach ich das Studium fertig, dann hau ich ab, schau was mir das Leben gibt, aber auf keinen Fall sofort in einen Beruf. Das verschwindet alles seit etwa zehn Jahren.
Sie haben den Film in Digital Video gedreht. Was sind Ihrer Meinung nach die Vorteile daran?
Du kannst mit Schauspielern super arbeiten. Der Druck fällt weg, du hast kein teures Filmmaterial wie bei 35 mm. Ich wollte mit Georg (Georg Friedrich) und mit der Birgit (Birgit Minichmayr) etwas Spontanes machen, nicht etwas Einstudiertes. Die Zündung musste vor der Kamera stattfinden. Vor allem im letzten Drittel des Films, wo es immer mehr um das Miteinander der beiden geht. Wie der Georg sich verändert, wie er sich öffnet für jemanden. Das ist Teil des Films und musste auch diese Unvermitteltheit haben. Da ist Video super, wir haben 45 Minuten durchgedreht. Der Martin Gschlacht ist ein toller Kameramann, der 45 Minuten die Kamera auf eine Situation draufhalten kann, mitgehen und immer wieder framen. Das ist schon mehr als Dokumentarfilm, denn du musst immer wieder den speziellen Frame suchen, das Bild inszenieren. Deswegen war es eine klare Entscheidung Video zu verwenden, als Low Budget Projekt musste ich Prioritäten setzen.
War Georg
Friedrich von Anfang an für die Hauptrolle vorgesehen?
Schon vor sieben Jahren sind mir er und das Spielermotiv vorgeschwebt. Dann dauerte es drei Jahre bis das Drehbuch da war und dann noch einmal drei Jahre bis das Drehbuch richtig gefördert wurde. Es war ein relativ langer Prozess. Ich wollte unbedingt mit ihm drehen, weil er eine andere Qualität hat. Er ist komisch durchlässig und gleichzeitig aber auch so verspielt, was ich sehr an ihm mag. Er hat dieses Spiel in sich und wird meiner Meinung nach viel zu oft in etwas hineingesteckt. Bei uns war er jeden Tag am Set, 34 Drehtage immer im Einsatz. Ich glaube es gibt kein Bild, wo er nicht drinnen ist.
Sie geben dem Film sechs verschiedene Enden, jeder Würfelschlag
verändert das Leben.
War dieses unkonventionelle Ende von Anfang an geplant?
Ja, es war schon geplant. Es hat sich aus dem Schreibprozess heraus entwickelt. Es gab zwar glaub ich siebzehn Fassungen, auch für verschiedene Förderstellen usw. Es hat auch bravere Fassungen gegeben, wo die Finanzierung dann aber eh nicht geklappt hat. Dann bin ich wieder zurückgegangen zu den ursprünglichen. Aber die sechs Enden, oder die Idee nicht mit einem Ende zu enden war mir früh klar. Ich wollte nicht, dass etwas Fatales passiert, ich hab absichtlich keine Pistolen drinnen, hab absichtlich keinen Mord drinnen. Ich hab absichtlich diese elementaren Key Elemente, wo sich dann Schwarz oder Weiß ergibt draußen gelassen um näher am Leben zu sein. Mir ist es sehr um ein Gefühl gegangen, um eine Art Lebensgefühl und da wollte ich möglichst nahe an einem realistischen Rahmen bleiben.
Wie würden
Sie momentan die Situation junger Filmemacher in Österreich beschreiben?
Ist es schwieriger geworden für einen Film die finanziellen Mittel aufzutreiben?
Der Druck ist wahrscheinlich größer geworden. Es ist ein Ding, das sich ständig wandelt. Vor nicht allzu langer Zeit war zu wenig Geld da, wo das Kino ausschließlich von Arrivierten betrieben wurde. Dann gab es eine Aufstockung, es kamen Filme von jungen Regisseuren und es hat eine Öffnung gegeben. Meiner Meinung nach ist die Tendenz jetzt so, dass es in den letzten Jahren einige Erstlingsfilme gab, aber die sich letztendlich kein Selbstverständnis geschaffen haben. Man greift gerne zurück auf das was man kennt, bei der Entscheidung was im Kino angesehen wird. Da fehlt allen neuen Gesichtern das Profil und eine Plattform. Die österreichischen Medien suchen oder fördern so etwas auch nicht. Wie willst du dann ein Publikum erreichen und die Bestätigung der Förderstellen bekommen? Wie soll es da weitergehen und wie soll man da eine junge Filmkultur aufbauen. Mich überrascht bei der Viennale, dass ein riesiger Zulauf ist. Offensichtlich ist es ein Happening, einmal im Jahr wird ins Kino gegangen und der Rest des Jahres ist Flaute im Kino oder sehr blockbustig. Schade, dass so etwas über das Jahr gesehen nicht bleibt. Kino hatte früher immer die Exklusivität, diesen feierlichen Rahmen. Du bist ins Lichtspieltheater gegangen, alle haben etwas erwartet.
In Frankreich wird vom Staat durch Quotenregelungen die eigene Kultur sehr stark gefördert. Sollte ein solches Vorgehen auch in anderen Ländern, wie Deutschland und Österreich angewendet werden?
Die Österreicher haben Angst davor Nationalismus mit Kulturbewusstsein zu verwechseln. Es steckt so viel Angst in den Knochen und ich weiß nicht wie lange es noch dauern wird. Eigentlich kann es nur so gehen, weil es letztlich die einzige Überlebenschance ist, dass auf G8 Treffen Europa dafür eintritt, dass Film Kulturgut ist. Ich glaube es sind nicht nur politische oder gesellschaftliche Fragen, sondern einfach Fragen des Kapitalismus. Es ist sehr viel Geld im Umlauf, was Booking, Plakatflächen etc. betrifft. Es ist eine Herrschaft von relativ vielen kleinen Beamten des Herzens, die Beamten zählen eher die kleinen Erbsen, anstatt einen großen emotionalen, aber charaktervollen mit Rückrat getragenen Bewusstseinsschritt zu machen. Das fehlt eindeutig. Wir brauchen einen Kulturminister der einfach ein gestandenes Format und eine Vision eines Bewusstseins hat und nicht ein Musterschüler ist, der irgendwelche Erbsen zusammenzählt für jemanden der den Auftrag gibt.
Welche Projekte
dürfen in nächster Zeit von Ihnen und Ihrer Produktionsfirma coop99
erwartet werden?
Barbara Albert macht gerade einen Film fertig, der Arbeitstitel ist Fallen oder Schweben. Ein Film mit fünf Schauspielerinnen. Im Hauptcast Namen wie Nina Proll, Birgit Minichmayr, Kathrin Resetarits und Ursula Strauss. Ein sehr spezieller Film, ein Roadmovie und wird Ende des Jahres fertig. Ich mache im Anschluss, sofern die Förderungen mitspielen einen Film mit Grissemann und Stermann. Wir schreiben schon zweieinhalb Jahre daran und werden versuchen für den Film einen Salon Helga Soundtrack zu machen. In Synergie mit FM4, falls das möglich sein wird. Es geht um einen Autounfall in den Tiroler Bergen. Sie werden nie gefunden, rutschen einen Abhang hinunter und bleiben im Auto stecken. Es sind die letzten fünf Tage ihres Lebens.
Matthias Hüthmair (matthias_huethmair@filmnews.at)
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