Interview mit den Regisseuren von Operation Spring
Luisa Gareis von filmnews.at führte aus ausführliches Interview mit den Regisseuren Angelika Schuster und Tristan Sindelgruber
Wie und wann ist die Idee zu Operation Spring entstanden?
AS:
Tristan hat gleich von Anfang an gesagt, als die Polizeiaktion stattgefunden
hat, dass wir einen Film dazu machen müssen. 3 Wochen vorher ist Marcus
Omofuma bei seiner Abschiebung gestorben und unmittelbar danach war eben die
OS, die ein Ausmaß gehabt hat, das wir vorher in Österreich noch
nicht gekannt haben. Innerhalb von einer kurzen Zeit wurden über 100 Leute
verhaftet. Der erste große Lauschangriff war’s auch, in weiterer
Folge haben das erste Mal anonyme Zeugen komplett vermummt vor Gericht ausgesagt.
Ich war von Tristans Idee, einen Film dazu zu machen, aber nicht überzeugt.
Ich habe einfach keinen Film, keinen roten Faden gesehen und mir nicht vorstellen
können, dass es besonders spannend sein würde, vor geschlossenen Gerichtstüren
zu filmen.
Wir haben in weiterer Folge alle Zeitungsartikel noch einmal durchgelesen, vor
allem was in kritischen Medien an Berichterstattung schon da war und dann den
tatsächlichen Entschluss gefasst: ja, machen wir den Film.
TS: Das war im Frühjahr 2002. Mitverfolgt haben wir die Berichterstattung und dann auch die Prozesse seit 1999- aber eben noch nicht unbedingt mit dem Hintergedanken: „Das wird unser nächster Film“.
Wie ist die Finanzierung gelaufen? Stößt man da nicht auf starke Skepsis seitens der Geldgeber?
TS: Die Finanzierung war in zwei Etappen geplant. Zuerst die Finanzierung der
Recherche/ Entwicklung- da sind wir ans Bundeskanzleramt und den Filmfonds Wien
herangetreten. Vom BKA war das OK auch sofort da, aber der Filmfonds Wien hat
zweimal Nein gesagt.
Nachdem wir in Österreich angestanden sind, haben wir versucht, im Ausland
Gelder zu aufzutreiben.
Zu Silvester 2002 haben wir dann ein Ansuchen ans Sundance Institute und an
Media nach Brüssel geschickt und uns eigentlich nichts erwartet. Im März
2003 kamen dann auf einmal zwei positive Antworten.
AS:
Operation Spring ist auch der erste österreichische Film, der von Sundance
unterstützt wird.
TS: Ab dem Zeitpunkt hat es eigentlich problemlos funktioniert.
Wie hat sich
die Recherche gestaltet? Wie schwierig war es, an Prozessberichte etc. zu gelangen?
Wie sehr habt ihr Abhängigkeiten oder Widerstände von der Exekutive
zu spüren bekommen?
AS:
Die Recherche war teilweise leichter als erwartet. Es war zwar nicht einfach,
aber wir haben die nötigen Zugänge bekommen, sind nicht gehindert
worden. Dennoch war es ein langer, mühsamer Weg.
Vor allem die für die Einsicht in Prozessakte notwendige Zustimmung des
Mandanten, hat uns oft viel Zeit gekostet, da die Inhaftierten über ganz
Österreich verstreut waren.
Medienberichte und Prozessbeobachtungen von der GEMMI, einer Menschenrechtsorganisation,
die damals als einzige eine Vielzahl von Prozessen verfolgt und protokolliert
hat, waren offen zugänglich.
Wir haben eher das Gefühl gehabt auf offene Türen zu stoßen,
auch wenn nicht unbedingt alle Leute vor der Kamera mit uns reden wollten.
Wir hätten gerne mit der Sondereinheit „Observation“ der Polizei
gesprochen- das war leider nicht machbar.
TS:
Was außerdem scheinbar unmöglich ist, ist einen Gesamtüberblick
über die im Rahmen der OS geführten Prozesse zu erhalten. Was an und
für sich als Sammelprozess geplant war, ist in lauter einzelne Verfahren
zersplittert und dadurch ist es auch nicht mehr nachvollziehbar, wie viele Leute
zu wie vielen Jahren Haft verurteilt wurden etc.
AS:
Das hat auch unsere gesamte Arbeit an diesem Film durchzogen: das Zusammentragen
von verschiedenen Bausteinen, die wir dann eben in Beziehung zueinander gestellt
haben.
Es war ein mühsames Zusammensuchen von Berichten, unzählige Gespräche
mit Leuten....
TS.
Auch für das Justizministerium ist der gesamte Prozess nicht mehr überschaubar.
Und für die Anwälte war diese Zersplitterung auch ein Problem: am
Anfang hätte es noch die Möglichkeit gegeben, sich den Gesamtkomplex
anzusehen, aber nach Beginn der Verfahren war der Zugriff auf das gesamte, gesammelte
Material nicht mehr möglich. Das hat ihre Arbeit natürlich massiv
erschwert.
Das heißt die einzige Vernetzung, die es zwischen den einzelnen Fällen gibt, sind die anonymen Zeugen, die zahlreiche Angeklagte belastet haben....
TS:
Da hat die Kommunikation anscheinend problemlos funktioniert.
Einer der
beiden im Film vorkommenden Anwälte sagt einmal, dass er das Gefühl
hat am Rande des beruflichen Untergangs zu arbeiten.
Inwiefern war es für Euch schwierig Anwälte zu finden, die öffentlich
Kritik am österreichischen Justizsystem üben?
AS: Zu dem Zeitpunkt, als wir intensiv an der Recherche gearbeitet haben, sind wir auf zwei offene Fälle gestoßen; Angeklagte, die seit dem Frühjahr 1999 in Untersuchungshaft gesessen sind. Die Anwälte dieser beiden Angeklagten waren Lennart Binder und Philipp Bischof. Ihnen war das Mitwirken in unserem Film ein großes Anliegen.
TS: Sie haben gegenüber uns derartige Ängste auch nie thematisiert.
Ich habe sowohl vor ihnen, als auch vor allen anderen Mitwirkenden, sehr großen
Respekt. Denn sie erzählen uns vor laufender Kamera von ihren Erlebnissen,
wissen, dass das publik gemacht wird und dass sie die möglichen Konsequenzen
zu tragen haben.
Auf dieses Vertrauen, das die Menschen zu uns hatten, mussten wir sehr stark
bauen: denn ab dem Zeitpunkt, ab dem die Kamera abgedreht ist, gehört das
Material uns.
Schwieriger war es offenbar mit den Richtern. Der Richter in „Operation Spring“ war zum Zeitpunkt des Interviews bereits pensioniert....
TS: Von den Richtern am Wiener Landesgericht für Strafsachen war im Gegensatz zu den Anwälten, die Bereitschaft, mit uns vor der Kamera zu sprechen nicht da. Durch seine Pensionierung hat sich für den betroffenen Richter und uns ein günstiges Zeitfenster ergeben.
AS: Von den anderen Richtern am Straflandesgericht- wir wollten natürlich
mit mehreren reden- gab es dazu keine Bereitschaft. Einer hat gesagt, dass sie
auf Weisung hin nicht sprechen dürfen.
Wir wollten aber auf jeden Fall mit einem Richter reden, der außerdem
sowohl mit anonymen Zeugen, als auch mit dem Lauschangriffsmaterial zu tun gehabt
hat.
TS:
Was wir nicht wollten, waren Pressesprecher, da unser Konzept war, nur mit direkt
beteiligten Personen zu reden.
Was für
Reaktionen erwartet Ihr Euch auf Euren Film? Habt Ihr Angst vor Konsequenzen?
Drohbriefen etc?
TS: Was konkret an Reaktion kommen wird, ist schwer einschätzbar. Aber
wenn solche Sachen dann kommen ist das für mich auch sehr stark Merkmal
der Gesellschaft in der wir leben. Und wenn man sich Organisationen wie SOS
Mitmensch oder ZARA ansieht, die sich mit Rassismus in Österreich beschäftigen,
dann ist das deren täglich Brot: Drohbriefe, Drohanrufe etc.
Aber die Angst davor kann auch für uns nicht der Grund sein, zu sagen „okay,
dann machen wir’s eben nicht“.
Ich wünsche mir eine konstruktive Auseinandersetzung, durchaus auch Kritik.
Unser Film lädt ja- hoffentlich- zur Diskussion ein. Aber eben bitte konstruktiv,
von allen Beteiligten.
Ich sehe unseren Film als Einladung, dass was passiert, dass man sich Fragen
stellt.
Ist das die rechtsstaatliche Praxis, die wir wollen?
Ist das die Vorstellung von einem Rechtsstaat?
Ich denke viele von uns leben mit den Bildern aus amerikanischen Gerichtssaal-Filmen,
in denen sich Staatsanwalt und Verteidiger ein Match liefern und der Richter
in der Mitte sitzt, sich alles anhört und in sorgsamer Abwägung ein
weises Urteil fällt. Hier setzt unser Film an und soll zeigen, dass die
österreichische Realität eine andere ist.
AS:
Es sind ja auch mehrere Themen in unserem Film verpackt. Es geht um die Justiz,
die Rolle der Medien, Fairness in Verfahren, die Überwachung, die in unseren
Alltag eingreift....Jeden zweiten Tag liest man von einem Ort, an dem es eine
neue Videokamera geben soll-
Überwachungskameras spielen ja- zusammen mit Tonaufnahmen- auch eine Rolle in Eurem Film. Wie war es mit diesem Material zu arbeiten?
AS: Da muss ich ein bisschen weiter ausholen. Die Anwälte haben ja nicht das Material selbst, sondern die schriftlichen Auswertungen der Polizei bekommen. Nur in Ausnahmefällen wurde das Material vor Gericht tatsächlich gezeigt und noch seltener haben Anwälte Videokassetten zur Verfügung gestellt bekommen.
TS: Uns sind einige Minuten an Material zur Verfügung gestellt worden.
Da haben wir danach ausgewählt, dass wir eine Sequenz nehmen, in der mehrere
Leute im Bild zu sehen sind, um dem Publikum zu zeigen-
Was sehe ich da? Was höre ich da? Kann ich überhaupt in Relation bringen,
welche Person, wann, was sagt? Eben jene Probleme, die auch vor Gericht aufgetreten
sind.
Luisa Gareis (luisa_gareis@filmnews.at)
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