Interview mit Christian Petzold
Phillip Kainz führte für filmnews.at ein Interview mit dem deutschen Regisseur von "Die innere Sicherheit" zu seinem neuen Film "Gespenster".
Die Figuren
in Ihrem neuen Film scheinen ihr Leben zu versäumen oder es treibt sie
planlos irgendwo hin. Haben Sie sich deshalb für „Gespenster“
als Filmtitel entschieden?
Als ich in Frankreich war, da habe ich Fotos von verschwundenen Mädchen gesehen. Es sind Computerbilder, die zeigen, wie sie vermutlich heute, 10 Jahre später, aussehen. Das sind allerdings berechnete Bilder: Die Mädchen schauen zwar älter aus, aber sie strahlen keine soziale Alterung aus. Es sind tote Bilder. Meine Idee war nun, dass sich eines der Mädchen materialisieren und nicht länger ein Gespenst sein möchte.
Aber nicht nur Nina ist geisterhaft, auch die Mutter, die ihr Kind sucht, gleicht einem Gespenst.
Ja, sie hat sich seit der Entführung ihres Kindes nicht mehr weiter entwickelt. Sie lebt auch nur, wenn sie Nina trifft (die sie für ihre Tochter hält, Anmerkung der Redaktion) und erzählt nur von der Zeit von damals. Biologisch ist sie zwar gealtert, aber in ihrer Persönlichkeitsentwicklung ist sie stehen geblieben.
Das Glück ist eher von kurzer Dauer, alle schauen auf sich selber.
Die Figur von Sabine Timoteo, Toni, hat kein soziales Gedächtnis, keine Vergangenheit. Sie sieht Beziehungen als Tauschverhältnis: Ihr geht es zunächst darum, in die zweite Runde des Castings zu kommen. Nina hingegen ist auf der Suche nach einer Gegenwart und ist fasziniert von Toni. Inspiriert wurde ich dabei von der Biografie der RAF-Aktivistin Astrid Proll. Sie war ein Heimkind und immer auf der Suche nach einer älteren Schwester.
Sehen Sie
zwischenmenschliche Beziehungen als etwas Egoistisches?
Es ist zumindest ein Anlass. Das ist wie bei Hitchcock, wo zwei an den Beinen aneinander gefesselt sind und gemeinsam gehen müssen. Das ist am Anfang schwierig, und jeder will in eine andere Richtung. Doch irgendwann findet man einen Kompromiss. Und plötzlich merkt man, da ist mehr: Es ist auch Liebe.
Welcher Teil der Geschichte war zuerst da: die Begegnung der Mädchen oder die Suche der Mutter nach ihrem entführten Kind?
Ich hatte Anfang der 90er Jahre eine Rave-Geschichte geschrieben. Da ging es um zwei Mädchen, die durch Berlin ziehen und an einem Videodreh von DJ Hell teilnehmen. Sie haben verschiedene Affären mit den Mitgliedern der Crew, werden verlassen und gehen daran zu Grunde. Diese Story habe ich als Ausgangsbasis für „Gespenster“ genommen. Die Geschichte mit der Mutter habe dann hinzugefügt.
Die Vergangenheit ist für das Handeln der Figuren in ihren Filmen immer ganz wesentlich. Über Nina und Toni, die beiden Mädchen, erfahren wir aber nahezu gar nichts. Wieso?
Ich bevorzuge Figuren, die man durchs Zuschauen erfährt und wo nicht viel erklärt wird. Vieles in dem Film wird auch durch die Körpersprache von Julia Hummer ausgedrückt, wie sie geht, wie sie so die Schultern nach vorne hält. Und aus der Traumgeschichte, wo sie von einer Vergewaltigung erzählt, kann man erahnen, dass sie wahrscheinlich Opfer von Missbrauch wurde. Ich habe aber im Skript schon einen Hintergrund zu den Figuren entwickelt. Zum Beispiel steht da, dass die Mutter seit über 15 Jahren Korrespondentin der französischen Liberation ist, in Berlin lebt und den Mauerfall miterlebt hat. Das wissen die Schauspieler, aber man muss es im Film nicht sagen. Die Zuschauer sollen es aus dem Verhalten herauslesen. Ich entwickle langsam schon eine körperliche Abneigung dagegen, Dialoge zu schreiben.
Werden
Sie in Ihrem nächsten Film noch mehr auf Sprache verzichten?
Nein, in meinem nächsten Film wird sehr viel geredet werden (lacht). Es ist ein Horrorfilm, der im Geschäftsmilieu spielt. So lange Dialoge habe ich in meinem Leben noch nie geschrieben. Aber das war keine Reaktion auf den Film jetzt.
„Gespenster“ war auch schon der Arbeitstitel für „Die innere Sicherheit“ ? Was verbindet die beiden Filme inhaltlich?
In beiden Filmen geht es um Figuren, die niemand mehr braucht, sei es in der Arbeitswelt oder als politische Kraft, wie in „Die innere Sicherheit“. Sie sind auf der Suche nach einer Erdung.
Und Julia Hummer ist in beiden Filme die Hauptdarstellerin. Was fasziniert Sie an dieser jungen Schauspielerin?
Sie spielt eben genauso, wie ich mir das vorstelle. Ich schaue ich gerne dabei zu, wie sie zumacht. Und sie ist eine clevere Schauspielerin.
Drehen Sie gerne mit denselben Akteuren, wie eben Julia Hummer, Richy Müller, Nina Hoss oder auch Benno Fürmann?
Es ist vor allem beim Schreiben eine Hilfe, wenn ich einen bestimmten Schauspieler im Kopf habe. Ansonsten bleibt die Figur nur ein diffuses Gebilde. Manchmal frage ich dann schon vorher, ob jemanden in meinem nächsten Film spielen will. Aber auch wenn sie die Rolle dann nicht spielen, macht es die Konzeption leichter.
Aus Deutschland
kommen in letzter Zeit viele gute Filme von jungen Regisseuren. Ist Deutschland
ein guter Platz für Filmregisseure?
Ich würde eher sagen, Berlin ist ein guter Platz für uns. Da gibt es mittlerweile schon eine Gruppe, die sich kennt. Das ist zwar noch ein bisschen ungewohnt, aber man trifft sich und redet dann übers Kino. Auch Leute aus dem Süden, wie Benjamin Heisenberg, ziehen nach Berlin.
Philipp Kainz (philipp_kainz@filmnews.at)