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Interview mit Florian Opitz zu "Der grosse Ausverkauf"

Filmnews.at traf Florian Opitz, den 34-jährigen deutschen Regisseur von „Der große Ausverkauf“, im Wiener Hotel Triest zum Gespräch.

Filmnews.at: Ich fange mal ganz allgemein an – wie sind die Idee zum Film und das Konzept entstanden?

 Florian Opitz: Ich hab mich schon immer viel mit Globalisierung beschäftigt, (…) und Privatisierung als Teil der Globalisierung war so eine Sache wo ich mich gewundert habe, dass sie in den deutschen Medien zumindest, aber auch in den internationalen Medien, immer nur sehr einseitig betrachtet worden ist. (…) Es wurde nie hinterfragt, beziehungsweise es wurden nie die Effekte der Privatisierung auf die Bevölkerung dargestellt. (…) Das hat mich neugierig gemacht und dann hab ich angefangen über die Medienrecherche eben bei Institutionen, Organisationen wie der Weltbank oder der UNO, aber auch bei Gewerkschaften und NGO’s und Universitäten zu recherchieren. (…) Und dann kamen einzelne Fälle eingetrudelt, von denen hab ich welche ausgesucht, nach dem Schema dass ich wirklich einen globalen Film erzählen wollte. (…) Und ich hab’ eben auch Fälle gesucht, wo es so einen gewissen Widerspruch zumindest gegeben hat gegen die Privatisierung, wo die Bevölkerung zumindest das hinterfragt hat, denn ich wollte in meinem Film nicht nur Opfer zeigen, sondern ich wollte auch politisch aktive Subjekte zeigen, die sich darüber informieren und die möglicherweise, wenn es eben besonders ungerecht ist, auch Widerstand leisten.

Filmnews.at: Was ich sehr gut finde, ist, dass der Film es wirklich schafft, dass man rausgeht und das Gefühl hat, man weiß jetzt über eine Sache, die man irgendwie so gewusst hat, plötzlich ganz viel mehr. Und das hat mich ein bisschen, von der Wirkung her, an die Filme von Michael Moore erinnert. Was hältst Du von diesem Vergleich?

 Florian Opitz: Also ich möchte mich überhaupt nicht mit Michael Moore vergleichen, ich glaub’ Michael Moore hat zum einen viel getan, dafür, zu beweisen, dass Dokumentarfilme im Kino funktionieren können, und er hat auch diesen kleinen Boom, den es gibt, mit ins Leben gerufen, dafür muss man ihm danken. Er ist aber auf der anderen Seite in der Art und Weise sehr ungenau, demagogisch, manipulierend. (…) Ich würd’ mich da schon eher in die Tradition des Direct Cinema oder Cinéma Vérité aus den 60er und 70er Jahren stellen oder des traditionellen Dokumentarfilms, der ohne Kommentar auskommt, der durchaus zwar eine Position hat, das möchte ich gar nicht bestreiten – „There is no such thing as objectivity“ – „Es gibt keine Objektivität“, (…) und wir haben natürlich da über unsere Arbeit eine gewisse Position gewonnen, die sicherlich auch deutlich wird. Aber wir möchten dem Zuschauer die Möglichkeit lassen, für sich selbst zu denken. Das heißt, alle Information, die wir reingeben in den Film, ist nur sachliche Information auf den Tafeln. Das andere sind einfach die Geschichten dieser Protagonisten.

Filmnews.at: Was mich ein bisschen geschockt hat, war, dass Du teilweise sehr brutale Bilder verwendet hast (der Lungenpatient, der tote 16-Jährige). Warum hast Du das gemacht?

Florian Opitz: Wir haben das ganz bewusst gemacht, also nicht um zu schocken. (…) Das waren oft Szenen, wie zum Beispiel bei dem Pfleger des Lungenpatienten, die haben wir nicht so eingerechnet, wir haben sowieso überhaupt nichts inszeniert. Wir waren mit dem Interview schon fertig mit diesem Pfleger, haben ihn nur noch drehen wollen wie er seinen Job macht, und in diesem Moment, aus der Visite, die er gemacht hat, dreht er sich ein und spricht zur Kamera. Man merkt es auch am besonders schlechten Ton, dadurch, dass wir gar nicht vorbereitet waren, und fängt an, von sich das nochmal zu erzählen. (…) Ich hab eine Mail von einem Freund gekriegt, der sagt, das war echt zu viel, das hättet ihr nicht machen müssen. Und da hab’ ich gesagt – ja soll ich denn genau da, wo der Protagonist zum Subjekt wird und sich selbst emanzipiert und sagt – jetzt will ich euch doofen Westlern mal zeigen, was es für mich in meinem Job bedeutet – soll ich das rausnehmen? Deswegen haben wir das besprochen und gesagt – nein, wir müssen das drinlassen.

Und ebenso mit dem Toten, ich glaube, das brutale Bild ist einfach um zu zeigen, wie das hier, bei bestimmten Dingen, tatsächlich um einen Kampf, um Leben und Tod geht. (…) Weil das ist so unglaublich dass wir es uns ja gar nicht vorstellen können. (…) Bei Privatisierung und bei den Kämpfen darum, dass da Leute sterben, ich finde das muss man visuell auch zeigen.

Filmnews.at: Die Verbindung zu „uns“ wurde mir eigentlich besonders klar bei einer Szene in Afrika, wo die Wasserzähler eingebaut werden und ein ganz verzweifelter Mann plötzlich von Dividenden, Investitionen und Aktien spricht. Das hat mich sehr überrascht…

 Florian Opitz: (…) Das war ein Tumult mit vielen Leuten, und da ist dieser Mann, ähnlich wie der Philippiner, der Krankenpfleger, der auf einmal sagt – Hey, hört mir mal zu, das will ich mal sagen. Normalerweise gibt es ja eine ganze Menge Leute, die reinwinken und irgendeinen Quatsch erzählen, und dieser Mann hält da einen Vortrag, wo er wirklich auf den Punkt genau sagt, wie auch Simon im Film, was Sache ist. Und man denkt sich – woher weiß der das in Soweto? Das könnte ich nicht so gut sagen! Und das ist eben ein Vorurteil – diese Menschen wissen, weil es sie direkt betrifft, viel mehr darüber was mit unserem Geld passiert als was wir wissen was mit unserem Geld passiert. Das fand ich wirklich sehr erstaunlich. (…) Aber da gibt es unzählige Geschichten, wie gesagt, jede Marktfrau weiß, was Privatisierung bedeutet, was für einen Effekt es auf sie hat, was bei uns kaum Leute ahnen. (…) Wie da die Mechanismen funktionieren, jede Marktfrau weiß, was IWF und Weltbank machen, weil die Politik dieser Institutionen deren Leben einfach so stark prägt. (…) Und ich denke, da kann man eigentlich noch einiges lernen von diesen Menschen.

Filmnews.at: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Sabina Zeithammer (sabina_zeithammer@filmnews.at)