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Interview mit Michael Glawogger

Patrick Dorner führte für filmnews.at mit Regisseur und Drehbuchautor Michael Glawogger ein Interview zu seinem neuen Film „Slumming“.

Glawogger 1Wie kam es zur Auswahl der Lokale in „Slumming“?

Von meiner Arbeit als Dokumentarfilmer habe ich viele dieser Orte bereits gekannt. Mit diesen Plätzen im Kopf habe ich dann das Drehbuch geschrieben. Manche dieser Lokale waren aber schon wieder verschwunden und ich musste neue suchen. Aber ich kenne meine Pfade durch die Stadt und deshalb wusste ich sehr schnell, wo ‚Slumming’ zu spielen hat.

Wurde „Slumming“ bewusst in den Winter gelegt oder wäre die Jahreszeit egal gewesen?


Es war für mich schon sehr wichtig, den Film im Winter anzusiedeln. Es hat damit zu tun, die Wanderung des Kallmann durch den Schnee beziehungsweise durch Tschechien, auch als Innenwanderung von ihm darzustellen. Nichts ist drinnen und nichts ist draußen, denn was innen ist, ist draußen. Im Sommer hätte das harmloser gewirkt, der Stil wäre ein ganz anderer gewesen. Kallmann hätte auch nie im See einbrechen und frieren können. Das Frieren und die Rettung würden in einer sommerlichen Atmosphäre nie so intensiv wirken. In jeder Hinsicht ist man der Welt im Sommer nicht so ausgesetzt und damit auch sich selbst.

Glawogger 2Zentraler Charakter ist Kallmann, dargestellt von Paulus Manker. Gab es eigentlich eine bestimmte Vorlage für den Kallmann?


Die Figur des Kallmann kommt in meiner Dokumentation „Frankreich, wir kommen“ vor und verkauft Fußbälle. Der wirkliche Kallmann – Kallmann, der Ballmann – hat in eben so einer Wohnung gelebt wie unsere Figur, und hat die ganze Weltmeisterschaft 1998 über Fußbälle mit seiner Fahrradpumpe aufgepumpt und auf der Straße verkauft. Der Charakter ist dann aber ein völlig anderer geworden, der sich an einem Dichter namens Hermann Schürer und an dessen Kunst orientiert. Allerdings war Kallmann, der Ballmann ein wunderbarer Anstoß dafür und ich hoffe er verzeiht mir, dass ich seinen Namen verwendet habe.

Kallmann trägt seine Gedichte sehr aggressiv vor. Wie kam es zu diesem Stil?


Im Grunde gab uns die Musik vor, wie die Charaktere zu sprechen haben. Die Gedichte entstanden aber zwischen Paulus Manker und mir. Wir orientierten uns am Werk von Hermann Schürer. Ich wollte etwas, das haarscharf zwischen Genialität und Dilettantismus liegt, was dann wirklich interessant wird. Diese Art von Gedichten herzustellen war wirklich schwer, wie auch der gesamte Charakter. Denn in der Figur des heimatlosen Dichters liegt ja auch die Gefahr in peinliche Türen hineinzurennen. Ich habe schließlich Musikrhythmen schreiben lassen und auf diese Art, lange Gedichte von Schürer nachgedichtet. Ich habe mich dabei von Schürers Werk inspirieren lassen und dann etwas völlig anderes geschrieben. Verbunden mit den Rhythmen improvisierte dann Paulus Manker, wie es klingen könnte. So sind wir langsam draufgekommen, wie der Kallmann dichtet.

Glawogger 3Wie kam es zu diesem Teil in Indonesien, der sich ja sehr vom Rest des Filmes abhebt?


Ich wusste lange Zeit nicht, wie ich den Film richtig beenden soll, hatte aber immer im Kopf, dass Sebastian (gespielt von August Diehl, Anmerkung der Redaktion) eine Reise unternehmen soll. Eine Reise, zu der er fast gezwungen wird. Ich wusste aber nicht, wie das genau ausschauen soll, bis ich „Workingman’s Death“ drehte und da fanden wir eben diesen bestimmten Ort in Indonesien, der mir so der Welt entrückt und doch so wunderschön erschien. Zugleich fühlte ich mich dort unglaublich fremd, wie ich auch Sebastian fühlen lassen wollte.

Außergewöhnlich ist die Besetzung von August Diehl, der bislang in Österreich nur mit Peter Kern an „Haider lebt – 1. April 2021“ mitgewirkt hat.


Für mich war er die perfekte Besetzung, da sich in seiner Person allein optisch so viele Widersprüche vereinen. Er hat eine sehr starke Präsenz, wenn er ins Bild tritt und diese “Mag ich ihn jetzt oder Finde ich ihn furchtbar“-Aura. Das ist letztendlich, was man schwer in einem Schauspieler findet und was auch den Charakter von Sebastian dann erst erklärt. Ist der böse oder finde ich den super?

SlummingAbschließend: Wie würden sie den Begriff „Slumming“ definieren?


„Slumming“ bedeutet im Grunde nur, an Orte zu gehen, an die man normalerweise nie hingehen würde. Reiche Jugendliche, die in abgefuckte Türkenlokale marschieren etwa. Doch das ist ja nichts Neues, das ruht ohnehin in der Filmgeschichte. Etwa der Film „My Man Godfrey“ (1936 und 1957 nach dem Roman „1101 Park Avenue“ von Eric Hatch verfilmt, Anmerkung der Redaktion), in dem die reiche gelangweilte Partygesellschaft das Spiel ausruft: Wer holt den besten Sandler? Wie es in so Filmen ist, ist der beste Sandler am Schluss natürlich in Wirklichkeit ein reicher Graf und bringt als Butler der Familie ein besseres Leben bei. In „Slumming“ funktionieren diese Begriffe genauso, nur in einer modernen Umgebung.

Interview von Patrick Dorner (patrick_dorner@filmnews.at)

Fotos von Simon Kupferschmied

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