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Interview mit Karl Markovics und Stefan Ruzowitzky

Ein Betrüger, Knastbruder, Holodri und Gauner im KZ. Wie geht einer damit um, der sich mit mehr oder weniger legalen Mitteln immer so durchgeschummelt hat?

Aglaia Rudnay von Filmnews.at traf Regisseur Stefan Ruzowitzky und Hauptdarsteller Karl Markovics anlässlich des Österreichstarts von „Die Fälscher“ zum Gespräch.

„Da ist was, das kenn ich noch nicht.“

Filmnews.at: Herr Ruzowitzky, wie kam es zum Kontakt mit Adolf Burger?

Stefan Ruzowitzky: Die Geschichte war die, dass mich zwei Produktionsfirmen mehr oder weniger gleichzeitig auf den Stoff angesprochen haben, und ich mir gedacht hab, das ist ein Wink des Schicksals. Die deutsche Produktionsfirma hatte das Buch von Adolf Burger gekauft und ich hab dann gesagt, dass ich mich eigentlich weniger für den Burger als für die Figur des Profigeldfälschers, Spielers, Ganoven interessiere. Aber natürlich war der Burger dann trotzdem ein ganz wichtiger Begleiter des Projektes. Er hat dann auch jede Drehbuchfassung gelesen…

Filmnews.at: Wie viel durfte er mitreden?

Stefan Ruzowitzky: Wenn es hart auf hart gekommen wäre, hätte er immer seinen Namen von der Figur zurückziehen können, weil der Film-Burger natürlich anders ist als der echte, aber das war für ihn problemlos. Im Prinzip ist es so, dass es der Burger als seine Lebensmission sieht der Welt seine Geschichte zu erzählen. Er war in unzähligen Schulen, hat Vorträge in Fernsehsendungen gehalten, und und und. Und hat dabei natürlich auch den Anspruch, dass ihm zugehört wird und er versucht das so gut und spannend wie möglich zu erzählen. Und das hat er auch mir, der das in einem anderen Medium erzählt, zugestanden. Er hat immer gesagt, das ist ein Film, und wenn ihr glaubt, dass das gut so ist, dann macht das mal. Und hat dann nur bei gewissen inhaltlichen Sachen gesagt, das geht nicht, das ist ganz falsch. Und da war ich dann bei diesem doch heiklen Thema auch froh, eine unzweifelhafte Instanz an meiner Seite zu haben, der sagt, okay, das ist jetzt ein bisschen dramatisiert, aber es stimmt im Prinzip.

Filmnews.at: Hatten sie auch den Eindruck, dass es für die am „Unternehmen Bernhard“ Beteiligten eigentlich gar keine Möglichkeit gab sich moralisch korrekt zu verhalten?

Stefan Ruzowitzky: Ich glaube mich zu erinnern, dass es vor allem im Buch von Ella Lingens, die als Ärztin in Auschwitz war, ganz deutlich vorkam, dass es eine absurde Situation war, in der man nicht das Richtige machen konnte. Wenn man versuchte das Richtige zu tun, endete es in einer Katastrophe, weil das ganze KZ-System so ein unwahrscheinlich negativer Pol ist, der das Schlechteste im Menschen zum Vorschein bringt. Gerade die Figur von August Zirner ist dem sehr nachempfunden, aber eigentlich alle, die versuchen das Richtige zu machen. Es gelingt in so einem System einfach nicht und irgendwie hat jeder Unrecht und jeder Recht. Da gibt es keine einfachen, klaren Antworten in so einer Situation.

Filmnews.at: Macht vielleicht gerade das die Figur des Sorowitsch so menschlich, dass er eben nicht, wie ansonsten üblich, eindeutig Held oder Opfer ist?

Stefan Ruzowitzky: Ja, das hat mich überrascht. Der Anspruch war ja immer eine möglichst gute Balance zwischen der Position des Burger und der des Sorowitsch zu schaffen. Dass man gut nachvollziehen kann, was sie meinen, und dass man sie alle irgendwie verstehen kann. Obwohl die Positionen ja eigentlich völlig konträr sind. Und ich habe mir eigentlich immer gedacht, dass die August Diehl-Figur viel besser wegkommen wird, dass man sich viel mehr mit ihm identifizieren wird. Ich hab aber dann Szenen weg geschnitten, in denen er schlecht weggekommen ist, weil ich gemerkt habe, dass das Publikum scharenweise zum Sorowitsch überläuft. Weil man sich einfach mit dem, der sich irgendwie durchwurschtelt und versucht das halbwegs anständig zu tun, identifizieren kann. Die großen idealistischen Helden bewundern wir alle, aber am Ende des Tages sind wir halt auch alle solche Durchwurschtler.

Filmnews.at: Besonders eindrucksvoll ist auch Devid Striesows Darstellung des . Wie kamen sie auf ihn?

Stefan Ruzowitzky: Aufgefallen ist er mir damals bei „Lichter“ und als er mir eingefallen ist, war die Casterin dann auch gleich Feuer und Flamme und hat gesagt: „Ja natürlich, warum ist mir der nicht eingefallen?! Das muss Striesow sein.“ Und das Einzige, was mich bei ihm dann gestört hat ist, dass er echt ausgesehen hat wie der Bilderbuchnazi. Und ich hab mir echt überlegt, ob wir ihm die Haare färben oder so, weil der echt aufgelegt ist. Aber so wie er spielt, ist er dann eh weit weg von einem klassischen Knallchargen.

Filmnews.at: Auch die Charakterisierung der inhaftierten Juden ist ungewöhnlich. War es eine bewusste Entscheidung sie so wenig „jüdisch“, als „normale“ Deutsche, darzustellen?

Stefan Ruzowitzky: Eine sehr bewusste, denn ich finde auch eine „positive Diskriminierung“ gefährlich. Dass man sagt, Juden sind alle so weise, musische Nathans der Weisen. Mir war wichtig, dass man sagt, das waren ganz normale Typen: Handwerker, Arbeiter, Holodris, ganz normale Deutsche. Und für unsere Generation: Warum müssen wir uns immer mit den Nazis identifizieren? Wir könnten uns genauso mit den deutschen Juden identifizieren, die gequält wurden. Deswegen war es mir wichtig, dass man „das Jüdische“ nicht betont, weil ja auch mein Held der Sorowitsch jemand ist, der sein Judentum nicht vor sich herträgt. Und für mich ist es ja auch das Wesen dieses Rassismus, dass sie ja nicht umgebracht werden, weil sie etwas Spezielles tun oder denken, sondern weil sie so geboren sind. Egal, ob sie ihre Religion ausüben oder die jüdische Kultur leben oder nicht. Das war für mich der Punkt.

Filmnews.at: Die (jüdischen) Beteiligten des „Unternehmens Bernhard“ sitzen jedenfalls in einem Goldenen Käfig. Gibt es diesen vielleicht auch heute noch?

Stefan Ruzowitzky: Es geht mir nicht darum Geschichtsunterricht zu betreiben, es geht mir nicht darum der Menschheit von der Existenz der Fälscherwerkstatt zu berichten, sondern ich will eine gute Geschichte erzählen und eine gute Geschichte hat eben auch immer dieses Universelle. Egal wo und wann es spielt, das betrifft irgendwie jeden. Und das hat für mich wiederum viel mit dem Goldenen Käfig zu tun. Mit uns, die wir in einer Wohlstandsgesellschaft leben und auch nicht wissen, wie wir moralisch damit umgehen sollen, dass es uns so gut geht und vielen anderen, die so weit weg sind, so schlecht. Was macht man, spendet man monatlich 100 Euro an „Ärzte ohne Grenzen“? Was soll ich machen, was kann ich machen? Darf man Tischtennisspielen, wenn draußen gerade wer umgebracht wird? Bei uns ist es: Darf ich Urlaub in der Dritten Welt machen? Und andererseits warum nicht? Das finde ich spielt hier schon sehr hinein. Die Situation des Goldenen Käfigs ist etwas, was uns schon sehr betrifft.

Filmnews.at: „Tempo“, „Die Siebtelbauern“, „Anatomie“,… Sie gelten aufgrund ihrer bisherigen Arbeit als besonders vielseitig. (Anmerkung: Stefan Ruzowitzky verfilmt ab Frühsommer den Kinderbuchklassiker die „Hexe Lilli“, wird seinem Ruf als Allroundtalent also völlig gerecht..!) Was haben ihre Filme, ihrer Auffassung nach, gemeinsam?

Stefan Ruzowitzky: Retrospektiv gesehen, merk ich schon, da gibt’s Dinge, die kommen immer wieder. Ich glaub schon, dass ein großes Thema Idealismus, Pragmatismus ist. Der junge idealistische Held betritt eine neue Welt und will dort Bäume ausreißen. Das waren die Siebtelbauern, das war Franka Potente, das war der Fahrradbote, … und dann bekommt er irgendwie ordentlich eins auf den Deckel. Er muss einen Ausgleich zwischen den idealistischen Ansprüchen und der Welt wie sie ist finden. Das habe ich dieses Mal auch gemacht, aber genau anders herum: Ein Held, der jeglichen Idealen abgeschworen hat, obwohl er dann draufkommt, dass er so unidealistisch und prinzipienlos doch nicht ist. Ansonsten habe ich immer gern Gruppensituationen, Männerfreundschaften, starke Frauen…das ist das Einzige, was ich dieses Mal nicht geschafft habe. Auf der anderen Seite bin ich draufgekommen, dass ich irgendwie nie Beziehungsprobleme thematisiert habe, was ein Kompliment an meine Frau sein muss, weil’s ein Thema ist, zu dem ich nichts zu sagen habe.

 

„Der große Gewissensheld wäre ich, glaub ich, nicht gewesen!“

 

Filmnews.at: Herr Markovics, was hat sie an dem Projekt „Die Fälscher“ gereizt?

Karl Markovics: Ich fand das Buch von Anfang an sehr gut, ich fand die Rolle sehr sehr spannend. Weil es abseits vom typischen Filmheldentum eine Figur ist, die nicht von vornherein der absolute Sympathieträger ist. Das hat mich auch am allermeisten an der Figur interessiert – diese Ambivalenz. Ganz unabhängig von der guten Geschichte und dem geschilderten Gewissenskonflikt.

Filmnews.at: Dem von ihnen verkörperten Charakter des Sorowitsch wird im Film die Figur des Adolf Burger gegenübergestellt. Wie sehen sie das Verhältnis der zwei Männer? Hat sich einer von beiden, ihrer Meinung nach, richtiger verhalten als der andere?

Karl Markovics: Zur letzten Frage: „Richtiger“ ist nichts, was für mich jemals ein Kriterium gewesen wäre, da denke ich wohl auch zu sehr an die Figur, die ich gespielt habe, für die richtig und falsch als moralisches Kriterium so nicht gelten, sondern „überlebe ich“ oder „überlebe ich nicht“ und auf welche Art kann ich überleben. Der Unterschied zwischen den beiden besteht darin, dass Burger ein sehr starkes Gewissensempfinden hat und meint, dass es auf die Art und Weise des Überlebens ankommt und er nur dann einen Grund hat weiterzuleben, wenn das auch einen Sinn ergibt. Und Sorowitsch ist ein Mensch, der sagt der Sinn ist das Leben selbst, es gibt keinen anderen Sinn im Leben als „zu leben“. Das sind zwei extreme Anschauungen, aber ich könnte jetzt nicht sagen, eine ist richtig und die andere ist falsch.

Filmnews.at: Nicht nur für die Figur des Adolf Burger, auch für die des Sorowitsch gab es eine reale Person als Vorlage. Wissen sie, wie es nach dem Krieg mit „Sorowitsch“ weitergegangen ist?

Karl Markovics: Ich weiß, dass er nach Südamerika ausgewandert ist und dort hat sich dann seine Spur verloren. Er hat jedenfalls das Konzentrationslager überlebt. Man weiß aber nicht sehr viel über sein Leben danach.

Filmnews.at: Im Film verspielt Sorowitsch ja am Ende in einem Casino in Monte Carlo sein Vermögen. Haben sie wirklich das Gefühl, dass ihn das frei macht?

Karl Markovics: Nein. Das ist ein Versuch. Allerdings ist es das größte Über-den-Schatten-Springen, das er je gemacht hat. Es ist schon eine unglaubliche Tat, die er gesetzt hat. Natürlich in der Hoffnung, dass es ihn befreit. Aber die Figur ist so stark geführt, dass es auch der Zuschauer am Ende wohl doch eher nicht glaubt. Die Möglichkeit, wirklich ein neues Leben zu beginnen ist wohl da - mit dieser Frau am Strand und alles ist plötzlich so Hollywood - aber, ich glaube, ich hoffe, dass man es auch als Augenzwinkern begreift, man will sich frei fühlen, aber dass das Leben jetzt wieder so weitergeht wie vor der Nazizeit ist ganz klar nicht möglich.

Filmnews.at: Wie gut kommen sie am Ende eines Drehtages bzw. am Wochenende wieder aus einer solchen Rolle heraus?

Karl Markovics: Am Ende eines Drehtages sehr gut, am Wochenende weniger. So richtig freie Tage sind schwierig. Da fällt das dann doch auf einen.

Filmnews.at: Und nach Abschluss eines Projekts?

Karl Markovics: Da kommt dann meistens eine Woche ein Durchhänger, die es braucht, um zu merken, dass das ganz abgeschlossen ist. Es zieht dann doch oft seinen Schwanz nach. Ich hab dann meistens auch Gott sei Dank die Zeit, dass ich danach nicht sofort wieder wo antanzen muss. Das versuche ich mir auch so einzurichten.

Filmnews.at: Was meinen sie, wäre Sorowitsch lieber Künstler geworden? Ist diese Enttäuschung nicht etwas, das ihm sein ganzes Leben lang im Magen liegt?

Karl Markovics: Eigentlich ja. Ich glaube schon, dass das eine Geschichte ist, aus dem sich auch alles weitere erklärt. Dass er ja im Grunde seines Herzens sein Ideal des Künstlers nicht erreicht hat. Das hat irgendwie nicht hingehauen, damit hat er nie Geld verdient. Da hat er eben, nachdem er einen Profigeldfälscher kennen gelernt hat, beschlossen, er macht eben so was, er macht aus seinem Können eben eine andere Art von Kunst. Nur war damit halt auch verbunden, dass er damit auch seine Ideale über Bord geworfen hat. Dass er damit seine gesamte Gefühls- und Gewissenswelt zugedeckt hat. Die wäre ihm dafür nur im Weg gewesen. Und dem muss er sich im KZ, ob er will oder nicht, stellen. Da werden Beziehungen geknüpft, da wird er plötzlich verantwortlich, an ihm hängt es, dass die fünf Leute nicht erschossen werden und auch, wenn er hundert Mal sagt, ich bin ich und die anderen sind die anderen, es ist so, dass das Leben der anderen an ihm hängt. Dass er, indem er sein Leben rettet, plötzlich auch das von anderen retten kann, dem kann er sich nicht entziehen. Dass ihm Dinge nahe gehen, dem will er sich lange entziehen, aber er kann es nicht.

Filmnews.at: Betrifft das vielleicht auch seine Beziehungen zu Frauen? Er hat am Anfang eine Begegnung, die ihn mehr oder weniger ins Gefängnis bringt und am Ende trifft er wieder auf eine Frau. Hat sich da etwas in ihm verändert? Hat er sich geöffnet?

Karl Markovics: Hmmm (denkt nach) … Wahrscheinlich in so fern, dass er sich wünscht, dass er es wieder kann. Ob das so leicht funktioniert, weiß ich nicht, und das mag ich ja auch an offenen Schlüssen… aber so wie ich ihn sehen würde, setzt er sich schon plötzlich damit auseinander wie allein man sein kann, und wie schön es wäre das Leben wirklich mit jemandem zu teilen und nicht nur ohne Verantwortung, ohne Verpflichtung, eine Beziehung hier und eine Beziehung da … Dass er sich zumindest die Frage stellt, ob man da nicht womöglich etwas versäumt hat, oder es wert gewesen wäre, sich darauf einzulassen.

Rezension zu "Die Fälscher "

Aglaia Rudnay (aglai_rudnay@filmnews.at)