Interview mit Paula Kalenberg zu dem Film "Die Wolke"
Wie kamst du zu deiner Hauptrolle in „Die Wolke“? Gab es ein Casting oder wollte Regisseur Gregor Schnitzler unbedingt mit dir drehen?
Das ist immer eine recht unspektakuläre Aktion, denn man ist eben schon in einer Agentur und wird von der Agentur vorgeschlagen. Dann musste ich auch noch ein Casting bzw. Vorstellungsgespräch beim Regisseur machen und ihm was vorsprechen. Dann hat er irgendwann gesagt: Ja, dich nehme ich.
Hat sich deine Meinung zum Thema Atomkraft durch den Film bzw. deine Auseinandersetzung mit diesem Stoff verändert?
Ich hatte vorher überhaupt keine Meinung zu diesem Thema. Von da her hat sich einiges in meinem Leben verändert. Ich habe angefangen mir gewisse Fragen zu stellen. Zum Beispiel, was für eine Verantwortung ich in einer Demokratie habe, als mündiger Bürger, was für eine Verantwortung habe ich als Konsument innerhalb einer Konsumgesellschaft. Das sind Fragen, die man sich stellen muss. Ich würde mir wünschen, wenn das auch der Zuschauer tut, dass man sich gewisse Fragen stellt. Nach dem Sesamstraßenprinzip: Wer? Wie? Was? Wieso? Weshalb? Warum? Ansonsten läuft man Gefahr, dumm zu bleiben. Es ist eben auch unsere Verantwortung uns zu informieren. Und bei mir haben dieser Film und diese Arbeit an dem Film einen irrsinnigen Wissensdurst ausgelöst. Ich hatte das Gefühl über das Thema gar nicht bescheid zu wissen. Ich bin 1986 geboren und man neigt ja schon zu sagen: Die Katastrophe von Tschernobyl ist 20 Jahre her. Ich denke das stimmt so nicht. Der Unfall ist 20 Jahre her, aber die Katastrophe hat noch lange kein Ende gefunden. Es sterben täglich weiterhin Leute an den Folgen des Unfalls von 1986 und ich finde es furchtbar respektlos über die Köpfe der Menschen, die dort sterben oder an Leukämie erkranken hinweg dieses Thema zu vergessen und totzuschweigen, anstatt daraus zu lernen. Wir haben die Möglichkeit aus bereits Geschehenem zu lernen. Muss jetzt wieder was passieren, damit das Thema wieder aktuell wird oder reicht es, dass wir uns an der Geschichte bedienen können und daraus lernen?
Könnte es sein, dass nicht nur die großen deutschen Parteien die tatsächliche Gefahr der Atomkraft noch nicht erkannt haben oder erkennen wollen, sondern auch in der deutschen Bevölkerung eine gewisse Ignoranz herrscht?
Was ich als Riesenproblem empfinde, das auch ähnlich ist, wie beim Irakkrieg: Du hast das Gefühl du triffst niemanden in deinem Freundes- und Bekanntenkreis der pro Atomstrom ist.
Entgegen dem, was du als Bürger innerhalb einer Demokratie möchtest, handeln die Politik und die Konzerne. Das ist etwas, was nicht zusammenpasst und das finde ich extrem erschreckend. Wir hatten am Samstag ein RWE Vorstandsmitglied in einer Diskussion. Es gibt in Deutschland vier große Stromkonzerne, die AKWs betreiben. Die Stromindustrie in Deutschland liegt in der Hand von vier großen Konzernen: EnBW, Vattenfall. RWE und Eon. Plötzlich liegt die ganze Macht in den Händen von so wenigen Leuten, die darüber bestimmen. Diesen RWE Chef hatten wir eben am Samstag in einer Diskussion. Es war erschreckend, wie der Mann geredet hat. Er sagte immer wieder: „Liebe Leute, dieser Film emotionalisiert, lasst euch nichts vormachen. Diese Art von Katastrophe kann in Deutschland nicht stattfinden.“ Er meint dass die Sicherheitsstandards in Deutschland nicht vergleichbar sind mit denen in Tschernobyl. Tatsache ist, dass der Unfall in Tschernobyl auf menschliches Versagen. Von menschlichem Versagen ist man nirgendwo gefeit. Es ist einfach so. Es ist nicht die Frage, was hier technisch passiert sondern: sind wir bereits das Risiko weiterhin einzugehen? Wir müssen es nicht eingehen, es gibt Alternativen, regenerative Energien. Wir wollen nicht nach Schuldigen suchen sondern nach Verantwortlichen. Da werden wir feststellen, dass wir alle Verantwortung tragen, eben als mündiger Konsument. Natürlich müssen wir davon ausgehen, dass gewisse Unternehmen eine Transparenz bieten, damit wir auch wählen können. Letztendlich ist ja das Prinzip: Da wo kein Konsument ist, ist auch kein Produkt. Und wenn wir uns entscheiden grünen Strom zu beziehen, dann ist das ein klares Statement und ein klarer Eingriff in die Energiepolitik. Den Einfluss können wir nutzen und es ist nicht richtig, das von sich zu weisen. Das wird von den meisten Menschen gerne runtergequatscht, was jeder einzelne bewirken kann. Letztendlich zählt jeder einzelne. Es wird immer mit dem Zeigefinger Richtung Politik gewiesen. So lange wir uns nicht sehen, als Teil der Politik, dann ist auch nicht die Politik schuld. Es geht aber, wie gesagt nicht darum Schuldige zu suchen, sondern Verantwortliche.
Hast du in deiner Schulzeit das Buch „DIE WOLKE“ von Gudrun Pausewang gelesen?
Ich habe das Buch nicht in der Schule gelesen. Bei Franz, der den Elmar spielt, war es Pflichtlektüre in der Schule. War bei mir nicht so.
Das Thema AKWs war nie ein Thema bei mir, es hat bisher in meinem Leben nie Präsenz gehabt. Bei mir ist durch den Film Wissensdurst entstanden. Ich denke nicht, dass wir da einer Generation den Vorwurf machen sollten, dass hier Desinteresse herrscht. Ich würde mir einfach hoffen, dass der Film einen Anstoß gibt. Die Möglichkeit gibt, dass nicht extra etwas real passieren muss, sondern, dass der Film reicht, damit Wissensdurst entsteht.
Wie war die Zusammenarbeit mit den anderen Schauspielern? Es war ja größtenteils ein extrem junges Team.
Es war eine sehr intensive Arbeit. Allen war schon während der Drehzeit bewusst, dass es ein Film ist, der nicht ohne Folgen bleibt. Ein Film, der für uns persönlich im Leben eine große Bedeutung hat, und letztlich auch für alle. Es gab so Kleinigkeiten, dass wir beispielsweise nicht an deutschen Bahnhöfen drehen durften. Aus dem Grund, dass die Deutsche Bahn AG wohl doch zu gut befreundet ist mit der Atomlobby und wir ausweichen mussten auf einen belgischen Bahnhof. Das allein schon ist erschreckend. Im Originalbuch von Gudrun Pausewang passiert dieser Unfall in dem wirklich noch aktiven Atomkraftwerk Grafenrheinfeld Diesen Namen durften wir nicht benutzen oder haben ihn nicht benutzt. Wir mussten mit einer einstweiligen Verfügung rechen, von Seiten Eons, von den Betreibern dieses AKWs. Das sind alles so Dinge, die einen sensibilisieren und einem klar machen, dass es ein Film ist, der noch Folgen nach sich ziehen wird. Auf jeden Fall.
Was denkst du über die Herangehensweise die Atomkatastrophe über eine Liebesgeschichte zu erzählen?
Das war ein Punkt, den ich immer sehr kritisch gesehen habe. Ich habe mir auch gedacht: muss man jetzt wirklich eine Liebesgeschichte darstellen, um die jungen Leute wirklich emotional zu berühren. Ist das nicht reichlich plakativ etc.? Das hat uns auch dazu geführt damit kritisch umzugehen. Es war etwas, worüber wir viel geredet haben während der Dreharbeiten. Ich persönlich finde es von Gregor Schnitzler sehr mutig, das zu machen, weil es sehr grenzwertig ist, da man schnell ins Plakative rücken kann. Ich finde, dass es auf gar keinen Fall so ist, dass es ihm gelungen ist, allein aus dem Grund, dass es alles nicht verschönt dargestellt ist. Es kommt nicht zu einem hollywoodschen Happy End im klassischen Sinne, sondern es ist alles sehr realistisch geblieben. Auch diese Liebe ist nicht sonderlich perfekt: Sie ist von Misstrauen durchwachsen und nichts Perfektes. Es ist etwas Reines aber nichts Perfektes. Es ist herrlich aber es ist nicht irgendwie künstlich in irgendeine Richtung gedrängt. Das bewundere ich und mich berührt auch diese Liebesgeschichte sehr. Das wirft auch wieder die Frage auf: Wann habe ich das letzte mal bedingungslos etwas aus Liebe getan. Es ist ein Film, der viele Fragen aufwirft. In meinem Leben bin ich an einem Punkt gekommen mir viele Fragen zu stellen.
Gab es bereits Reaktionen von Umweltorganisationen oder den Grünen?
Es gab positive Reaktionen. In Österreich ist es ja auch von Global2000 unterstützt und in Deutschland von Greenpeace. Die Grünen sind auch sehr interessiert und froh darüber. Denn in den Köpfen der jungen Leute hat es bisher nur eine geringe Rolle gespielt hat. Sie sind alle sehr glücklich darüber, dass wir das als Anlass nehmen können darüber zu reden und nicht eine real passierte Katastrophe. Diese 17 Atomkraftwerke, egal wo man in Deutschland ist, es ist immer ein Atomkraftwerk in der Nähe. Während der rot-grünen Legislaturperiode sind gerade mal 2 Atomkraftwerke abgeschaltet worden. Die waren altersschwach und sehr sehr klein. 4,8 Prozent des Stroms in Deutschland haben die gerade mal ausgemacht. Und das jetzt irgendwie vorzuschieben, wir haben schon riesige Fortschritte gemacht ist lächerlich.
Das Interview führte Matthias Hüthmair (matthias_huethmair@filmnews.at)
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