filmnews.at - Neues vom europäischen Film

Interview mit Eric Guirado

Astrid Meixner von Filmnews.at traf Eric Guirado, den Regisseur von „Der fliegende Händler “, im Institut francais in Wien zum Gespräch.

filmnews.at: Was interessiert Sie so am Thema der fahrenden Händler? Was macht für Sie die Faszination dieser Arbeit aus?

Eric: Es sind nicht nur die fahrenden Händler ... Es ist für mich ein Symbol für einen Mangel. Das Problem ist, dass am Land die kleinen Geschäfte verschwinden. 20, 30 oder 50 Kilometer entfernt bauen die großen Supermarktketten ihre Geschäfte hin. In der Stadt sind derartige Probleme unbekannt, aber wenn man eine etwas ältere Person ist, die am Land lebt, ist es ein großes Problem. Wenn man die Kindheit am Land verbringt, fühlt man sich oft sehr isoliert. Viele junge Menschen gehen deswegen fort und die älteren Personen bleiben dort und sind dann auf ein Auto angewiesen.

Filmnews.at: Der Film zeigt eine Familie, die zerbrochen ist. Warum sprechen die Familienmitglieder nicht über ihre Probleme?

Eric: Jeder Mensch hat gewisse Grenzen und bestimmte Kapazitäten zur Verfügung, um offen über seine Probleme zu sprechen. In einer Beziehung, in der Familie und unter Freunden ist es nicht einfach klar zum anderen zu sagen „Hier ist ein Problem und darüber müssen wir reden“. So etwas verlangt eine bestimmte Form der Reife und Intelligenz. Es ist schon alleine sehr schwer, ein Problem zu erkennen und zu sagen, dass man ein Problem hat. In einer Familie sagt man also oft lieber „Halt die Klappe.“ Die Probleme entwickeln dann aber ihre eigene Dynamik bis man selbst irgendwann explodiert. Antoine explodiert, sein Vater explodiert . .

 

Filmnews.at: Claire ist sehr ehrlich und offen. Nur nach ihrer Nacht mit Antoine ist sie auf einmal sehr distanziert, warum?

Eric: Claire hat bereits eine große Liebesgeschichte erlebt – sie sagt das auch im Film. Sie hat sehr jung geheiratet und sich auch sehr jung wieder scheiden lassen. Claire ist ein Mensch, der auf beiden Beinen steht, sie ist sehr stark und hat immer viel Energie. Mit 17 Jahren hat sie die Schule verlassen für und wegen einer Liebesgeschichte. Nun macht sie ihren Schulabschluss nach. Sie weiß, wenn sie es zulassen würde sich in Antoine zu verlieben, wäre sie ein zweites Mal in der Lage die Schule abzubrechen. So konzentriert sie sich lieber aufs Lernen. Für mich ist Claire sehr interessant, weil sie die Person im Film ist, die die Entschlossenheit, Zielgerichtetheit und die Überzeugung symbolisiert. Antoine ist von nichts überzeugt und nicht sehr entschlossen. Claire weiß genau, was und wohin sie will. Antoine ist das genaue Gegenteil – er hat keine Perspektiven und weiß nicht, was er eigentlich will.

Filmnews.at: Wie haben Sie das Dorf für den Film gefunden?

Eric: Wir haben viel gesucht, denn es war sehr schwer ein Dorf zu finden, das genauso ist wie ich es mir vorher vorgestellt habe. Unser Budget war auch klein und daher mussten wir etwas finden, das möglichst gut passt, damit man die Gegebenheiten so nutzen konnte wie sie vorher schon waren. Wir haben viele Gemischtwarenhandlungen gefunden – die waren aber alle in Betrieb und wir konnten nicht hinkommen und sagen, dass sie für zwei Monate zusperren sollten. Geld als Ersatz für den Verlust hätten wir auch keines anbieten können, also war das alles ein bisschen kompliziert. In den Regionen Rhônes – Alpes, Provence – Alpes- Côte - D’Azur haben wir gesucht. Wir haben auch E-Mails an alle Touristenstellen der Regionen geschickt und eines Tages hat uns dann jemand geschrieben, dass sich ihr Büro in einer ehemaligen Gemischtwarenhandlung befindet und es kein Problem wäre dort zu drehen. Es waren nur zwei Computer drinnen und ein paar andere Sachen – das konnte man schnell ausräumen. Wir sind dann hingefahren und es war wie ich es mir erhofft hatte – am Platz des Dorfes, außen und innen schön, alles hat gepasst. Nach einem Monat Suche haben wir also den Ort gefunden und es war auch in der Region, in der wir zuvor schon gesucht hatten.

 

Filmnews.at: Und die Dorfbewohner– wie haben Sie diese Personen gefunden?

Eric: Wir haben ein großes Casting gemacht. Ich wollte mit Menschen aus der Gegend dort arbeiten. Wir hätten die Leute improvisieren lassen können, aber das funktioniert nur selten. Ich habe einfach Leute ausgesucht und sie mussten dann etwas ganz Konkretes machen. Sie sollten zuerst etwas sagen und dann eine Szene spielen – sie sollten beispielsweise so tun als würden sie ihre Einkäufe erledigen. Es waren leichte und recht kurze Passagen im Film, in denen die Menschen vorkommen, aber es war sehr wichtig für den Film. Man musste mit den Leuten auch nicht viel machen, sie waren sehr natürlich.

Filmnews.at: Man merkt im Film, dass Sie die Landschaft, die sie zeigen, sehr lieben. Was ist für Sie das Besondere an der Landschaft?

Eric: In Frankreich ist es so, dass es viele Orte gibt, wo sehr viele Touristen hinkommen. Das Paradoxe daran ist – es sind viele Menschen dort, es gibt viel Kommerz, aber die Orte funktionieren nur durch die Touristen. Wenn die Touristen weg sind, dann ist dort nichts mehr. Dann gibt es Gegenden, da kommen die Touristen nicht hin, weil es dort nichts Spezielles zum Ansehen gibt. In beiden Fällen gibt es jedoch Leute, die sehr isoliert leben. In den ruhigeren Gegenden ist es oft sehr schwer zu leben, denn man braucht ein Auto. Wenn man einmal einen Arzt benötigt, ist dieser oft nicht sofort zur Stelle und ähnliches. Im Film sind wir in einer Gegend in Frankreich, die weit entfernt ist von den Tourismuszentren. Menschen haben sich entschieden dort zu leben, einfache Menschen aus der Mittelklasse und Bauern oder ehemalige Bauern. Was mich interessiert, ist das ganz banale Landleben.

Filmnews.at: Die alten Menschen, das ist ein ganz großes Thema in unserer Gesellschaft. Wollen Sie mit dem Film die Probleme der Personen und mögliche Lösungen aufzeigen?

Eric: Lösungen nicht direkt, aber der Film soll zum Nachdenken anregen. Es ist oft irrsinnig traurig für die Familie, aber auch für die Person selbst, wenn jemand in Pension geht. Der Mensch muss dann daheim bleiben und die jüngeren Familienmitglieder können auch nicht jeden Tag zu Besuch kommen. Die fahrenden Händler kommen sehr oft, meist täglich oder jeden zweiten Tag – das ist sehr wichtig für die Menschen am Land. Die Relevanz von solch einfachen Dingen soll aufgezeigt werden. Die fahrenden Händler haben ja auch Zeitschriften, Bücher und DVD’s. Eine Person, die sehr isoliert lebt, findet bei den Händlern sehr viel. Die älteren Menschen am Land haben oft nur den Fernsehapparat und ihren Garten – das ist alles. Doch das Leben ist reich an vielen Dingen. Die fahrenden Händler bringen den Menschen alles was sie brauchen – das ist viel Arbeit, aber damit helfen sie diesen Menschen sehr.

In Frankreich gibt es auch Organisationen, die mit Kinos in die kleinen Orte kommen. Sie fahren mit Autos hin und bauen in einem Saal ihr Kino auf und zeigen dort Kinofilme. Die Leute kommen dann auch wirklich hin. In Frankreich und in vielen anderen Ländern nutzen die meisten Menschen ihren Fernsehapparat zur Unterhaltung. Ich finde es ist ganz wichtig, den Menschen auch andere Möglichkeiten aufzuzeigen. Das Problem dabei ist oft, dass, wenn etwas nicht Kommerz ist, interessiert sich keiner dafür.

Filmnews.at: Wie haben Sie Nicolas Cazalé für die Rolle des Antoine ausgesucht?

Eric: Für diese Rolle dachte ich an einige Schauspieler, die ich sehr mag, die aber schon etwas älter sind. Ich brauchte jemanden, der geheimnisvoll und ein bisschen düster ist und nicht viel spricht. Ich habe mir viele angesehen, aber Nicolas hat mich am meisten inspiriert. Ich suchte niemanden, der nichts zu sagen hat, aber im Film sagt er eben nicht sehr viel.

Filmnews.at: Wo ist das Problem zwischen Antoine und der alten Lucienne? Warum ist sie so rüde?

Eric: Ich glaube, jeder ist manchmal ein bisschen so wie Lucienne. Am Land kenne ich viele Menschen, die so wie sie sind. Das Leben mit ihnen ist oft schwierig, aber auch sehr witzig. Ich habe Dokumentationen über fahrende Händler gemacht und wir waren damals in ganz verschiedenen Regionen. Aber überall gab es jemanden wie Lucienne. Das sind Menschen, die sagen was sie denken. Es gibt überall Menschen, die gerade heraus sagen was sie sich denken. Zum Beispiel ein Freund, der dir sagt, dass die Kleidung, die du heute trägst, echt schrecklich aussieht. Das ist okay. Für mich war es ganz wichtig, dass es in der Geschichte eine Person gibt, die so ist - die Antoine alles direkt sagt und bei der alles ganz klar ist. Man sieht im Film, dass es gut ist so ehrlich zu sein. Am Anfang wirkt es brutal, aber am Ende hilft es der Beziehung sehr.

Filmnews.at: Wie haben Sie die Musik ausgesucht?

Eric: Die Musik habe ich erst sehr spät ausgewählt. Wenn man die Musik zu früh hat ist das gefährlich, weil man sich sonst sehr leicht davon beeinflussen lässt in der Arbeit mit den Bildern. Ich wollte einen Film machen, der uns trägt, der Emotionen hervorruft. Wenn man sich in einer Landschaft befindet, dann ist es die Atmosphäre, die Luft, der Wind und ähnliches was wichtig ist. Ich habe also sehr spät die Musik eingearbeitet. Ich habe gesagt „Jetzt haben wir den Film und nun schauen wir, wo wir Musik dazugeben.“ Ich wollte auch eher einfache Musik, nichts Elektronisches, sondern eher akustische Sachen. Ich kannte den Musiker - er ist sehr gut. Ich habe ihm gesagt, dass ich eine Gitarre will, eine Mandoline und solche kleinen Sachen.

Filmnews.at: Was können die Zuschauer Ihrer Meinung nach aus Antoines Geschichte lernen?

Eric: Dass es wichtig ist, offen zu sein für andere. Man muss gerecht sein seinen Mitmenschen gegenüber. Antoine hat sich in seinem Vater getäuscht und in dessen Arbeit auch. Er dachte, die Arbeit ist fad und sinnlos und war nicht sehr stolz auf den Vater. Mit der Reife, die er erreicht hat, sieht er das alles plötzlich ganz anders. Man darf nicht auf Ideen sitzen bleiben und auf Vorurteilen beharren. Man muss offen bleiben, denn dann erfährt man sehr viel über andere Menschen.

Das Interview führte Astrid Meixner (astrid_meixner@filmnews.at)

Zur Rezension von "Der fliegende Händler"