Interview mit Michael Glawogger
Matthias Hüthmair führte für filmnews.at mit dem Regisseur und Drehbuchautor Michael Glawogger ein Interview zu seinem neuen Film "Workingman's Death"
Wie lange
waren Sie mit der Recherche für Workingman's Death beschäftigt und
wie entstand der Entschluss genau diese fünf Ecken der Welt zu behandeln?
Mit der Recherche war ich ca. 3 Jahre beschäftigt, wobei ich bei der Fertigstellung von Nacktschnecken schon versucht habe, die Orte einzukreisen wo das Thema wirklich sichtbar und gut darstellbar ist und dann hab ich begonnen dort hinzureisen. Aber ich habe auch sehr viele Orte bereist, die später im Film nie vorgekommen sind, weil ich natürlich auch schauen wollte, dass es keine Wiederholungen gibt, dass nicht zweimal Minen vorkommen, obwohl ich eine sehr gute Geschichte in Tansania hatte. Wo sie fast noch gefährlichere Bergwerke haben als die Ukraine, die gerade in die Erde hinuntergehen und wo sie unten auch sprengen. Das alles auch für keinen Lohn, weil sie wie Goldgräber arbeiten, und nur reich werden, wenn sie Tansanit finden, was eine weichere Form von Diamant ist. Das war sehr spannend diese Orte einzukreisen, ich habe manche auch wieder fallen gelassen, habe mitten in den Dreharbeiten erst begonnen Nigeria zu besuchen und dort hab ich eigentlich über eine Geschichte über Öl recherchiert. Es hat sich dann aber zunehmend als unmöglich erwiesen, das zu filmen und ich bin eher zufällig auf den gefilmten Ort gekommen, weil ich über der Stadt Geier kreisen sah. Als ich den Schlachthof sah, habe ich sofort gewusst, dass er im Film sein muss. Es sind alles eher fließende Vorgänge, die man dann wie ein Puzzle zusammensetzt.
Kann man in diesen Gebieten teilweise von einer Ideologisierung der Arbeit sprechen, die heute fast gar nicht mehr vorhanden ist? Ich denke vor allem an das Beispiel der ukrainischen Minenarbeiter, die sich an den Statuen von Arbeiterhelden an frühere Verhältnisse erinnern. Oder auch an das Archivmaterial über den Arbeiterhelden Stachanow.
Eine
Sache die ich mir für den Film vorgenommen habe, ist etwas zu machen, was
in der Geschichte des Films, der den arbeitenden Menschen zeigt, ganz selten
passiert. Nämlich den eigentlichen Akt der Arbeit zu zeigen. Wenn man sich
den Stachanow ansieht, oder wenn man sich verschiedene spätere Dokumentarfilme
ansieht, die über Arbeiter sprechen, so ist der Arbeiter eigentlich immer
als ein Transportmittel für etwas verwendet worden. So wenig der Arbeiter
in den sechziger Jahren verstanden hat, warum er von den Linken instrumentalisiert
wird, oder so sehr selbst in der Zeit wo man das Heldentum des Arbeiters in
China, in Ostdeutschland oder der Sowjetunion gepriesen hat, hat man den Arbeiter
in heroischen Momenten gesehen, aber der Moment der Arbeit selbst war sehr kurz.
Ich bin dann auf den Entschluss gekommen, dass ich die Arbeit in den Mittelpunkt
des Films stellen will. Wenn man sich den Film ansieht, so gibt es in jedem
Teil einen fast zehn Minuten langen Block, wo kein Wort geredet wird und wo
ich eigentlich fast in einer sinnlichen Form zeige, was es heißt Arbeit
zu machen. Es ist beinahe wie ein kleiner Schockmoment, wenn die sich hinsetzten
und plötzlich etwas sprechen, das wirkt dann oft auch sehr kontrastierend.
Natürlich ist das eben auch das damalige Heldentum ironisierend, indem
ich die Arbeiter, die ums pure Überleben kämpfen, wie Helden hinstelle.
Auf der anderen Seite ist das aber auch so gemeint, dass das Helden sind. Denen
möchte ich mit dem Film auch irgendwie ein Denkmal setzen.
Wie würden Sie die dokumentarische Arbeitsweise im Vergleich zu Megacities beschreiben?
Die eigentliche Herangehensweise hat sich nicht geändert, es ist schon eine Fortführung eines Stils. Es ist natürlich so, dass ich bei Megacities versucht habe einen sehr, sehr schnellen Film zu machen. Ich wollte den Atem einer Stadt auch in die Form des Films mit hinein nehmen. Megacities ist auch sehr stark ein Film über Schauen und das kurze Verweilen. Man könnte den Unterschied auch darin beschreiben, dass Workingman’s Death ganz andere Herangehensweisen erfordert hat. Dass man mit dem Arbeiter sein muss, wenn er liegt und auf die Kohle einschlägt, wenn er geht und trägt, oder wenn ich den verrückten Rhythmus eines ständigen Tötens, Zerschneidens und Tragens von Tieren zeige. Es ist formal sehr fordernd, wie man an so etwas herangeht. Ich glaube, dass sich diese beiden Filme vom filmischen Denken und der Herangehensweise sich nicht sehr unterscheiden. Es aber sehr anders wirkt, weil die Anforderungen an das Thema ganz anders waren.
Wie sehr haben
Sie bei den Aufnahmen Ihrem Kameramann Wolfgang Thaler Freiraum gewährt,
vor allem in Anbetracht der unglaublich beeindruckend und gefährlich aussehenden
Aufnahmen der Werftarbeiter in Pakistan?
Ich arbeite mit dem Kameramann jetzt schon über zehn Jahre zusammen. Es ist teilweise schon so, dass wir besprechen wie wir es machen, aber er natürlich auch genau weiß, wie ich es haben will. Das ist unterschiedlich, wenn wir eher theoretischere Sachen machen, wie diese Standbilder und Statuen, dann besprechen wir sehr genau, wie das geht. In Pakistan war es extrem gefährlich, da muss man auch vorsichtig arbeiten und da muss man mit mehr Kameras arbeiten, weil es sonst nicht funktioniert. Da bedarf es einer anderen Form von Planung, als beispielsweise in Nigeria, wo wir eigentlich nur beschlossen haben, den ständigen Kreisel der Tätigkeiten zu verfolgen. Jeden Tag haben die Geschehnisse irgendwie gleich stattgefunden. Wir haben uns mit dem Geschehen treiben lassen, dadurch hat es sehr viel ähnliches Material aus verschiedenen Richtungen gegeben, das man ihn einer solchen Drehkreiselhaftigkeit montieren konnte, aber da war eher die Vorbesprechung wichtig. Wenn er einmal angefangen hat, sich mit der Kamera zu bewegen, dann ist das fast wie von selber gelaufen.
Können
Sie ungefähr einschätzen wie viele Stunden an Rohmaterial sie gedreht
haben, wo war es für Sie besonders schwierig zu wählen, was tatsächlich
in die nun vorliegende Fassung einfließen soll.
Es gab ein ungefähres Drehverhältnis von 1:25. Bei Nigeria war das Schneiden aus den bereits erwähnten Gründen besonders schwer. Ich hätte daraus auch gerne einen längeren Film gemacht, vielleicht werde ich das für die DVD Fassung durchführen, dass ich eine 60 Minuten Fassung aus Nigeria mache. Denn es kriegt dann dadurch auch etwas total Kontemplatives, wenn man in diesen Kreisel reinkippt, Ich finde der Nigeria Teil ist wie das Herzstück des Films, da hatte ich innerlich die größten Verluste gehabt, hier so viel herauszuschneiden.
Welche Projekte haben Sie im Moment in Planung, was darf man sich in nächster Zeit von Ihnen erwarten?
Im Moment habe ich gerade einen Spielfilm beendet. Er heißt Slumming, mit August Diehl, Paulus Manker, Michael Ostrowski und Pia Hierzegger. Ich habe einen ein Minuten Film über Mozart gemacht, wie wahrscheinlich jeder österreichische Regisseur im Moment. Ich werde einen groß angelegten Dokumentarfilm in der Art von Workingman’s Death über Prostitution machen. Und ich schreibe außerdem mit dem Michael Ostrowski an einem Drehbuch für einen Film über Drogen.
Matthias Hüthmair (matthias_huethmair@filmnews.at)