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Interview mit Matthias Glasner

Glasner 1„Ich mag Menschen, die sich schuldig fühlen!“

Als Ergänzung zu ihrer Berichterstattung von der Berlinale 2006 (siehe Step III), führte Aglai Rudnay ein Interview mit Matthias Glasner, Regisseur des umstrittenen Filmes „Der freie Wille“.*

*Achtung, hier wird das Ende verraten..!

Filmnews: Dadurch, dass ich den Film schon vor einem dreiviertel Jahr auf der Berlinale gesehen habe…

Matthias Glasner: …geht’s dir wieder besser (lacht).

Filmnews: Geht’s mir wieder besser, aber immer noch nicht gut (lacht). Ich kann mich bis heute nicht entscheiden wie ich zu der Figur des Theo stehen soll - was ja wahrscheinlich auch deine Intention war..?! Wie stehst du selbst zu Theo? Kannst du die Figur in gewisser Weise „lieben“? Fühlst du dich ihr nah?

Matthias Glasner: Ja, ich glaube ich könnte keinen Film über ihn machen, wenn ich mich ihm nicht nahe fühlen würde. Allen Figuren. Alle Figuren in diesem Film sind eigentlich ein Teil von mir, ich glaub, dass man als Regisseur nur Sachen machen soll, die was mit einem selbst zu tun haben, was man selbst nachempfinden kann. Und ich interessiere mich grundsätzlich sehr für Schuld, Schuldigwerden, warum wir schuldig werden, wie es ist mit Schuld zu leben. Ich hab das Gefühl Leben heißt die ganze Zeit schuldig werden.
Wie man das aushält und wie man sich nachher noch in den Spiegel schauen kann, wie man sich selber annehmen kann - denn wenn man das nicht kann, kann man auch andere nicht annehmen - das hat ganz viel mit Schuldgefühl zu tun. Und ich mag Menschen, die sich schuldig fühlen. Ich hab das Gefühl, wenn Leute einen Raum betreten, kann ich direkt sehen, ob dass jemand ist, der sich schuldig fühlt oder nicht… Und zu solchen Menschen fühle ich mich sofort hingezogen.

Glasner2Filmnews: Ich fand es schön, dass man bei der Liebesgeschichte zwischen Netti und Theo trotz der Vorgeschichte voll mitgegangen ist. Dass es trotz allem eine wunderschöne Liebesgeschichte war - mit sehr zarten Momenten - und dass das auch so rüber gekommen ist.

Matthias Glasner: Ja, ich wollte ja eh immer eher einen zärtlichen Film machen. Ich wollte mit großer Anteilnahme an alle Figuren rangehen, egal was sie verbrochen haben oder nicht. Ich lebe ganz stark aus der Haltung heraus, dass mir nichts Menschliches fremd ist. Ich glaube, dass Menschen im Guten wie im Bösen zu allem in der Lage sind. Das gehört zu uns dazu und es fällt mir schwer jemanden deswegen zu verurteilen. Ich bin auf der Seite aller, die da so kämpfen um irgendwas. Also, der Film hat überhaupt keine kritische Haltung irgendjemandem gegenüber. Der Film nimmt einfach Anteil… das ist diese Zartheit, ne Sanftheit, wie ich versucht habe mit diesen Figuren und mit dieser Geschichte umzugehen.

Filmnews: Das heißt, dass dich die Opferseite auch nicht interessiert hätte. Zumindest nicht in diesem Ausmaß…

Matthias Glasner: Doch, das war hier nur einfach nicht die Geschichte. Grundsätzlich interessiert mich das schon. Nur die Drehbuchautorin mit der ich das geschrieben habe, Judith Angerbauer, die hat jetzt was über ein Opfer geschrieben, was ich wahrscheinlich produzieren werde. Das interessiert mich auch, das ist nur einfach eine andere Geschichte.

Filmnews: Ich glaube es ist ganz wichtig, dass man nicht weiterschalten kann (Anm. der Film war phasenweise in anderer Form als TV-Film geplant), weil es sehr wohl Szenen gibt, die schwer zu ertragen sind und daher wäre es ein großer Verlust für den Film, wenn er nur im Fernsehen gelaufen wäre.

Glasner3Matthias Glasner: Ja, im Fernsehen geht so ein Film gar nicht. Ich mein, er wird im Fernsehen laufen, weil das Fernsehen mitproduziert hat, aber das ist eigentlich wirklich der falsche Ort dafür.

Filmnews: Ich habe gelesen, dass eine Freundin von Sabine Timoteo nach fünf Minuten aus dem Film hinausgegangen ist. Warum? Wollte sie es vielleicht auch gar nicht „durchhalten“? Ich muss nämlich sagen, dass ich im Endeffekt doch zu gespannt auf den Film war. Ich hätte wahrscheinlich noch viel mehr ertragen, weil mir die Figur, von der ersten Szene an, so wichtig war.

Matthias Glasner: Es ist halt ein schmaler Grad… du sagst ja selber, manche Momente sind schwer auszuhalten, da möchte man am liebsten wegschalten. Das ist bei jedem unterschiedlich, bei jedem sehr individuell anders. Jeder macht seine eigenen Erfahrungen mit dem Film.

Filmnews: Meinem Eindruck nach, lässt Netti Theo am Ende aus Liebe gehen. Sie liebt ihn so sehr, dass sie vielleicht weiß, dass es für ihn wirklich die einzige Lösung ist und dass sie ihn nicht retten kann. Kann Liebe, deiner Meinung nach, jemanden retten?

Matthias Glasner: Ich muss sagen, dass ich grundsätzlich ein großer Verfechter für das Recht auf Selbstmord bin. Ich halte es für eine absolut legitime Wahl, eine Entscheidung für jeden Einzelnen. Es gibt einen Satz, den ich als Teenager gelesen habe: „Ohne die Möglichkeit des Selbstmordes, hätte ich mich schon längst umgebracht!“ Der Satz hat mich als Teenager sehr beeindruckt und ich brauch das nach wie vor als letzten Ausweg, um das Leben auszuhalten. Wenn ich’s nicht mehr aushalte, kann ich diese Tür nehmen. Das Recht sollte jeder haben. Das Leben ist für viele Menschen unerträglich. Je nach Disposition kommen wir besser oder schlechter mit dieser sehr komplizierten Welt klar. Ich kenne einige Menschen aus meinem Bekanntenkreis und die leiden so unendlich, sind so unglücklich, dass ich oft denke, dann lass es. Wenn das Leben für dich so eine Qual ist. Ich glaube nicht, dass wir die Verpflichtung haben das Leben auszuhalten. Da ich kein religiöser Mensch bin, glaub ich das nicht.
Deswegen ist das eine mögliche Interpretation, die du sagst, nicht unbedingt die einzige und nicht unbedingt meine, aber eine mögliche, dass es auch eine Art Liebesbeweis ist, dass sie ihn lässt. Weil sie weiß, dass er es einfach nicht mehr aushält.

Glasner 4Filmnews: Du gliederst das Thema „Vergewaltiger“ sehr stark in die Gesellschaft ein, was ich sehr interessant finde. Wenn man „nur“ einen „Vergewaltigerfilm“ drehen würde, wäre es ja wieder nur ein Mikrokosmos. Als gäbe es den Vergewaltiger nicht unter uns.

Matthias Glasner: Ja ganz genau! Das wollte ich eben auch von Anfang an auf keinen Fall, DEN Vergewaltigerfilm drehen. Der Film war ja ursprünglich mal viel länger, der war ja sechs Stunden lang, da hatten die Figuren noch viel mehr Eigenleben. Ich wollte von Anfang an so ein Panorama von psychischen Beschädigungen und davon war der Vergewaltiger nur EIN sehr wichtiger Teil, aber ich wollte das unbedingt, dass das Teil eines größeren Ganzen ist.

 Filmnews: Hast du in Interviews, Kritiken oder Reaktionen nicht auch die Erfahrung gemacht, -  mir ist das nämlich bei der Berlinale-Pressekonferenz so vorgekommen, - dass sich schlussendlich doch immer nur auf das Vergewaltigungsthema beschränkt wird und dass viel weniger Fragen zu Nettis Geschichte kommen?

Matthias Glasner: Ja leider, das ist absolut so! Es hat sich im letzten halben Jahr auch so rauskristallisiert. Auch beim Kinostart in Deutschland, wo wir so wahnsinnig viel Presse hatten. Aber immer geht’s um die Vergewaltigung, immer geht’s um den Vergewaltiger. Es geht immer um Jürgen, wobei Sabines Rolle eigentlich genauso groß ist und Sabine spielt es auch mindestens genauso gut. Sabine hätte alle Preise verdient, die Preise kriegt alle Jürgen. Das ist ein bisschen ungerecht in meinen Augen, aber was soll man machen, das muss man so nehmen.

Filmnews: Ich kann mich erinnern, dass du bei der Berlinale gesagt hast, dass du den Täter „entdämonisieren“, das Menschliche zeigen willst. Es gab damals einen regelrechten Aufschrei unter den anwesenden Journalisten, die meinten du würdest damit dessen Handlungen entschuldigen. Aber wolltest du das überhaupt?

Matthias Glasner: Nein überhaupt nicht. Das wollte ich gar nicht. Ich hab auch nicht das Gefühl, dass der Film etwas entschuldigt. Das ist eben Teil der menschlichen Struktur. Wir sind auch sehr destruktiv. Wir haben ganz große destruktive Anteile und die brauchen wir auch. Die sind auch wichtig. Um unser Gleichgewicht zu halten, brauchen wir auch die Abstoßung und so wie zu viel Liebe manchmal krankhaft werden kann und sich auch sehr negativ äußern kann… wir kennen das alle, wenn die Liebe zur Krankheit wird (lacht)… kann aber auch die Abstoßung, die Destruktivität sehr zerstörerische Züge annehmen. Ich halte das alles für wichtig, für einen Teil der menschlichen Natur und wir müssen akzeptieren, dass das alles da ist. Und „entdämonisieren“ ist da glaub ich auch kein gutes Wort. Das hab ich leider mal benutzt…

Glasner5Filmnews: Du sagst du bist kein religiöser Mensch. Warum verwendest du das „Ave Maria“?

Matthias Glasner: Theo ist, glaube ich, jemand, der überhaupt keinerlei kulturelle oder konfessionelle Bildung hat. In dem Moment, wo er versuchen will als in seinen Augen normaler Mensch zu funktionieren, geht er sehr einfach, sehr direkt, sehr naiv an die Dinge ran. Wenn er nach Belgien geht, - in meinen Augen ist das so was wie ein Projekt -, nimmt er sich etwas vor: „Ich will jetzt eine Liebesgeschichte, nur das kann mich eventuell retten.“ Also in dem Moment, wo er gerettet werden will, sagt er „Wo wird man gerettet? Äh, ich glaube in der Kirche!“ Er geht da rein als Atheist, er geht da rein und will die Kirche benutzen. Deswegen auch dieses Musikstück. Das ist ja so ein Gassenhauer. Das ist eben so was, was nachts im Klassikradio läuft. Das ist genau das Richtige, auf so was springt er an. Er springt auf das Klischee von Religion an. Das war mir wichtig. Ich wollte da nichts Bildungsbürgerliches, nichts Kunstgewerbliches. Ich wollte da nicht irgendwas unbeschreiblich komplex Tiefgehendes, ich wollte nen Schlager. Der Mann hört Schlager. „Ave Maria“ ist ein Schlager.

Filmnews: In diesem Zusammenhang noch mal zur letzten Szene: Wie Netti Theo hält, das erinnert an die Pieta. Ist diese Assoziation gewollt oder einfach überinterpretiert?

Matthias Glasner: Nein, das stimmt gar nicht. Die Interpretation kommt aber ständig.

Filmnews: Hätte der Film auch anders ausgehen können? Man hofft ja doch, dass die Geschichte noch gut ausgeht.

Matthias Glasner: Ich hätte mir auch ein offeneres Ende gewünscht. Aber Jürgen konnte am Ende einfach nicht mehr. Er wollte sich umbringen. Das war seine Entscheidung.

Rezension zu "Der freie Wille"

Aglaia Rudnay (aglai_rudnay@filmnews.at)