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Interview mit Dennis Gansel - Regisseur von "Napola"

Wie hast Du Dich auf das Schreiben des Drehbuchs vorbereitet? Es war doch sicher eine ungeheure Menge an Recherchematerialien vorhanden.


Insgesamt haben wir alleine 9 Monate recherchiert! Es war der Hammer! Archive, Napolas besuchen, Zeitzeugen, Historiker, [deutsches] Institut für Zeitgeschichte in München […]; man wird ja irgendwann auch fanatisch, und es sind immer noch 12 Fehler drin (z.B. ein Fahrrad wurde erst 1947 hergestellt, obwohl es nur im Hintergrund zu sehen ist, denkt man sich, ach schade…).

Warum bist Du ein solcher Perfektionist?


Man wurde ja in einer sehr politisch-korrekten Generation geboren. Wenn man sich so einer Thematik annimmt, hat man, glaub’ ich auch, so Angst irgendwie angreifbar zu werden. Dem versucht man zunächst einmal über einen wahnsinnig korrekten Zugang, was man der Geschichte auch irgendwie schuldig ist, vorzubeugen. Deswegen war auch der Ansatz bei Reden wie “Kapstadt, London, New York“, dass man nicht sagt, das ist ausgedacht, sonder, auf eine Originalrede zurückgreift.


Läuft man nicht Gefahr auf diese Weise in die “Dokumentarfilmfalle“ zu treten?

Dadurch, dass der Film Verführung zum Thema hat und Verführung auch so zeigt, ist er anders und dadurch kann man nicht so viel “falsch“ machen. Jeder wäre gerne im Widerstand gewesen. Sich mit Verführung auseinander zu setzten find’ ich spannend. Die Frage ist ja immer, wie funktioniert das und hätte ich selber auch mitgemacht. Ich selbst habe mich das auch immer gefragt.
Die Leute, die auf die Napolas gekommen sind, waren nach der ersten Rede völlig “geflasht“. Absolut unpolitische, junge Menschen, die nach der ersten Rede völlig im System gefangen waren! Wenn ich mir Reden von Adolf Hitler ansehe, dann ist das für mich ein Hampelmann. Die Faszination habe ich nicht nachvollziehen können. Alles ist schwarz-weiß, verstaubt, die Literatur papieren, die Aufnahmen verzerrt, nicht verständlich. Die Kraft und die Verführung zu zeigen, das war mir sehr wichtig! Und deshalb eben auch diese Rede am Anfang des Films, über die auch viel geschrieben wird, wo man fragt, darf man das so verführerisch darstellen. Ja natürlich!!!
A. War’s so,
B. hat der Film am Schluss eine klare Haltung, das heißt man muss sich das trauen! Wie sonst will ich verstehen, wie das System funktioniert hat und wie es auf die Leute gewirkt hat.

Das erschreckende ist ja, dass solche diktatorischen Systeme heute noch in jedem größeren wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen anzutreffen sind…


Die Frage ist grundsätzlich, was bin ich bereit zu tun, was nicht meinem Wesen entspricht, um bestimme Vorteile zu erlangen. Solche hierarchische Strukturen sind heute, wie früher immer noch wirksam. Man selber beobachtet an sich, wie man sich Schritt für Schritt immer mehr verbiegt, um dadurch materielle und berufliche Vorteile zu erlangen! Natürlich kann man das nicht mit dem faschistischen System direkt vergleichen, aber das System oder die Arten der Belohnung, wenn Du Dich systemkonform verhältst, sind heute wie früher, gleich geblieben!
Je mehr Arbeitslose es gibt, je verfahrener die wirtschaftliche Situation wird, umso mehr wird genau das Thema sein! Leute wären erstaunt, was Mitkommelitonen oder Menschen, die wir von früher kennen, bereit sind zu tun, um beruflich aufzusteigen.


Wie schafft man es von der Konzeption her, bei einem Film, der eben diese Verführungsthematik, auch einem jüngeren Publikum näher bringen soll, die Gradwanderung anzustellen trotzdem absolut neutral und politisch-korrekt zu bleiben, was “Napola“ auch bravourös zustande bringt?


Einfach von einer Hauptfigur ausgegangen [Anm. d. Red.: Friedrich Weimer, gespielt von Max Riemelt], die nichts weiß. Ich habe mir immer überlegt, ich bin selber Friedrich, und ich habe eigentlich von den Naplolas keine Ahnung. Was müsste kommen, oder welche Situation müsste eintreten, dass ich bereit bin auf eine Napola zu gehen? Das heißt, ich müsste einen armen Hintergrund haben. Wir haben auch eine Figur, die genau das, was wir als liberale Zuseher fühlen, ausspricht, den Vater. Er sagt am Anfang des Films: „Wir haben mit ’diesen’ Leuten nichts zu tun!“ und „Du kommst mir nicht auf diese Schule!“. In unserem Sinne ist er eigentlich ein “Antagonist“ und bewusst dramaturgisch so gewählt worden. Die Figur, die den eigentlichen Antagonisten darstellt [Anm. d. Red.: Heinrich Vogler, gespielt von Devid Striesow], der Häscher, derjenige, der die Leute auf die Napolas lockt, ist komplett sympathisch und geht genau auf die Grundbedürfnisse der jungen Leute ein. Und ich denke so funktioniert’s…
Ansonsten haben wir uns relativ genau an das gehalten, was Napolaschüler erzählt haben. Wie war das? Wie hat es dort gerochen? Was war der Punkt, wo sie das System wirklich bekommen hat? Und wir wussten ja wie’s endet, deshalb konnten wir uns die “offene“ Verführungsthematik eigentlich erlauben.
Im Grunde genommen war unser Versuch, den Zuschauer an einen Punkt zu bringen, wo er sagt: „Das hätte mir auch gefallen!“ oder „Die Rede, so furchtbar sie ist, eigentlich ist das beeindruckend und mir ist irgendwie ein Schauer über den Rücken gelaufen“.
Da wird’s dann auch spannend, da hört es nämlich auf, Geschichte zu sein, und spricht den Zuschauer auf einer unerwartet emotionalen Ebene an. Und genau das wollten wir erreichen.


Vom psychischen Effekt her, abgesehen von all den wirklich furchtbaren und schrecklichen Dingen, die den Kindern in den Napolas geschehen sind, kann es nicht sein, dass dieser Drill und das Einreden, sie seien das Beste vom Besten, auch eine positive Wirkung gehabt hat? Vor allem in Anbetracht dessen, dass einige Napolaschüler im späteren Verlauf beruflich und wirtschaftlich sehr erfolgreich waren.


Ich habe mich oft gefragt, ob das in einem Zusammenhang steht. Viele Napolaabsolventen waren unglaublich erfolgreich.
Das hat meiner Meinung nach zwei Hauptgründe:
Erstens haben sie wirklich intelligente Menschen rekrutiert. Dieses Vorurteil, sie hätten nur die “Blonden“ genommen, die Starken, die nicht besonders viel drauf hatten, stimmt nicht. Napolaschüler waren Schulbeste und wurden sehr genau ausgesucht. Dies war sicherlich ein Grund, weshalb die Leute Karriere gemacht haben.
Zweitens spielt auch die Disziplin mit Sicherheit eine wesentliche Rolle.

Das Interview führte Sveto (svetislav_jovicin@filmnews.at)

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