Interview: "Vom Suchen und Finden der Liebe" mit Moritz Bleibtreu und Alexandra Maria Lara
filmnews.at:
In dem Film „Vom Suchen und Finden der Liebe“ geht es hauptsächlich
um die Liebe- wie ist es unter einem Regisseur zu spielen, der dreifach geschieden
ist?
Lara: Großartig. Helmut Dietl ist sicher jemand, der im Laufe seiner
Beziehungen viel erfahren hat und seine Erfahrungen und seine poetische Art
in dieses Projekt sehr stark hat einfließen lassen.
Ich glaube aber, dass wir mehr über Sprache und Humor von ihm gelernt haben,
als über die Liebe als solches.
Bleibtreu: Es wäre ja auch schlimm, wenn man sagen würde, dass jemand, der dreimal geschieden ist, keine großen Liebesfilme mehr machen darf. Das wäre doch ganz, ganz traurig. So etwas lässt doch keinen Rückschluss darauf zu, ob sich derjenige jetzt mit der Liebe auskennt oder nicht.
Es stellt sich dann auch die Frage: gibt es eine große Liebe?
Oder gibt es mehrere größere Lieben?
Lara: Wir glauben beide, dass es mehrere bzw. nicht nur die einzige große
Liebe gibt.
Es kommt ganz darauf an. Meine Eltern zum Beispiel sind schon seit langer Zeit
ein vorbildliches, wunderbares Paar- solche Geschichten schreibt das Leben eben
auch.
Nichtsdestotrotz sollten Menschen, die aus einer gescheiterten Beziehung kommen,
trotzdem ihren Glauben an die Liebe bewahren.
Bleibtreu: Liebe braucht ja auch wahnsinnig viel Zeit, hat sehr lange Nachwirkungen und beschäftigt einen ganz lange. Also soviel mehr als 2, vielleicht 3- wenn man ein bisschen Glück hat- so Menschen, die für einen bestimmt waren, gibt es glaube ich nicht. Das ist schon etwas sehr, sehr Seltenes.
Muss
man deswegen auf die alten Griechen zurückgreifen wenn man dieses Thema
aufgreift?
Lara: Die alten Griechen haben natürlich großartige Vorlagen geliefert. Also diese Geschichte von Orpheus und Eurydike ist einfach eine unglaubliche Geschichte, ein Mann der seiner Frau in den Tod folgt. Das steht natürlich für ganz viel. Sich solcher Mythen zu bedienen ist sicherlich sehr spannend und man greift gerne drauf zurück
Bleibtreu: Es geht ja auch um Pathos. Wenn man sich dazu entschließt
so etwas wie Pathos überhaupt in Filmen zu verwenden, dann muss man da
auch eine Schnittstelle finden, die Sinn macht. Und das ist hier natürlich
gegeben, weil von Anfang an klar ist, dass mit Elementen gespielt wird die nicht
jetzt so hier vor der Tür stattfinden. Man bekommt auch die Chance, sich
ein bisschen vom Realismus zu entfernen, was ich sehr mutig finde.
Pathos ist ja eigentlich- und noch dazu aus Deutschland- ganz schwierig und
auch einer der Gründe, warum ich das so geil finde. Helmut Dietl lässt’s
halt wirklich drauf ankommen.
Die Umkehrung des „Orpheus und Eurydike“ Mythos- ein Zeichen unserer Zeit, der Emanzipation?
Lara: Das war einfach Helmut Dietls Vision. Er sagt immer, er hat eben eines Tages dieses Bild gehabt und mit so einem Bild fängt eine Geschichte ja auch an. Die Tatsache, dass er sich hingesetzt hat, und angefangen hat, das alles neu zu schreiben, ist darauf zurückzuführen. Und seine Vision war eben die umgekehrte Vision, eben dass die Frau hinabsteigt in die Unterwelt um ihren Mann zurückzuholen.
Bleibtreu: Und sie sich dann ja natürlich auch aus ganz anderen Gründen umsieht. Im Original ist es ja so, dass er sich nach ihr umsieht um zu sehen, ob sie noch da ist- und das ist hier ganz anders. Und das ist sicherlich auch eine Verknüpfung mit der heutigen Zeit: dass Liebe eben offensichtlich scheitert an so Kleinigkeiten oder an so blödem Kram, wo man dann rückblickend feststellen muss „Mein Gott, wie dumm, dass ich mich über so was wirklich aufgeregt hab“. Das kenn ich auch sehr, sehr gut.
Mimi und
Venus scheitern daran, dass sie wirklich versucht, das zu erreichen, was er
will. Er versucht die ganze Zeit sie zu verändern und als sie das getan
hat, ist die Liebe weg.
Bleibtreu: Naja, die Liebe ist ja nicht weg.
Lara: Ich glaube aber nicht, dass sich Venus Morgenstern lediglich verbiegen hat lassen, sondern die Veränderungen bis zu einem gewissen Grad auch gewünscht hat.
Bleibtreu: Aber selbstverständlich, da gehören ja immer zwei dazu.
Lara: Helmut Dietl sagt immer, dass jemanden verändern zu wollen vielleicht noch ein legitimer Wunsch ist. Aber dass, wenn derjenige dann so verändert ist, man in ihm nicht mehr die Person findet, in die man sich einmal verliebt hat.
Bleibtreu: Ich glaube es gibt nicht einen Menschen auf der Welt, der wenn er leidenschaftlich liebt, nicht auch an diesem Menschen was verändern will.
Die Veränderung von Venus ist ja sehr offensichtlich- aber wie wird Mimi durch Venus geformt bzw. wie verändert er sich durch diese Liebe?
Bleibtreu: Ich glaube sie verändert ihn dahingehend, dass er sich von
dem, was er einmal von der Musik gewollt hat, vollkommen entfernt hat. Das geschieht
dadurch, dass er alles auf sie projiziert und sich daher auch ein ganz großes
Stück von sich selbst entfernen.
Und dann ist auf einmal alles weg: die Musik ist weg, das, was er einst von
der Musik wollte, ist weg und die Frau ist auch weg. Mimi hatte ja wirklich
ganz große musikalische Ambitionen. Und wenn man sich die Lieder ansieht,
die in diesem Film verwendet werden: das sind natürlich auch anrührende
Lieder, aber eben auch weiß Gott kein Puccini. Das ist eben der kleinste
gemeinsame Nenner zwischen Mimi und Venus- und zeigt, dass sich Mimi auch ein
Stück von seiner eigenen Leidenschaft entfernt hat.
Dietl verwendet
die Musik aus Puccinis Opern „La Bohème“ und „Tosca“-
es dreht sich bei beiden um starke, unverheiratete Frauen. Wie spielt er mit
dem Gegensatz zwischen den beiden Paaren, die einen verheiratet, die anderen
nicht? Erhält man nicht den Eindruck dass Helena und Theo, das verheiratete
Paar, es schaffen und Venus und Mimi nicht?
Bleibtreu: Der Film ist ja irgendwo auch eine Oper.
Lara: Aber Mimi und Venus begegnen sich am Ende dieser wunderbaren Geschichte
noch einmal und da liegt für mich auch die Kernaussage nämlich, dass
sie diese wertvolle Erinnerung an etwas Einmaliges, Unvergessliches, Romantisches
haben. Ich weiß nicht, ob es erstrebenswert wäre, mit dem Paar zu
tauschen, wo zwar beide am Leben bleiben, aber die Frage ist auch immer wie.
Im Gegensatz zu Helena und Theo leben Mimi und Venus ihre Liebe, mit all ihren
Problemen und eigentlich bis zum Lebensende.
Und wenn Sie den letzten Satz des Films richtig wahrgenommen haben :„Und
wenn sie nicht gestorben sind, dann lieben sie sich noch heute“
Bleibtreu: Was hier sicherlich auch zum Tragen kommt, ist die individuelle
Auffassung des Ganzen. Der eine sieht das als zynisch, ein anderer empfindet
das sehr wohl als Happyend. Für mich ist die Tatsache, dass Mann und Frau
irgendwie nicht so richtig zusammenpassen wollen, eine gottgegebene Realität,
mit der man sich abfinden muss.
Und deswegen glaub ich auch, dass man sich immer wieder reinschmeißen
und es immer wieder probieren muss. Mit dem Wissen, dass es eben auch wehtun
muss- genau das versuchen viele Menschen heute zu vermeiden und versuchen, Liebe
auszugrenzen, weil sie sich dem Schmerz nicht aussetzen wollen. Aber das ist
ein Trugschluss- die Sehnsucht wird früher oder später so stark sein,
dass man sich der Liebe doch wieder hingibt.
Die Akzeptanz ist wichtig- dass man akzeptiert, dass so was halt auch wehtut.
Deswegen ist es für mich eben ein Happyend.
Wir wurden in Deutschland auch immer wieder gefragt: „Wieso hat der Film
kein Happyend?“ Aber es ist ein Happyend, nur eben nicht so wie es die
Amerikaner vielleicht gemacht hätten.
Nur wenn Helmut Dietl dem Film ein klassisches Happyend gegeben hätte,
dann hätte der Film sich selbst ad absurdum geführt.
Wie empfinden Sie die Gratwanderung zwischen Ironie und Kitsch in „Vom Suchen und Finden der Liebe“?
Bleibtreu: Vor allem ist es auch eine Stilübung, also ein absolut stilisierter
Film. Jede Figur, jede Situation, jede Location. Was ich toll finde, ist, dass
er es geschafft hat, in dieser Welt- die doch relativ befremdlich ist- immer
wieder Wahrheiten zu zeigen, die dich an dich selbst erinnern, die du nachvollziehen
kannst. Und das Spielen damit ist sehr schwer und ich finde, das ist ihm gut
gelungen.
Es ist eben auch ein Film der nachwirkt: durch die Vielschichtigkeit ist man
anfangs vollkommen überwältigt. Wenn man beginnt sich mit den Kleinigkeiten
auseinanderzusetzen, bemerkt man erst, was sich der Mann dabei alles gedacht
hat. Gleichzeitig entwickelt der Film aber auch ein wahnsinniges Tempo.
Hat der
Film Eure Sichtweise der Liebe verändert?
Lara: Meine nicht.
Bleibtreu: Für mich bleibt der größte Film aller Zeiten am Ende nur ein Film. Insofern glaube ich nicht, dass der Film mich selbst verändert hat, noch dass er den Zuschauer in irgendeiner Weise verändern wird.
Das Interview führte Luisa Gareis (luisa_gareis@filmnews.at)