Interview mit Fatih Akin
Aglaia Rudnay führte gemeinsam mit Florian Widegger vom DVD-Forum, Sermin Kaya vom Biber-Magazin und Köksal Baltaci, NEUE Tageszeitung für Tirol, mit Regisseur Fatih Akin anlässlich seines neuen Films „Auf der anderen Seite“ ein Interview im Wiener Hotel Triest.
Köksal Baltaci, NEUE: Wie waren denn die Reaktionen nach „Gegen die Wand“? Wie war das erste Feedback, das Du bekommen hast?
Fatih Akin: Das allererste Feedback kam ja aus meinem Freundeskreis und ich habe so lange an dem Film gearbeitet bis er meinem Freundeskreis gefallen hat. Damit ging es los.
Aglaia Rudnay, Filmnews: Waren Deine Freunde nicht sehr überrascht als sie den Film gesehen haben? Er ist ja doch deutlich ruhiger und nachdenklicher als „Gegen die Wand“…
Fatih Akin: Nee die waren weniger überrascht eigentlich, aber sie haben mir sehr geholfen den Film zu dem zu machen, was er ist. Der hat in der vorhergehenden Version nicht so gut funktioniert und dann haben sie ihn mir, einer besonders, Adam Bousdoukos aus „Kurz und Schmerzlos“, um die Ohren gehauen bis das dann so funktioniert hat. Er ist ein recht anspruchsvoller Zuschauer, wenn er ihm gefällt, dann kann er auch weltweit funktionieren. Das war so das erste Ziel und dann Cannes als nächstes… Cannes war ne Umarmung und jetzt geht das so los. Deutschland ist überraschenderweise sehr positiv, was die Türkei angeht, weiß ich noch gar nicht wie die Reaktionen sein werden.
Aglaia Rudnay, Filmnews: Wann wird er dort anlaufen?
Fatih Akin: Nächsten Monat. Also ich hab die Cannes-Presse, die in der Türkei erschienen ist, nicht wirklich verfolgt.
Sermin Kaya, Biber-Magazin: Und mit welchen Reaktionen rechnest Du aus der Türkei?
Fatih Akin: Wenn ich ganz ehrlich bin: Der Film ergreift ja keine Partei, er ist ja sehr neutral, deswegen kann ihn ja auch keiner instrumentalisieren oder für sich einnehmen. Die Türken brauchen das, mehr als andere Zuschauer, etwas für sich einzunehmen. Deswegen würde es mich sehr überraschen, aber auch freuen, wenn es positiv wäre, aber ich bin auf alles gefasst.
Aglaia Rudnay, Filmnews: Du hast gesagt es gab eine erste Version. Was hat sich seitdem verändert?
Fatih Akin: Die Struktur des Films, die war schon anders...
Aglaia Rudnay, Filmnews: Es gab keine drei Kapitel?
Fatih Akin: Nicht die Kapitel hintereinander, sondern es lief parallel. Ich switchte da immer hin und her zwischen den einzelnen Erzählsträngen, viel mehr wie bei „Babel“ – der Film wird ja viel mit „Babel“ verglichen. Es war eigentlich so, dass die Sachen gleichzeitig passieren und man keine Verbindung zu den einzelnen Figuren aufbauen kann, weil immer, wenn die Figur interessant wird, wechsle ich zum nächsten Handlungsstrang, zum nächsten Schauplatz, überfordere und verwirre damit meinen Zuschauer und schaffe es nicht eine emotionale Verbindung aufzubauen. Ich finde darunter leidet „Babel“ auch. „Babel“ war bestimmt sehr wichtig um irgendwann zu erkennen: „Okay, so machen wir den Film jetzt nicht, so funktioniert es eben nicht.“
Aglaia Rudnay, Filmnews: „21 Gramm“ war ja eher Vorbild in der Drehbuchstruktur, oder?
Fatih Akin: „21 Gramm“ funktioniert eigentlich ähnlich wie „Babel“, aber der Grund weswegen „21 Gramm“ meiner Meinung nach sehr funktioniert, ist – also „21 Gramm“ war das Vorbild nicht „Babel“, „Babel“ kam erst raus als wir geschnitten haben – bei „21 Gramm“ funktioniert es, weil die Geschichte so depressiv ist und so dunkel, es gibt ja keinen einzigen Lacher in dem Film, dass du dann doch eigentlich eher befreit bist, wenn der Schauplatz gewechselt wird. Wenn du von Naomi Watts zu Benicio und dann zu Sean Penn gehst, also da tut dir das eher gut den Schauplatz zu wechseln. Bei „Babel“ hätte ich mir doch eher gewünscht, die Geschichten hintereinander zu erzählen, so wie wir es jetzt gemacht haben.
Sermin Kaya, Biber-Magazin: Wie lange haben die Dreharbeiten gedauert?
Fatih Akin: 44 Tage oder so was.
Sermin Kaya, Biber-Magazin: Bist Du während solcher Dreharbeiten ansprechbar? Bist Du da auch Privatmensch oder bist Du da hauptsächlich 24h auf Arbeitsachse?
Fatih Akin: Also bei mir sind die Übergänge eh alle so fließend. Das ist das Privatleben und das ist die Arbeit, das gibt’s nicht in meinem Leben.
Sermin Kaya, Biber-Magazin: Aber Du hast einen Sohn, oder?
Fatih Akin: Ja, der ist am Set mit dabei. Dann haben wir ihn am Schoß und dann kuckt er durch die Kamera oder...
Sermin Kaya, Biber-Magazin: Wünscht Du Dir, dass er das selber mal macht?
Fatih Akin: Is ein guter Beruf, ja.
Sermin Kaya, Biber-Magazin: Nimmst Du ihn deswegen mit?
Fatih Akin: Es ist ein Zirkusleben, es kann auch sein, dass er es Scheiße findet und Anwalt werden will (lacht).
Aglaia Rudnay, Filmnews: Und deine Frau arbeitet auch mit?
Fatih Akin: Meine Frau arbeitet auch mit. Sie hat jetzt das Casting und auch einen Dokumentarfilm während der Dreharbeiten über die Dreharbeiten gemacht.
Aglaia Rudnay, Filmnews: Wenn Du sie gerade fürs Casting einsetzt, was schätzt Du da an ihrem Urteilsvermögen? Habt ihr eine ähnliche Sicht der Dinge?
Fatih Akin: Sie hat gute Ideen. Sie hat Ideen auf die komme ich dann nicht. Die schauspielerische Karriere meines Bruders ist allein Monique zu verdanken. Er war irgendwann arbeitslos und brauchte einen Job und ich brauchte einen Schauspieler für einen Kurzfilm, für „Getürkt“, und sie meinte: „Nimm Cem, der passt!“ Und so fing auch ihre Karriere als meine Casterin an. Für Adam Bousdoukos hat sie sehr gekämpft, dass ich ihn für „Kurz und Schmerzlos“ besetze. Als alle anderen gegen ihn waren und ich wusste nicht, ob ich jetzt meinen besten Freund besetzen soll oder nicht, meinte Monique er passt. Da hat sie dann manchmal die nötige Objektivität.
Köksal Baltaci, NEUE: Du hast bei „Gegen die Wand“ gesagt ohne Monique gäbe es den Film nicht, in jeder Phase des Drehbuchs, deiner Ideen brauchst Du ihr Feedback…
Fatih Akin: Es ist halt einfacher, wenn Du eine Frau im Rücken hast, die daran glaubt, was Du tust. Sie ist weiß Gott keine „Ja-Sagerin“, ich bin nicht mit einem Menschen zusammen, der mich anhimmelt für das, was ich tue, sondern die es sehr oft in Frage stellt und das führt sehr oft zu Konflikten, aber diese sind dann halt auch sehr oft kreativ.
Köksal Baltaci, NEUE: Dein Bruder spielt eine Art Sittenwächter, ich weiß nicht wie man das nennen will, das habe ich nicht so ganz verstanden. Gibt es so was? Dass die da zufällig hören, dass eine Prostituierte Türkin sein könnte und dann lauern sie ihr auf und sagen: „Hör auf mit diesem Job, das ist nichts für dich, sonst kommen wir noch mal.“ Was hat es damit auf sich?
Fatih Akin: Eigentlich sind das personifizierte Internetbotschaften, die ich bekommen habe, viel bekommen habe für „Gegen die Wand“. Also: „Ey, ihr sollt in der Hölle brennen für den Film!“ und so was.
Sermin Kaya, Biber-Magazin: Glaubst Du, dass Du Dir mit „Gegen die Wand“ Feinde gemacht hast?
Fatih Akin: Wo Licht ist, ist auch Schatten glaube ich. Und natürlich polarisiert meine Arbeit und natürlich stellt meine Arbeit Sachen in Frage und natürlich provoziert sie auch und da gibt es halt auch Tabus. Aber Tabus müssen aufgeknackt werden. Ich will mich jetzt auch gar nicht als Vorreiter sehen, als jemand, der Tabus aufknackt, aber…
Sermin Kaya, Biber-Magazin: Nein, aber ich hatte das Gefühl, dass Du mit „Gegen die Wand“ irgendwie ein Plädoyer gesetzt hast, dass die türkische Frau irgendwo eine Freiheit braucht. Wie sehr setzt Du Dich dafür ein?
Fatih Akin: Gar nicht. Als Mensch in meinem Gedankengut, ja, aber…
Sermin Kaya, Biber-Magazin: Sollte die türkische Frau genauso wie die europäische Frau selbstständig und normal leben können?
Fatih Akin: Jeder sollte so leben wie er möchte. Die europäischen und westlichen Werte müssen ja nicht die besten sein. Das muss jeder für sich selber erkennen, welche Werte er leben will. Nun hat mich die Debatte, die „Gegen die Wand“ ausgelöst hat, schon überrascht. Letztendlich ist die Figur der Sibel ja überhaupt nicht repräsentativ. Die ist ja eine Borderlinerin. Die türkische Frau in Deutschland, in Europa oder in der westlichen Sphäre ist ja jetzt keine Borderlinerin verflixt. Und der türkische Mann ist ja jetzt auch kein Alkoholiker verflixt. Es sind zwei Außenseiter. Und da wundert und irritiert es mich, dass dann solche Außenseiter so repräsentativ gesehen werden für eine gesamte Gruppe, für eine Minderheit. Das sollte der Film eigentlich nicht auslösen. Das ist dann so passiert und darüber habe ich mich geärgert.
Sermin Kaya, Biber-Magazin: Wieso verfällst Du eigentlich immer – nichts gegen das, ich finde es genial, aber – in diese türkisch-deutsch Schiene?
Fatih Akin: Na weils mich ausmacht. Weils ich bin. Was soll ich machen? Soll ich jetzt Filme über Hans machen?
Sermin Kaya, Biber-Magazin: Ja…
Fatih Akin: Aber das machen doch andere. Was soll ich einen Film über die RAF, über die ostdeutsche Problematik machen, wenn das andere machen?
Florian Widegger, DVD Forum: Mir gefällt die Musikauswahl in Deinen Filmen immer sehr. Deshalb würde ich gerne wissen wie Du auswählst und wie da Deine Zugänge sind?
Fatih Akin: Das funktioniert sehr intuitiv. Es gibt keine logistische Regelung Musik zu nehmen oder nicht. Es gibt natürlich Konzepte, aber kein Rezept. Bei dem Film ging es los mit Bob Dylan. Irgendwie geht alles zurück auf Bob Dylan. Da kam Scorsese mit seinen Film „No Direction Home: Bob Dylan“ an. Ich wusste nicht viel über Bob Dylan und da hab ich dann die ganze Geschichte präsentiert bekommen. Okay, was ist das Nächste, was ich tue? Ich kaufe mir eine Biographie von Bob Dylan und da heißt es, seine Großmutter ist aus Trabzon und sie ist dann über Odessa irgendwann nach Amerika. Meine Vorfahren kommen auch aus Trabzon, also nichts wie hin. Also fahre ich dorthin und entdecke die Musik vom Schwarzen Meer, so wie sie auch im Film ist. (…) Jetzt treffe ich zufällig – Zufall spielt überhaupt eine wichtige Rolle in meinem Leben, ich glaube nicht an Zufälle, ich glaube an Bestimmung – will es die Bestimmung, dass ich Shantel kennenlerne und frage ihn dann intuitiv, ob er mir einen Soundtrack für meinen neuen Film macht. Was mir an Shantel gefällt ist, dass er folkloristische Musik für europäische oder westliche Ohren zugänglich macht. Was eigentlich sehr fremd klingen kann, kann er sehr zugänglich klingen lassen. Ich habe ihn also gefragt, ob er mir die Schwarzmeermusik zugänglich klingen lassen könnte. Dann hat er gesagt, okay, macht er, und daraus hat er mir den Soundtrack gebastelt.
Florian Widegger, DVD Forum: Mir ist auch aufgefallen, dass es im Gegensatz zu „Gegen die Wand“ viel weniger Musik gab und ruhiger war. Bei „Gegen die Wand“ war eigentlich in fast jeder Szene Musik und dein neuer Film wirkt etwas getragener durch die Atmosphäre, die im Bild liegt.
Fatih Akin: Ich wollt es anders machen als „Gegen die Wand“, das ist der Grund dafür. Ich wollte es anders machen und ich hatte den Anspruch, dass der neue Film wie immer er sein wird, anders sein sollte als „Gegen die Wand“ und das in so vielen verschiedenen Formen wie möglich. Und dann natürlich auch die Herausforderung mit wenig Musik auszukommen. Bei „Gegen die Wand“ hat die Musik ja etwas sehr Kommentierendes und hier hat die Musik eher etwas, was Raum schafft. Also immer nur Musik um Raum zu schaffen, um das Gesehene so reflektieren zu können. Wie visuell bin ich eigentlich? Wie viel Kino will ich eigentlich? Die purste Form von Kino muss visuelle Kommunikation sein, also mit Bildern zu erzählen. Natürlich gehört Audio auch dazu und Musik auch. Musik ist immer der einfachste Weg, um Emotionen beim Zuschauer hervorzurufen, aber ich habe versucht Musik nur zu benutzen, wenn es unbedingt nötig ist.
Aglaia Rudnay, Filmnews: Denkst Du auch, dass sich manche Regisseure eventuell mit Musik über eine Szene „hinweghelfen“, die allein vielleicht nicht stark genug gewesen wäre?
Fatih Akin: Ist immer etwas worauf man zurückgreifen kann, ja. Es ist ein Trick. Etwas funktioniert nicht, also klatscht man es mit Musik zu. Nun war das bei „Gegen die Wand“ nicht der Fall, es war ja nicht so, dass „Gegen die Wand“ nicht funktioniert hat und deswegen hat man die Musik eingebaut. Ich wusste welche Musik ich bei „Gegen die Wand“ benutze bevor ich den Film gemacht habe. Ich hab gesagt das, das, das und das und dann haben wir erstmal geklärt was das kostet. „Okay, all die Songs kosten 150.000 Euro, okay, pack das in das Budget von dem Film.“ Dafür mach ich den Film ohne Steadycam, ich mach ihn ohne Schienen, ich mach ihn mit ganz wenig Licht, so ist das Musiketat, das Musikkonzept von „Gegen die Wand“ entstanden.
Sermin Kaya, Biber-Magazin: Und was hörst Du privat auf Deinem iPod?
Fatih Akin: Alles mögliche. Das Meiste, was ich höre ist Hip Hop, weils halt auch eine Lebensphilosophie ist. Ich höre wirklich alles, ich hör auch klassische Musik. Aber das, was ich tatsächlich am Meisten höre ist Hip Hop.
Aglaia Rudnay, Filmnews: Hamburger Hip Hop?
Fatih Akin: Nee weniger, die können das nicht. Berlin ist halt eine Großstadt und Hip Hop mäßig ist Berlin einfach authentischer.
Köksal Baltaci, NEUE: Ayten sagt in einer Szene „Fuck the EU!“ Ist das auch Deine Meinung?
Fatih Akin: Nein. Meine Meinung ist im gesamten Film enthalten.
Sermin Kaya, Biber-Magazin: Und was ist mit der Türkei in der EU? Was hältst Du davon?
Fatih Akin: Ist im Film enthalten glaube ich. Das ist nicht etwas, wo ich sage ja, nein, schwarz, weiß, grün, rot… vor allem nicht öffentlich. Dann schon lieber am Stammtisch. Wenns eine Meinung dazu gibt, dann ist sie im Film enthalten.
Aglaia Rudnay, Filmnews: Und abgesehen vom Politischen, was willst Du mit dem Film vermitteln?
Fatih Akin: Also ich bin ja nicht der Mensch, der ich bin wegen meiner politischen Meinung, sondern weil ich Filme mache. So, das ist so das Hauptding. Ich glaube es gibt viele Botschaften in diesem Film, ganz archaische Dinge wie Vergebung, Nächstenliebe, … Ich glaube der Film ist voller Botschaften. Der Umgang mit dem Tod… das Perfekte, was der Film erzählen könnte ist, dass jemand einen Todesfall erlebt hat und trauert noch und mit dem Film kann ich ein bisschen Trauer nehmen und ich glaube, dass kann der Film. Und der ganze Film ist wie ein Grabstein.
Aglaia Rudnay, Filmnews: Steht die „andere Seite“ für das Jenseits?
Fatih Akin: Auch ja. Das eine ist das Jenseits, eine poetische Umschreibung für den Tod, „Auf der anderen Seite“ klingt natürlich poetischer als Fatih Akins neuer Film „Der Tod“ (lacht). Und dann war das für mich natürlich die andere Seite der Wand. Ich persönlich sehe diese Filme immer zusammen. „Gegen die Wand“ und der Erfolgsdruck von dem Film und dann ist der Film so eine Art Befreiung auf die andere Seite der Mauer. „Gegen die Wand“ handelt ja auch sehr von Enge und dieser Film handelt jetzt sehr von Weite.
Köksal Baltaci, NEUE: In Deutschland bist Du ziemlich bekannt, in Österreich auch einigermaßen, in der Türkei bist Du ein Rockstar. Es ist ja so, das Hotel, in dem Du immer wieder drehst, ist die Attraktion schlechthin, in ganzen Bussen werden die Leute da angekarrt. Ich wohn da auch immer…
Aglaia Rudnay, Filmnews: Ich hab kein Zimmer bekommen, weil ihr grade gedreht habt!
Fatih Akin: Was echt? (lacht)
Köksal Baltaci, NEUE: Jeder kennt Dich, jeder kennt deine Arbeit. Du hast ein enormes Zuschauerpotential dort obwohl Deine Filme hierzulande eigentlich erfolgreicher sind.
Fatih Akin: Das Traurige ist ja, so schön ich das auch finde, geliebt zu werden ist ja immer schön, aber ich will ja eigentlich mehr, dass meine Arbeit geliebt wird. Ich will geliebt werden für meine Arbeit, aber die meisten Menschen in der Türkei kennen ja meine Filme gar nicht. Ich hatte zum Vergleich bei „Crossing the Bridge“, mein Lieblingsfilm von meinen eigenen Filmen, 100.000 Zuschauer in Deutschland und nur 30.000 in der Türkei, obwohls ein ähnliches Zuschauerpotential gibt. „Gegen die Wand“ ist mit 850.000 Zuschauern in Deutschland gelaufen und mit 250.000 in der Türkei, es gibt also ein Gefälle. Meine Filme sind nicht mainstreamtauglich, meine Filme sind nicht familienfreundlich, weil da viel zu viel geflucht wird, weil da zu viele Drogen genommen werden oder weil sie zu politisch sind oder nicht und das finde ich… schade. Einen Fußballspieler liebst du, weil er Tore macht oder weil er ein guter Verteidiger ist. Für seine Leistung. Daher macht es für mich Sinn, wenn die im Ausland so als Auslandslegionäre gefeiert werden. Ich werde ja auch als Auslandslegionär gefeiert, aber die meisten wissen ja nichts. „Toll, dass Du über den roten Teppich gehst, toll, dass Du den Preis gewonnen hast!“ Wenn der vielleicht wüsste wofür, würde er das vielleicht Scheiße finden. Weißt du, was ich meine? Es gibt auch viele, die finden das Scheiße, dem begegne ich auch oft. Nicht genauso viel, aber es gibt immer wieder Leute, die…
Sermin Kaya, Biber-Magazin: Wie trägt man Dir das zu? Über Fanpost?
Fatih Akin: Über Internet, Fanpost, Getuschel um dich rum: „Kuck mal, der macht aber Scheißfilme!“ Alles schon erlebt… (…)
Florian Widegger, DVD Forum: Erzähl mir etwas über Hanna Schygulla, wie es ist mit ihr zu arbeiten?
Fatih Akin: Schön. Es war schön mit ihr zu arbeiten.
Florian Widegger, DVD Forum: Was ist das Besondere an ihrer Arbeitsweise? Wie sie an die Rolle herangeht?
Fatih Akin: Nee, gar nicht mal so sehr. Es ist eine völlig andere Generation aus der sie kommt. (…)
Aglaia Rudnay, Filmnews: Wie unterscheidet sich die Arbeit mit einer solch erfahrenen Schauspielerin wie Hanna Schygulla von der mit einem völligen Schauspielneuling wie Sibel Kekilli damals bei „Gegen die Wand“?
Fatih Akin: Man coacht mehr, also man ist vielmehr ein Schauspielcoach, wenn man mit jemand wie Sibel arbeitet, der das vorher noch nicht gemacht hat als jetzt mit diesem Cast.
Aglaia Rudnay, Filmnews: Ist das anstrengender oder ist es vielleicht sogar leichter jemanden zu führen?
Fatih Akin: Es hat eine Qualität natürlich, aber dieses Mal hatte ich sechs Figuren und da wollte ich niemanden führen. Da dachte ich, ich nehme mir erfahrene Schauspieler, die ich einfach machen lassen kann, wo ich mich zurücklehnen kann. (…) Das Erstaunliche bei Frau Schygulla ist, dass ich am Set nicht sehr glücklich war. Wir haben angefangen und ich steh daneben und hab mir das Spiel live angeschaut und irgendwie ist es live nicht ganz bei mir angekommen. Wir haben ein paar Sachen ausprobiert, aber irgendwas hat gefehlt und dann habe ich die ersten Muster gesehen und das war ein Unterschied wie Tag und Nacht. Der Eindruck, den ich am Set hatte, war vollkommen falsch, weil irgendetwas in der Transformation auf das zweidimensionale Medium passiert ist, was so live gar nicht zu erahnen war. Das gibt’s oft, es gibt hervorragende Theaterschauspieler, die spielen live auf der Bühne so geil, die haben eine richtige Elektrizität und dann filmst du sie und da ist nichts, da kommt nichts davon an, da verliert es. Und bei ihr ist es halt umgekehrt. (…) Und seitdem habe ich sie einfach machen lassen, ich habe wenig inszeniert. Ich weiß nicht, ob sie sich dessen bewusst ist oder nicht, ich glaub sie ist sich dessen bewusst.
Florian Widegger, DVD Forum: Sie ist generell etwas ruhiger geworden. Bei „Winterreise“ spielt sie auch schon diesen ruhigen Gegenpart zu Bierbichler und wenn man an Fassbinder zurückdenkt, wo sie auch mal rebellischere oder stärkere Charaktere gespielt hat…
Fatih Akin: Es hat ja auch was mit Älterwerden zu tun.
Aglaia Rudnay, Filmnews: Ich finde auch es passt richtig gut zur Rolle. Man hat ja das Gefühl, dass sie erst durch den Tod ihrer Tochter wieder lebendig wird… Was könnte der Grund dafür sein, dass so oft erst der Tod oder ein dramatisches Ereignis zur Einsicht führt?
Fatih Akin: Schocktherapie! Das fällt mir dazu ein.
Aglaia Rudnay, Filmnews: Und im Fall von Lotte selbst? Man hat das Gefühl sie ist ein wenig perspektivenlos und verwöhnt. Auch hier hat man den Eindruck, dass Ayten sie belebt. Kann Ayten ihre Leere füllen? Wenn sie nicht gestorben wäre, hätte sie das auch längerfristig gekonnt?
Fatih Akin: Wenn sich nicht gestorben wären, dann leben sie noch heute, wie es so schön heißt, und dann wären sie wahrscheinlich auch glücklich.
Aglaia Rudnay, Filmnews: Glaubst Du das?
Fatih Akin: Vielleicht. Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, was hinter meinen Filmen ist. Meine Philosophie ist auch, dass die Geschichten, die ich erzähle, immer nur so ein Ausschnitt sind, es gibt ein Vorleben und es gibt auch ein Danach. Es gibt auf jeden Fall ein Danach, irgendwann wird der Alte hinter dem Felsen hervorkommen mit seinem Boot und dann werden Vater und Sohn wahrscheinlich zwei, drei Tage miteinander verbringen und der Vater wird sich freuen, dann wird der Sohn in seinen Buchladen zurückgehen. Ich spinn jetzt mal… und dann wird er Ayten entdecken. Und mein Kumpel Adam (Bousdoukos, Anm.)wünscht sich dann, dass er mit Ayten zusammenkommt. Und da sage ich: „Die ist doch homosexuell, das funktioniert doch nicht!“ Und er: „Die ist vielleicht gar nicht homosexuell, vielleicht ist das nur eine Phase..!“ (…) Es ist dann eben ein Kunstwerk und das kann jeder für sich selbst interpretieren.
Rezension zu "Auf der anderen Seite "
Aglaia Rudnay (aglai_rudnay@filmnews.at)