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Diagonale 2006

Diagonale – Step III

ChacheDie Diagonale 06 ist vorbei. Wir ziehen Bilanz…

Die Auszeichnung von Michael Hanekes „Caché“ mit dem Großen Diagonale Preis für den besten heimischen Spielfilm des vergangenen Jahres ist keine Sensation. Haneke konnte für „Caché“ bereits diverse Preise einheimsen - unter anderem den Europäischen Filmpreis. Die Diagonale-Jury entschied sich damit für den international wohl renommiertesten österreichischen Autorenfilmer der Gegenwart.

Mehr Eigenständigkeit bewies man mit der Verleihung des Großen Preises für den besten Dokumentarfilm: Er ging ex aequo an den bereits bei der Berlinale ausgezeichneten Film „Babooska“ (Tizza Covi/Rainer Frimmel), der das Leben der Zirkusfamilie Girardi thematisiert, sowie an „Exile Family Movie“ (Arash), in dem bei einer Familienzusammenführung alte iranische Tradition und Moderne aufeinanderprallen.
Die favorisierten „großen“ Dokumentarfilme des vergangenen Jahres „We feed the world“ und „Workingman’s Death“ wurden nur in Nebenkategorien ausgezeichnet. (Glawoggers Film über Schwerarbeit erhielt u.a. den Preis für die beste Kamera in einem Dokumentarfilm).

Spiele lebenMit einer lobenden Erwähnung wurde die aktuell spannendste österreichische Filmproduktionsfirma, die COOP 99, völlig zu recht für „das hohe Niveau ihrer Arbeit“ gewürdigt. Sie zeichnete sich für die wohl interessantesten Produktionen des letzten Jahres verantwortlich: „Spiele Leben“, „Grbavica“ oder „Schläfer“.
1999 von den Filmakademieabsolventen Barbara Albert, Jessica Hausner, Antonin Svoboda und Martin Gschlacht gegründet, bezeichnet sich die COOP 99 selbst als „die Plattform einer neuen FilmemacherInnen-Generation in Österreich“.
Dabei handelt es sich um eine sehr erfolgreiche „neue Generation“: Gleich der erste eigenproduzierte Film, Jessica Hausners „Lovely Rita“, wurde bei seiner Uraufführung bei den Filmfestspielen in Cannes zur Sensation. Unzählige Festivalerfolge sollten folgen. Ferner stehen die Filme der COOP 99 beispielhaft für einen Trend der letzten Jahre in Richtung österreichische Koproduktionen: „Darwin’s Nightmare“ entstand in Zusammenarbeit mit Frankreich, „Die fetten Jahre sind vorbei“ gemeinsam mit dem deutschen Partner Y3 Film, „Schläfer“ ebenfalls in Kooperation mit Deutschland und „Grbavica“ mit Bosnien. Die Filme der COOP 99 sind demnach richtungsweisend. So mannigfaltig sie sich auch darstellen, immer sind sie erfüllt von politischem Bewusstsein und Mut zu brisanten, aktuellen Stoffen.

Wie steht es aber nun um den heimischen Film? Die Diskussionsrunden der Diagonale zur Situation des österreichischen Films, brachten kaum neue Erkenntnisse. Vielmehr wurden die Grabenkämpfe weitergeführt. Produzenten, Regisseure, Verleiher und Kritiker arbeiten eher gegeneinander als miteinander und schaden so dem österreichischen Filmschaffen im Allgemeinen.

Workings Mens DeathHinzu kommt, dass der Erfolg im Ausland in einem deutlichen Kontrast zum Stellenwert, den der österreichische Film im eigenen Land hat, steht. Die fehlende Wertschätzung ist unter anderem dafür verantwortlich, dass dem Film in Österreich nur ein geringer Anteil des Kulturbudgets zugestanden wird, dass die staatliche Filmförderung im europäischen Vergleich weit unterdotiert ist und dass der österreichische Film ganz allgemein im öffentlichen Bewusstsein wenig verankert ist. Zusätzlich hat der Filmstandort Österreich aufgrund seiner Kleinstaatlichkeit mit einer Reihe von Nachteilen wie beispielsweise der Ressourcenknappheit oder der Abhängigkeit vom ausländischen Markt zu kämpfen. Insgesamt machte der Anteil österreichischer Filme in den heimischen Kinos nie mehr als 10% aus. Derzeit beträgt er sogar nur 2%. Aus diesem Grund muss die österreichische Filmproduktion Nischenprodukte herzustellen, die sich ganz bewusst vom Hollywood-Mainstream absetzen. Produktionsfirmen wie die COOP 99 haben diesen Trend erkannt und umgesetzt. Trotzdem müssen schon jetzt, zu einem Zeitpunkt, wo der heimische Film aufgrund der Festivalerfolge zumindest noch ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit genießt, Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine konstante, innovative österreichische Filmproduktion garantieren.

Hier ist auch der ORF gefragt. Mit einer „Nacht des österreichischen Films“ ist es nicht getan. Wenn außergewöhnliche Filme wie Virgil Widrichs „Copy Shop“ oder „Fast Film“ um vier Uhr nachts laufen, kann eigentlich nur von einer „Alibiaktion“ des ORF gegenüber dem heimischen Filmschaffen gesprochen werden.

Diagonale – Step II

Eine kleine Auswahl von Empfehlungen und Warnungen

Ich bin ichKathrin Resetarits, österreichischer Shootingstar der diesjährigen Berlinale und zuletzt vor allem als Schauspielerin in Filmen wie „Crash Test Dummies“ zu sehen, hat mit ihrem Essayfilm „Ich bin ich“ ein sensibles Porträt zweier eineiiger, weiblicher Zwillingspärchen geschaffen.
Nur scheinbar geht es hier um eine Verdoppelung. In der Gegenüberstellung und Aneinanderreihung von kurzen Alltagsszenen zeigen sich wie von selbst Symmetrien und Differenzen.
„Jeder ist ja sich!“ kommt einer der Zwillinge in einer Szene folgerichtig zum Schluss. Auf sehr einfache und doch berührende Weise spielt Resetarits mit Identität und Individualität. Dabei kommt sie beinahe völlig ohne erzählerische Struktur aus. Ihr Film, der der Frage nachgeht, was uns besonders, was uns aus - macht, funktioniert vor allem auf emotionaler Ebene. „Ich bin ich“ ist kein Film über Zwillinge. Diese dienen nur der Verdeutlichung: es geht der Filmemacherin um die Manifestierung eines „Ich-Gefühls“, eines Gefühls, das wir alle kennen, das aber so banal es ist, schwer darzustellen und zu artikulieren ist.

Ein Diagonale-Film, der schon bei seiner Premiere großes Aufsehen erregte, ist „Donauleichen“. Peter Kern, heimischer Regisseur aus dem Dunstkreis von Fassbinder, Schlingensief und Zadek, lässt zwei junge Menschen auf der Wiener Reichsbrücke zusammentreffen. Sie wollen ihrem Leben ein Ende setzen, doch können sie sich nicht einigen wer zuerst springen darf/soll. Der Sprung wird vorläufig verschoben… Auf einer Reise durch ein mehr fantastisches als reales Wien, werden die Beweggründe der beiden Lebensmüden immer mehr sichtbar.
Der SchläferSoweit so interessant. Das Ausgangsthema ist aber auch das einzig gute Haar, das man an diesem Spielfilm lassen kann. Die offensichtliche Budgetknappheit und das oftmals zu sehr ans Theater erinnernde, wenig authentische Schauspiel könnte man durchaus vernachlässigen. Dass Kern aber keine Grauslichkeit und Perversität des Lebens auslässt und sie im wahrsten Sinne des Wortes ausschlachtet, ist unerträglich. Noch weniger zu entschuldigen ist seine Weigerung seinen Film im anschließenden Publikumsgespräch zu analysieren. Mit der „Erklärung“ der Film basiere auf den Erlebnissen eines Freundes und „so sei es halt gewesen“, macht er es sich zu leicht. Die Sinnhaftigkeit der Darstellung von derart abstoßenden Sex- und Gewaltphantasien bleibt einem schleierhaft. Das Thema Kindesmissbrauch, treibendes Motiv des Filmes, darf keinesfalls aus der filmischen Auseinandersetzung verbannt werden, doch gerade deswegen sind die Form der Darstellung und die sensible Behandlung der Thematik wesentlich. Kerns Aneinanderreihung von Schockmomenten wird diesem Anspruch alles andere als gerecht.

Während man den Kinosaal nach „Donauleichen“ entsetzt und angewidert verlässt, verfällt man nach Barbara Gräftners („Mein Russland“) Diagonale-Beitrag in einen Zustand äußerster Sprachlosigkeit. In „Mutterherz“, der Langversion von Gräftners Beitrag zur ORF-Mystery-Serie 8x45 „Die Testamentmaschine“, streiten drei Kinder nach dem Tod der Mutter ums Erbe. Als sie sich nicht einigen können, beschließen sie diese mit einer mysteriösen Maschine wieder zum Leben zu erwecken. Der Versuch gelingt. Bald jedoch gerät alles außer Kontrolle…
Gräftners Film ist so absurd schlecht gemacht, dass man sich wirklich wundert und eben sprachlos ist, was ein solches „Werk“ auf einem Festival verloren hat. Schnell kommen einem Gedanken an die alljährlich im Rahmen des Filmfestivals der Wiener Filmakademie abgehaltene „Trash-Night“. Hier würde „Mutterherz“ Begeisterungsstürme auslösen, denn wie bei vielem kommt es auch hier auf die Einstellung an: sobald man Gräftners Film nicht mehr ernst nimmt, macht er fast schon Spaß..!

MutterherzAbschließend noch ein Beispiel für einen herausragenden heimischen Film des letzten Jahres: Benjamin Heisenbergs „Schläfer“, der vor wenigen Wochen mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichnet wurde.
Johannes, ein junger Virologe, wird vom deutschen Verfassungsschutz auf seinen algerischen Kollegen angesetzt, der verdächtigt wird ein Schläfer zu sein. Heisenbergs Thema ist nicht nur politisch aktuell, sondern vor allem auch menschlich und moralisch hoch brisant. Johannes möchte das Richtige tun und muss lernen, dass man nicht immer weiß, was das überhaupt ist. Als die beiden Wissenschaftler sowohl beruflich als auch privat konkurrieren müssen, sind Johannes’ Motive bald nicht mehr so ehrenhaft wie ursprünglich geplant…
„Schläfer“ ist ein Film, der, wenn auch unangenehme, so doch richtige Fragen stellt und ist meiner Auffassung nach einer der wichtigsten Filme der letzten Jahre! All jenen, die „Schläfer“ in den österreichischen Kinos verpasst haben, sei er wärmstens ans Herz gelegt!

Diagonale – STEP I

Diagonale Diagonale heißt: Keine Kinovorstellung, in der nicht etwas schief geht. Seien es „simple“ Ton- oder Bildausfälle, eine beinahe vollständige Räumung des Saales aufgrund von Rauchgeruch, ein sich nicht öffnender Vorhang oder ein auch nach Filmstart lärmendes Radio…
Diagonale heißt aber auch: freundliche, entspannte Menschen und purer Filmgenuss. Und das wiederum ist nicht selbstverständlich. Während beispielsweise bei der Berlinale alles wie am Schnürchen klappt und auf höchst professionelle Weise organisiert ist, ist man aufgrund des dortigen Überangebots doch gezwungen wie ein Fließbandarbeiter zu agieren und einen Film nach dem anderen zu konsumieren.
Perfekte Organisation, perfektes Timing sind daher auch meist verbunden mit mangelnder Flexibilität. In Graz hingegen geht alles etwas langsamer zu. Das hat den positiven Effekt, dass man zwischen den Filmen, Diskussionen und Sidevents auch noch zum Essen und Genießen kommt.

Die Diagonale erhebt als das Festival des österreichischen Films den Anspruch einen mehr oder weniger umfassenden Einblick in das (derzeitige) heimische Filmschaffen zu geben. Sie zeigt neben österreichischen Uraufführungen, eine Auswahl an Spiel-, Dokumentar-, Kurz-, Animations- und Experimentalfilmen des vergangenen Jahres. Außerdem widmet sie John Cook, Elisabeth Bergner und Paul Czinner, Albrecht Viktor Blum und Maria Lassnig jeweils Schwerpunkte. Darüber hinaus wird ein spezieller Fokus auf das Filmland Dänemark- genauer auf Filme vor und nach Dogma 95- gerichtet.

No Name City Die Bedeutung des österreichischen Dokumentarfilms, die in den letzten Jahren immer mehr zugenommen hat, schlägt sich in diesem Jahr in vielerlei Hinsicht auch im Rahmen der Diagonale nieder: Zunächst natürlich in der Programmauswahl, außerdem aber in der Wahl des Eröffnungsfilms, Florian Flickers „No Name City“, einem Dokumentarfilm über einen Westernerlebnispark vor den Toren Wiens. Und nicht zuletzt in einem neuen Preis: Erstmals wird heuer ein Großer Diagonale-Preis in der Kategorie Dokumentarfilm vergeben.
Ob höchst erfolgreiche österreichische Dokumentarfilme wie Erwin Wagenhofers „We feed the World“ oder Michael Glawoggers „Workingman’s Death“ dem Austria-Spielfilm in Zukunft den Rang ablaufen werden, wird sich zeigen. Noch können großartige heimische Werke wie „Spiele Leben“, „Schläfer“ oder die zuletzt mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete österreichisch-bosnische Koproduktion „Grbavica“ dieser Entwicklung entgegenhalten. Man darf gespannt sein…

Aglai Rudnay (aglai_rudnay@filmnews.at)