Festival de Cannes 2005
Unsere aktuelle Berichterstattung exklusiv für filmnews.at aus Cannes von
unserem Korrespondenten Martin Neuhold (martin_neuhold@filmnews.at)
Teil IV:
Die 58. internationalen Cannes Filmfestspiele gingen Samstag Abend mit der traditionell glamourösen Preisverleihung zu Ende. Die Goldene Palme für bester Film ging an die Brüder Dardenne für ihren Film "L'enfant". Jean-Pierre und Luc Dardenne gewannen den selben Preis auch schon 1999 für Ihren Film Rosetta. Michael Haneke gewann den Preis für beste Regie für seinen Film "Caché".
Äußerst
originell ist die Entscheidung Tommy Lee Jones den Preis als bester Darsteller
für seinen Film "The Three Burials of Melquiades Estrada" zu
erteilen. Der Film lief in der Kategorie "Un Certain Regard", also
im Wettbewerb um die Goldene Kamera für das beste Erstlingswerk eines Regisseurs.
Während des Festivals wurde der Film disqualifiziert als bekannt wurde,
dass Tommy Lee Jones bereits bei einem Fernsehfilm Regie geführt hatte.
Tommy Lee Jones' Film beschäftigt sich - wie auch Manderlay, Free Zone, Star Wars und etliche andere - mit einigen Problemen der USA. In diesem Fall geht es einerseits um Probleme rund um die Einwanderungspolitik mit Mexiko aber in gewisser Weise auch um die Todesstrafe. Aktuelle Probleme der Weltpolitik sind aber im krassen Gegensatz zum letztem Jahr mit "Fahrenheit 9/11" diesmal sehr an den Rand des Festivals gedrängt worden. Ein einzelner Banner von drei im Irak entführten Journalisten hing am Palais du Festival, während die grinsenden Gesichter von "Stars" wie Clint Eastwood und John Travolta überdimensional auf Hausfasaden präsent waren. Die wichtige Abstimmung über die Europäische Verfassung die in den nächsten Tagen Frankreich ins Haus steht war nirgends Gesprächsthema.
Es scheint als ob
die gesamte Filmindustrie wie in einer resignierenden Trance gefangen ist. Sind
die Probleme wie Globalisierung und Arbeitslosigkeit, der Erdölgetriebene
Imperialismus der letzten Supermacht, Bürgerkriege und ethnische Säuberungen,
Naturkatastrophen und Umweltverschmutzung so präsent, dass man noch nicht
damit umgehen kann? Vielleicht spiegelt die Kunst in Cannes die Ohnmacht der
Welt gegenüber diesen Problemen wieder.
Cannes 2005 war rückblickend ein Festivaljahr ohne große Aufregungen, wenn sogar die Gewinner für bester Film ein Sequel sind, und der Film der die meiste Aufmerksamkeit der Medien bekommen hat der sechste Teil eines 30 Jahre alten Films war. Woody Allen, Wim Wenders, Jim Jarmusch, David Cronenberg, Lars von Trier - alles etablierte, alte Hasen die niemanden dazu zwingen sich selbst eine Meinung über etwas Neues bilden zu müssen. Von einem Jurypräsidenten Emir Kusturica hat man sich mehr erwartet. Rock'n Roll ist auch nicht mehr was er einmal war.
Aber die Technologie
entwickelt sich rasant weiter und wartet darauf genützt zu werden. Noch
nie war es technisch so einfach und günstig einen Spielfilm zu machen.
Kostengünstige Schnittsysteme inklusive Tonbearbeitung und sogar Farbkorrektur,
sowie immer bessere Bildqualität bei Digitalkameras sind die Werkzeuge
mit denen die neue Filmrevolution ausgeführt werden wird. Viel wichtiger
aber werden die neuen Möglichkeiten sein die Filmemachern zur Verfügung
stehen um sich auszubilden. Dank dem Internet und dem Bonusmaterial auf DVDs
wächst zur Zeit eine ganz neue Generation von Filmemachern heran. Man darf
gespannt sein was diese Autoren, Schauspieler und Regisseure im zweiten Jahrhundert
der bewegten Bilder noch alles auf die Leinwände bringen werden.
Teil III:
Was bedeutet Erfolg haben in Cannes? Ist es nicht schon Erfolg als
Filmliebhaber überhaupt hier zu sein? Es ist sicher der erste grosse
Schritt. Danach kommt die Möglichkeit Filme zu sehen – was hier leider
nicht
selbstverständlich ist, denn die Karten für Filme zu bekommen ist
eine
zeitraubende Kunstform an sich. Seine Idole treffen und vielleicht ein
(Foto: © AFP)
Autogramm bekommen – für viele ein besonderer Moment. Doch wo endet
der Fan
und beginnt der Filmemacher? Ist es ein fliessender Übergang oder gibt
es
etwas, dass eindeutig diese Grenze definiert? Immer wieder gibt es
Filmemacher die verächtlich auf die Fans schauen. Gute Filmemacher aber
machen ihre Arbeit aus Leidenschaft. Und diese werden nie verächtlich auf
Fans schauen, denn echte Filmemacher sind die groessten Fans.
Irgendetwas könnte Erfolg mit Autos zu tun haben. Zumindest dürften
die das
glauben, die keinen Erfolg haben. „The bigger the car, the smaller the
star“
ist eine alte Paparazzi-Weisheit. Die groessten Stretchlimousinen sind im
taeglichen Verkehrschaos von Cannes extrem unpraktisch und werden hier fast
ausschließlich zur Werbung eingesetzt. Originell ist hingegen schon wieder
die Mini Cooper Stretch Limousine (!!!) die hier ihre Runden zieht. (Anm.d.Red.:
Fotos
aus Cannes, unter anderem auch von diesem Mini werden ab Samstag hier online
sein!) Apropos Autos: ein neuer Herbie-Film ist angekuendigt worden!
(Foto: ©AFP)
Die Strecke von einigen Hotels zum Palais, dem Ort an dem die Filme gezeigt
werden, ist buchstäblich nur ein paar Meter. Aber niemandem würde
es
einfallen diese Strecke zu Fuß zu gehen - auch wenn das dann eine halbe
Stunde dauert. Es sei dann natürlich man hat die Gelassenheit eines Emir
Kusturicas, der der wahrscheinlich coolste Jurypresident seit Jahren ist.
Nach den Jurypresidenten Kusturica und Tarantino wird jeder zukuenftige
Praesident es schwer haben.
Sehr cool ist auch das Wetter dieses Jahr. So viele verregnete Festivaltage
wie heuer hat es noch selten gegeben. Das stellt die Organisatoren und
Teilnehmer des Festivals immer wieder vor unerwartet große Probleme,
besonders bei den zahlreichen Open Air Veranstaltungen und den
Anstellbereichen zu den Kinos. Dass Wetter ist wohl nur den wenigen egal die
mit den großen Autos von den Hotels abgeholt werden und direkt zum roten
Teppich gebracht werden. Und das ist dann vielleicht wieder ein Maßstab
von
Erfolg, sich um solche Sachen keinen Kopf zerbrechen zu müssen.
(Foto: ©
AFP)
Haneke’s Film ist noch immer sehr gut im Rennen und wird hier von vielen
noch immer als der Favourit gehandelt. Er hat aber inzwischen
ernstzunehmende Konkurrenz von Gus van Sant, den Bruedern Dardenne und vor
allem von David Cronenberg bekommen. Kleine Filme die hier keine großen
Wellen schlagen die dem Autor dieser Serie aber sehr gut gefallen haben sind
eine Actionkomoedie mit Pierce Brosnan („The Matador“), ein
polnische/deutsche Koproduktion namens „Stranger“ über den
Mut den es
braucht das Leben zu lieben sowie der chinesische Film „The university
of
laughter“ über einen Theaterautor der in einem Zensor einen unfreiwilligen
Verbündeten findet. Es geht halt immer auch um Erwartungshaltung bei einem
Film.
Dienstag ist/war Austrian Day in Cannes. Das bedeutet, dass Filme von Axel
Corti bis Barbara Albert in einen Topf geworfen wurden weil sie aus
demselben geographischen Gebiet kommen.
Teil II:
Sonntag, 15. Mai 2005. Cannes ist heute im Bann eines Filmes der vor 30
Jahren gedreht worden ist, und bei dem der Anfang gefehlt hat. STAR WARS
wirft seinen dunklen Kommerzschatten über die Croisette. Wenn einem die
arthouse Sonne auf den Kopf brennt während man eine Stunde lang darauf
wartet in ein Kino eingelassen zu werden ist Schatten aber nicht unbedingt
etwas Schlechtes.
(Foto: © Sebastien
Bossi)
Normalerweise bietet die Stadt einen schmalen Sandstrand und ganz passables
Wetter. Wer aber jetzt in Cannes ist kann sogar nach 10 Tagen bleich nach
Hause zurückkehren, denn er hat seine Zeit vielleicht nur in unterkühlten
Kinosaelen verbracht. Vorausgesetzt man hat nicht das Pech nur in die Filme
gehen zu können für die man im Freien anstehen muss.
Während des Festivals scheint die ganze Stadt zum Erliegen zu kommen.
Wenn
man aber nur ein paar hundert Meter hinter die Croisette schaut, so findet
man dort eine ruhige, nette, luxuriöse Stadt mit alten Männern die
Boules
spielen und sich durch nichts erschüttern lassen. Überhaupt scheint
es als
ob es die Einheimischen nicht stört, dass die Horden von Journalisten (und
heuer sind es immerhin 4000!), Kinoenthusiasten und Filmemachern (man sollte
meinen das sollte meistens das gleiche sein) hier einfallen. Man hat sich
arrangiert, und die Stadt lebt sicher nicht schlecht davon für 10 Tage
jeden
Mai komplett ausgebucht zu sein.
(Foto: ©
AFP) Überhaupt ist es leicht zu vergessen, dass man sich in Frankreich
befindet.
Man geht in seine Filme die man ausgesucht hat aus amerikanischen
Filmzeitschriften die hier täglich und kostenlos aufliegen, man sieht sich
Filme in allen Sprachen dieser Welt an, man hört dutzende Sprachen und
es
gibt eigentlich keine Notwendigkeit auch nur ein Wort franzoesich zu
sprechen. Auch Wochentage und sogar der Unterschied zwischen Tag und Nacht
verlieren hier ihre Bedeutung, denn ein geschlossener Kinosaal diskriminiert
nicht. Und wenn man herauskommt aus einem Film der in Kolumbien, Ungarn oder
China spielt und plötzlich das Meer riecht ist die Überraschung groesser
als
wenn man plötzlich Robert Downey Jr gegenüber steht.
Michael Hanekes neues Werk wird übrigens von den bisher gezeigten Filmen
hier als Favorit für die Goldene Palme gehandelt. Aber es ist erst Halbzeit.
Teil I:
Welches Bild kommt einem als erstes in den Sinn, wenn man den Ausdruck
FILMINDUSTRIE hoert. Ein eingezaeuntes Gelaende mit Studios, Schnittraeumen,
Requisitenlager, Fuhrpark und Kulissen? Falsch. Die Filmindustrie hat kein
festes Zuhause. Es gibt kein Land, keine Region, keinen Ort, der diese
Branche fuer sich vereinnahmen kann. Es gibt Hollywood, wo aus Gruenden des
Wetters in einer Zeit da Beleuchtung noch nicht ausgereift war viele Firmen
eine Heimat gefunden haben. Den Anspruch als Welthauptstadt des Films hat
diese Stadt aber schon lange verloren. Ansonsten ist die Filmbranche etwas
dass man nicht auf einen kleinen geographischen Fleck eingrenzen koennte.
Ausser natuerlich Mitte Mai, bei den alljaehrlichen Cannes Filmfestspielen.
(Foto: ©
AFP) Die Filmbranche ist eine extrem komplexe Welt. Beginnen zu verstehen kann
man sie vielleicht noch am ehesten ueber den wirtschaftlichen Zugang, und
das besonders gut am Mikrokosmos Cannes. Einerseits gibt es das offizielle
Programm im Festival. Eine kleine Anzahl von Filmen wird im Wettbewerb
gezeigt, und diese Filme kaempfen um die Goldene Palme fuer bester Film,
beste Regie, beste Darsteller und bestes Drehbuch. Dann gibt es noch die
goldene Kamera um die die Erstlingswerke kaempfen, die in einer eigenen
Kategorie gezeigt werden. Es kaempfen also relativ wenige Filme um relativ
viele Preise, was wiederum bedeutet dass es eigentlich der groessere Schritt
ist es ueberhaupt einmal hier in einen Wettbewerb zu schaffen als dann den
letzten Schritt, naemlich hier etwas zu gewinnen.
Diese beiden offiziellen Straenge machen in etwa 60 Filme aus. Aber in
Cannes werden tausende Filme gezeigt, und der Grossteil davon im Markt. Der
Markt ist ein unglaublich banales System. Filmproduzenten mieten Kinosaaele
und zeigen ihre Filme, damit die einzelnen Verleihfirmen die Vorfuehrrechte
fuer ihr jeweiliges Land erwerben. Diese Filme sind oft noch nie irgendeinem
Publikum vorgesetzt worden, und das oft mit gutem Grund. Denn ausser den
grossen Produzenten kann es sich kaum jemand leisten einen Film nicht
versuchen zu verkaufen, ganz egal wie schlecht er sein sollte.
(Foto: ©
AFP) Die Kunst des einen-Film-nicht-zeigens beherrschen nur die Meister. Es
gibt
zwei Gruende einen Film nicht zu zeigen. 1. Der Film ist so schlecht oder
zielgruppenspezifisch, dass er es nicht wert waere auch noch anstaendig
beworben zu werden. In Zeiten von DVD ist ein Direktvertrieb ueber dieses
Medium durchaus interessant. 2. Viel fieser ist aber die Taktik einiger
Verleihfirmen einen kleinen Film zu kaufen und ihn nicht zu zeigen, weil er
ihrem Programm Konkurrenz machen koennte. Angeblich gibt es dutzende
ausgezeichneter kleiner Filme die sich das bekannteste Independentlabel
unter den Nagel gerissen hat, nur um sie vom Markt verschwinden zu lassen.
Der Erfolg gibt ihnen leider recht. Inzwischen wissen gluecklicherweise
genuegend Filmemacher ueber diese Vorgangangsweise bescheid, aber was fuer
Schaetze dem Publikum vorbehalten werden kann man nur vermuten.
Martin Neuhold live aus Cannes