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Berlinale 2009 - Highlights

Aglaia Clam Martinic (presse@filmnews.at) berichtet für filmnews.at von der diesjährigen Berlinale

Deutschland 09 – 13 Kurze Filme zur Lage der Nation

Deutschland 09Abschließend noch ein echter Höhepunkt dieser Berlinale: Außer Konkurrenz wurde „Deutschland 09“ präsentiert, eine Kurzfilmsammlung der dreizehn wohl wichtigsten zeitgenössischen Filmemacher Deutschlands. Auf Initiative von Tom Tykwer dessen „The International“ die heurigen Berliner Filmfestspiele eröffnete, fanden sich die Regisseure Fatih Akin, Wolfgang Becker, Sylke Enders, Dominik Graf, Martin Gressmann, Christoph Hochhäusler, Romuald Karmakar, Nicolette Krebitz, Dani Levy, Angela Schanelec, Hans Steinbichler, Isabelle Stever, Tom Tykwer selbst sowie Hans Weingartner (der einzige Österreicher im Boot) ein, um einen Lagebericht zur aktuellen Situation ihres Heimatlandes abzugeben. Einzige Vorgabe der Produzenten: Die Filme mussten Deutschland im Hier und Jetzt thematisieren, zwölf Minuten nicht überschreiten und ein persönliches Anliegen behandeln. Darüber hinaus wurden den Regisseuren keinerlei Grenzen gesetzt: Eine einmalige Situation, die wohl nicht nur Fatih Akin auf wohlige Weise an seine Zeit als Filmstudent erinnert wie er in der Pressekonferenz anmerkt.

„Deutschland 09“ entstand in Anlehnung an den Film „Deutschland im Herbst“ aus dem Jahr 1978, indem sich Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder oder Volker Schlöndorff mit der von Terror und Protesten geprägten Situation in der Bundesrepublik Deutschland auseinander setzten. Auf die Frage nach seiner Motivation dieses Projekt ins Leben zu rufen, nennt Tom Tykwer die Neugier eine möglichst heterogene Gruppe zusammenzustellen und dabei zu beobachten wie diese das diffuse (gesellschafts)politische Klima im heutigen Deutschland einfängt. Ausgangspunkt war für alle beteiligten Regisseure die selbe Frage: Was empört Dich - jetzt und ganz persönlich? Die Antworten darauf fielen hingegen sowohl formal als auch inhaltlich genauso unterschiedlich aus wie man sich das bei so unterschiedlichen Charakteren vorstellt:

Deutschland 09Fatih Akin („Gegen die Wand“) verfilmt in seinem für ihn ungewöhnlich nüchtern und dokumentarisch gehaltenen Beitrag ein Interview, das die Süddeutsche Zeitung mit dem Ex-Guantánamo-Insassen Murat Kurnaz geführt hat. Er wolle mit seinem Film einen Beitrag dazu leisten, dass dieser„deutschen Skandal“ nicht in Vergessenheit gerät, sagt er in der an die Vorstellung anschließenden Pressenkonferenz. Auch Hans Weingartner („Die fetten Jahre sind vorbei“) befasst sich mit einem politisch prekären Fall: Anhand eines Berliner Wissenschaftlers, der unschuldig ins Netz der Ermittler gerät, schildert er die zunehmende Überwachung im Kampf gegen den Terrorismus. Wolfgang Becker („Good Bye, Lenin!“) beschreibt auf originelle Weise die „kranke“ deutsche Gesellschaft, Sylke Enders lässt drei Protagonisten in einer Suppenküche aufeinandertreffen, Dominik Graf und Martin Gressmann begeben sich auf Spurensuche in der Architekturlandschaft, Romuald Karmakar lässt einen persischen Bordellbesitzer zu Wort kommen, Tom Tykwer einen Geschäftsmann auf der Reise durch anonyme, globalisierte Welten verzweifeln. In Erinnerung bleibt außerdem Nicolette Krebitz’ Beitrag, indem sie Susan Montag und Ulrike Meinhof auf die sechzehnjährige Nachwuchsregisseurin Helene Hegemann treffen lässt. Dani Levys sehr persönlicher und humorvoller Beitrag erzählt von Levy selbst, der sich Sorgen darüber macht, welche Welt sein Sohn Joshua eines Tages vorfinden wird und dem von seinem Psychiater aufgrund „massiver Schwarzseherei“ eine Medizin verschrieben wird. Hans Steinbichler schildert die rasende Wut eines Industriellen als er das geänderte Layout der „FAZ“ zu Gesicht bekommt.  

Repräsentativ ist dieser Episodenfilm sicherlich nicht. Das kann und will er auch nicht sein wie Christoph Hochhäusler betont. Dafür sind die einzelnen Kurzfilme auch viel zu persönlich - Was jedoch alle auch noch so unterschiedlichen Beiträge eint, ist die Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation – sie ist der rote Faden, der sich durch den gesamten Film zieht.

The Dust of Time

Dust of TimeDer 73 jährige Regisseur Theo Angelopoulos erzählt in seinem im Wettbewerb außer Konkurrenz gezeigten Film "The Dust Of Time“ die Geschichte eines von Willem Dafoe verkörperten amerikanischen Regisseurs griechischer Herkunft, der einen Film über das Leben seiner Eltern (Michel Piccoli und Irène Jacob) drehen will. Angelopoulos führt seinen Film auf drei verschiedene Zeitebenen, zwischen denen er einmal mehr, einmal weniger kunstvoll hin und her wechselt. So befinden wir uns einmal zur Zeit der Jahrtausendwende in Berlin, dann wieder während des zweiten Weltkriegs in den USA oder in der Sowjetunion unter Stalin, folgen den Akteuren ins sibirische Arbeitslager oder ins Kanada der 70iger Jahre.

Dieser Wechsel schafft in den besten Momenten des Films Szenen von großer erzählerischer und optischer Dichte - beispielsweise dann, wenn sich die Eltern nach langer Trennung am Tag von Stalins Tod in der Sowjetunion wiedersehen. In den schlechtesten Momenten wie denen im heutigen Berlin schafft er vor allem eines: Verwirrung und Langeweile.

My one and only

My one and onlyNach dem Silbernen Bären für Richard III ist Regisseur Richard Loncraine nach 14 Jahren endlich wieder im Wettbewerb vertreten. Und auch das hätte beinahe nicht geklappt, hatte er doch den Einreichtermin verpasst. Voller Einsatz war also gefragt und so flog der Filmemacher selbst nach Berlin um seinen Film bei Dieter Kosslick vorzustellen. Mit Erfolg: „My one and only“ wurde nicht nur zu den Festspielen zugelassen, sondern läuft nach dem Ausfall eines anderen Beitrags sogar im Wettbewerb. Die Euphorie über diese glückliche Fügung scheint immer noch anzudauern und so bat der Regisseur dann auch gleich um ein Handzeichen wem der anwesenden Pressevertretern der Film gefallen habe... soviel sei verraten: Loncraine kann mit dem Ergebnis der Abstimmung mehr als zufrieden sein.

„My one and only“ basiert auf den Erinnerungen des amerikanischen Schauspielers George Hamilton, der als Teenager an der Seite seiner Mutter quer durch Amerika reiste. Das daraus resultierende Drehbuch hat ebenfalls einen weiten Weg hinter sich. Zehn Jahre lang fand sich kein Studio, das den Film produzieren wollte. Als Loncraine Renée Zellweger an Bord holte, wendete sich das Blatt und „My one and only“ konnte zumindest als Independent-Movie produziert werden.

Während Ann Deveraux (Renée Zellweger) ihr Leben als New Yorker Gesellschaftsdame in vollen Zügen genießt, genießt ihr Mann (Kevin Bacon), ein erfolgreicher Bandleader, seinen Erfolg bei den Damen. Als Ann ihren Mann zum wiederholten Mal in flagranti erwischt, packt sie kurzerhand die Koffer und verlässt mit ihren beiden Söhnen George und Robbie die Stadt. Voller Optimismus begibt sie sich auf die Suche nach einem neuen Mann, der ihr ihren gewohnten Lebensstil finanzieren soll. Während der kunstsinnige, schwule Robbie die Reise als großes, aufregendes Abenteuer erlebt, hofft der ernste George, der sich als neues Familienoberhaupt versteht, darauf schnellstmöglich nach New York und zum Vater zurückzukehren. Zunächst sieht es auch ganz so aus als würde sich sein Wunsch erfüllen: Ann, die der Spur ihrer Exfreunde folgt, wird von ihren Eroberungen immer wieder aufs Neue menschlich und finanziell enttäuscht. Doch womit keiner und vor allem George nicht gerechnet hat: Die naive aber stolze Ann gibt nicht auf und so führt sie ihre Reise immer weiter bis nach Hollywood.

My one and onlyRenée Zellweger verkörpert die Rolle der Ann mit großer Glaubwürdigkeit. Sie spielt eine Frau, die über den Wunsch einen reichen Mann zu finden die Bedürfnisse ihrer Kinder vergisst. Gleichzeitig stellt sie die „lousy mother“ mit einer solchen Unschuld und Wärme dar, dass man von Anfang an mit ihr mitfühlt. Die Reise bringt sie nicht nur ihren Söhnen näher, sondern macht ihr vor allem eines klar: Dass die Annahme sie sei nur mit einem Mann etwas wert ein Irrtum ist. Und so ist „My one and only“ nicht nur ein unterhaltendes Roadmovie oder ein Film über den Wert der Familie, sondern vor allem auch ein Plädoyer für den Glauben an sich selbst.

 

 

Der Knochenmann

Der KnochenmannNachdem sich Wolf Haas’ Brenner als Krankenwagenfahrer in „Komm, süßer Tod“ und als Aufdecker unschöner Machenschaften in der „feinen“ Salzburger Gesellschaft in „Silentium“ auch beim Kinopublikum einen Namen gemacht hat, ist er vier Jahre nach „Silentium“ zum zweiten Mal im Berlinale Panorama zu Gast. Wie auch bei den vorangegangenen Filmen führte auch dieses Mal Wolfgang Murnberger Regie und auch Josef Hader ist bereits zum dritten Mal in der Rolle des Brenner zu sehen.

In der dritten Brenner-Verfilmung verschlägt es die wortkarge Hauptfigur ins Gasthaus des Wirten Löschenkohl (Josef Bierbichler). Hier soll er die Leasingschulden eines gewissen Herrn Horvath einfordern. Doch dieser ist nicht auffindbar. Stattdessen trifft Brenner auf die resche Jungwirtin (Birgit Minichmayr), die ihn so begeistert, dass er seinen Aufenthalt kurzerhand verlängert. Es könnte alles so romantisch sein... Doch in einem „Brenner“ lässt der Fund eines abgetrennten Fingers natürlich nicht lange auf sich warten.

Wenn man einen österreichischen Film wie den neuen „Brenner“ in einem deutschen Kino sieht, dann ist das schon deshalb spannend, weil man beobachten kann wie unsere nördlichen Nachbarn auf unseren ur-eigenen, doch sehr makabren Humor reagieren. Und man muss sagen: sie verstehen ihn tatsächlich (ob das was mit den englischen Untertiteln zu tun hat?) Dass „Der Knochenmann“ ankommt, ist jedenfalls verständlich. Wie auch in den beiden vorangegangenen Romanverfilmungen begeistert auch der dritte Teil mit seiner unvergleichlichen Mischung aus Witz und Horrorelementen. „Unterhaltung einmal anders“ mag sich so mancher Berlinale Zuschauer gedacht haben...

London River

London RiverVor dem Hintergrund der Londoner Terroranschläge vom 7.Juli 2005 erzählt Regisseur Rachid Bouchareb die Geschichte von zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können. Da ist auf der einen Seite die Englische Farmerin und Protestantin Mrs. Sommers (Brenda Blethyn) und auf der anderen der afrikanischstämmige, in Frankreich lebende Muslime Ousmane (Sotigui Kouyaté). Beide reisen zur gleichen Zeit nach London, um sich auf die Suche nach ihren seit den Terroranschlägen vermissten Kinder zu machen. Durch einen Zufall entdeckt Ousmane Mrs. Sommers Tochter auf einem Foto seines Sohnes und nimmt mit deren Mutter Kontakt auf. Zum Dank lässt sie ihn verhaften. Die Vorurteile sind groß, das muslimisch geprägte Viertel in dem ihre Tochter gelebt hat, erscheint ihrer Mutter wie eine fremde, beängstigende Welt. Nur langsam erfährt sie mehr über das Londoner Leben ihrer Tochter, erfährt, dass sie Arabisch gelernt hat, dass sie regelmäßig die Moschee besucht hat. Indem sie sich auf die Spuren ihrer Tochter begibt, kommt sie ihr näher als je zuvor. Und nicht nur ihr: immer wieder trifft sie überall dort, wo man nach vermissten Personen sucht, auf den großgewachsenen Ousmane: auf Polizeistationen und in Krankenhäusern...

„London River“ ist ein Film über die Angst vor dem Fremden. Einer Angst, die Mrs.Sommers den Blick auf die Tatsache verstellt, dass ihr eigenes Schicksal mit dem von Ousmane eng verwoben ist. Was Boucharebs Film auszeichnet, ist der Verzicht auf Schwarz-Weißmalerei: Mrs. Sommers ist keine Rassistin, sie ist einfach eine Frau, die sich in ihrer heilen kleinen Welt auf einer Englischen Insel sicher fühlt und plötzlich erfahren muss, dass die Sicherheit ihres Lebens nur eine Illusion ist.

„London River“ erscheint streckenweise vielleicht etwas bemüht, etwas zu politisch korrekt und doch muss man anerkennen, dass der Film zwischen den Kulturen vermitteln will, dass er versucht Gräben zuzuschütten anstatt neue aufzureißen. Dieses Bemühen in Verbindung mit der hervorragenden schauspielerischen Leistung und einer berührenden Geschichte macht „London River“ auf einem politisch ambitionierten Festival wie der Berlinale zu einem heißen Anwärter auf einen Bären.

Chéri

CherieWer erinnert sich nicht an die junge Michelle Pfeiffer und die bezaubernde Unschuld mit der sie die Rolle der Madame de Tourvel in Stephen Frears „Gefährliche Liebschaften“ verkörperte? Rund zwanzig Jahre später arbeitet sie in „Chérie“ erneut mit dem „The Queen“-Regisseur zusammen. Und sie hat sich die Reinheit und distanzierte Eleganz von damals bewahrt. Eigenschaften, die für die Rolle in ihrem Berlinale-Beitrag auf den ersten Blick so gar nicht angebracht erscheinen, spielt sie doch Léa, die schönste und erfolgreichste Konkubine, der zur Zeit der Belle Epoque die ganze Pariser Männerwelt zu Füßen liegt. Dank ihrer zahlreichen Bewunderer hat sie sich ein stattliches Vermögen erarbeitet, das ihr nun, da sie sich in „einem gewissen Alter“ befindet, ein Leben im Luxus ermöglicht. Doch ihre Vergangenheit hat ihren Preis: Die feine Gesellschaft schneidet sie, Freunde sind rar gesät und so ist sie auf die Treffen mit ihrer ehemaligen Rivalin Madame Peloux (Kathy Bates) angewiesen. Eines Tages tritt allerdings eben diese mit einer delikaten Bitte an Léa heran: sie soll sich um deren verwöhnten Sohn Chéri (Rupert Friend) „kümmern“, der mit seinen 19 Jahren für ihren Geschmack bereits einen äußerst ausschweifenden Lebensstil führt. Die Konkubine im Ruhestand willigt ein – ohne zu wissen worauf sie sich einlässt. Was einer Dame ihrer Profession nie passieren darf, geschieht: Léa verliebt sich...

Stephen Frears Film basiert einem Roman der Französin Colette, welches Drehbuchautor Christopher Hampton, der bereits bei „Gefährliche Liebschaften“ ein großes Gefühl für scharfzüngige Dialoge bewies, für die Leinwand adaptierte. Chéri“ glänzt demzufolge auch mit spritzigen, giftigen Dialogen, die stellenweise sogar ein wenig an die Oscar Wildes erinnern. Kein Wunder also, dass der für seinen einzigartigen Humor geschätzte Frears keine Sekunde zögerte als ihm Hampton sein Drehbuch präsentierte.

Inhaltlich ist „Chéri“ leider nicht annähernd so spritzig. Man taucht niemals unter die Oberfläche und so bleiben einem trotz dramatisch angelegter Liebesgeschichte auch die Charaktere egal – der wohl gröbste Fehler eines Films, der darauf hofft einen Bären mit nach Hause zu nehmen.

Happy Tears

Happy TearsUm ihren kranken Vater zu pflegen, kehren die beiden Schwestern Jayne (Parker Posey) und Laura (Demi Moore) in ihr Elternhaus zurück. Während die ältere Laura gewohnt ist die Dinge in die Hand zu nehmen, wird die verwöhnte Jayne ihre rosarote Brille erst im Laufe des Films (auf schmerzhafte Weise) ablegen. So unterschiedlich die beiden Schwestern zunächst erscheinen, so ähnlich und vor allem nah sind sie sich schließlich doch. „Wie die beiden Seiten einer Münze – unterschiedlich und doch zusammengehörig“, bringt es Parker Posey in der Pressekonferenz auf den Punkt.

Regisseur Mitchell Lichtenstein erlangte mit seinem ersten Spielfilm „Teeth“ über eine Frau deren Vagina mit Zähnen versehen ist einiges Aufsehen. In „Happy Tears“ zeigt er nun nicht nur eine erfrischend natürliche Demi Moore, sondern erzählt mit der Figur von Jaynes Ehemann Jackson außerdem davon wie schwer es sein kann der Sohn eines erfolgreichen Künstlers zu sein. Ein Element, das deswegen so interessiert, weil es autobiographisch ist: Auch Mitchell Lichtenstein selbst musste sich erst von seinem übergroßen Künstlervater Roy emanzipieren.

Darüber hinaus bietet „Happy Tears“ abgesehen von einigen wenigen optischen, recht originellen Ideen und einer schrägen Performance von Ellen Barkin in einer (unausgegorenen) Nebenrolle nichts wirklich Neues. Ein Film unter vielen, weder Fisch noch Fleisch– jedenfalls definitiv zu wenig für „Freudentränen“.

Alle Anderen

Alle Anderen Gitti (Birgit Minichmayr) ist nicht wie „alle anderen“. Sie ist unkonventionell, laut, temperamentvoll und vielleicht auch ganz ein wenig verrückt. Genau aus diesem Grund liebt sie der deutlich ruhigere, nachdenkliche Chris (Lars Eidinger). Als das ungleiche Paar in den gemeinsamen Sardinienurlaub reist, stehen die Anzeichen zunächst auf viel Sonne und noch mehr Liebe (machen). Als die beiden allerdings auf Chris’ erfolgreichen Studienkollegen und dessen schwangere Frau treffen, brechen verschüttete Wünsche und Sehnsüchte auf. Die Beziehung erhält erste Risse. Plötzlich erscheint Chris seine Freundin ZU unkonventionell, ZU laut, ZU temperamentvoll, ZU verrückt... und er wünscht sich sie solle doch ein wenig mehr wie „alle anderen“ sein. Verzweifelt versucht Gitti seinen Ansprüchen gerecht zu werden, bemüht sich eine andere sein – für Chris, für seine Liebe. Doch mit eben diesen Versuchen verliert sie nicht nur sich selbst, sondern auch (fast) Chris’ Liebe. Aus liebevollen Neckereien werden tiefe Verletzungen.

Maren Ades Beziehungsdrama wurde ebenso wie der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag,  Hans-Christian Schmids „Sturm“, der die Arbeit des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag zum Thema hat, begeistert aufgenommen. „Alle anderen“ ist ein äußerst berührender, lebensnaher Film, der einen genauso zum Lachen wie auch zum Weinen bringt.

The Private Lifes of Pippa Lee

Pippa Lee Pippa Lee (Robin Wright Penn) hat es sich in ihrem Leben als aufopfernde Verlegersgattin zwischen auf den Punkt gebratenem Lammbraten, Dinnerparties und perfekt sitzender Fönfrisur bequem gemacht. Erst als sie mit ihrem 30 Jahre älteren Mann in ein Seniorenheim übersiedelt und sich immer mehr zu dessen Krankenschwester degradiert, beginnt sie an ihrem bisherigen Leben zu zweifeln. Als sie auf den hantigen Sohn (Keanu Reeves) ihrer Nachbarin trifft, schockiert sie dieser zunächst mit seiner Ehrlichkeit. Doch bald avanciert er, der ihr als einziger wirklich zuhört, zum Schlüssel zur wahren Pippa Lee. In Rückblenden erfahren wir von Pippas schwieriger Kindheit und wilden Teeniejahren und stoßen vor allem auf eines: auf einen tief sitzenden Schuldkomplex. Pippa flieht aus einer unglücklichen Jugend in die Sicherheit einer Ehe und versucht der Rolle der perfekten Ehefrau und Mutter in einem solchen Ausmaß gerecht zu werden, dass sie am Ende nicht mehr weiß wer sie eigentlich ist.

"The Private Lives Of Pippa Lee", der außer Konkurrenz im Wettbewerb läuft, ist Rebecca Millers Verfilmung ihres gleichnamigen Romans. Die Tochter von Arthur Miller und Ehefrau von Daniel Day Lewis versammelt für ihren Film einen herausragenden Cast. Während Keanu Reeves in seiner Darstellung recht farblos wirkt, überstrahlt Wright Penn den gesamten Film mit ihrer Präsenz. So langweilig das Leben Pippa Lees erscheint, so aufregend wirkt die Frau, die sie verkörpert. In Nebenrollen glänzen Kaliber wie Julianne Moore, Monica Belluci und Winona Ryder. 

Aglai Rudnay (aglai_rudnay@filmnews.at)

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