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Berlinale 2008

Aglai Rudnay (aglai_rudnay@filmnews.at) berichtet für filmnews.at von der diesjährigen Berlinale

TAG X

Am heutigen Samstag war es wieder einmal soweit, mit dem Abschlussfilm „Be Kind Rewind“ von Michel Gondry („The Science of Sleep“) ging die 58. Berlinale zu Ende. Und wieder einmal hat der Franzose ein Werk vorgelegt, das vor Phantasie nur so sprüht: Die Videothek eines kleinen New Yorker Vorortes ist vom Schließen bedroht. Als ein mysteriöser Magnetismus auch noch alle Bänder löscht, scheint das Schicksal besiegelt. Um das Geschäft aber doch noch zu retten, beginnen der Videothekar (Mos Def) und sein bester Freund (Jack Black) die georderten Filme in Eigenregie nachzudrehen. Ergebnis sind mit einfachsten Mitteln hergestellte, ur komische Fassungen großer Blockbuster wie „Ghostbusters“, „Robocop“ oder „The Lion King“.

Gondry feiert mit „Be Kind Rewind“ einen (mainstream-tauglichen) Lobgesang auf das Kino und somit den passenden Abschluss von zehn abwechslungsreichen Tagen Filmfestspiele.

 

Die Preise:

Der Goldene Bär für den besten Film ging in guter alter Berlinale-Tradition wieder einmal an einen Geheimtipp. Der Brasilianer José Padilha schildert in seinem ersten Spielfilm „Tropa de Elite“ den Kampf zwischen einer Eliteeinheit der Polizei und Drogenbossen der Favelas.

Der große Favorit „There will be Blood“ (siehe Kritik, Tag II) durfte sich aber immerhin über zwei Silberne Bären freuen. Der Preis für die Beste Regie ging an Paul Thomas Anderson, derjenige für „Eine Herausragende Künstlerische Leistung“ an Jonny Greenwood, den Komponisten des Films. Ein Silberner Bär, der besonders verdient erscheint, wurde bei acht Oscarnominierungen für „There will be Blood“ doch ausgerechnet auf die Musik vergessen.

Den Großen Preis der Jury erhielt in diesem Jahr Errol Morris für seine Abu Ghraib-Doku „Standard Operating Procedure“ (siehe Kritik, Tag VI). Wenig überraschend bei einem Jurypräsidenten, der so politische Filme wie Costa Gavras dreht.

Ausgezeichnet mit den beiden Silbernen Bären für den besten weiblichen bzw. männlichen Darsteller wurde wie erwartet die umwerfende Sally Hawkins in Mike Leighs „Happy-Go-Lucky“ (siehe Kritik, Tag VI), sowie der Iraner Reza Najie für Majid Majidis „The Song of Sparrows“. „Avaze – Gonjeshk-ha“, wie der Iranische Beitrag im Original heißt, erzählt die Geschichte einer glücklichen Familie. Als der Vater seine Arbeit verliert, wird die Harmonie jedoch auf eine harte Probe gestellt.

 

Der Silberne Bär für das Beste Drehbuch wurde dem Chinesen Wang Xiaoshuai für „Zuo You“ („In Love We Trust“) verlieren. Ein geschiedenes Ehepaar erfährt, dass ihr einziges Kind an Leukämie erkrankt ist. Nur mit einer Knochenmarkspende eines Bruders oder einer Schwester könnte es gerettet werden. Doch ein Geschwisterchen muss erst geboren werden. Beide Eltern sind seit der Trennung neu verheiratet und so stürzt die Entscheidung zwei Familien in einen tiefen moralischen Konflikt.

In Erinnerung an den Gründer der Berlinale ging der Alfred Bauer Preis „für einen Spielfilm, der neue Perspektiven der Filmkunst eröffnet“, an Fernando Eimbckes Coming-of-Age-Drama „Lake Tahoe“, das von der Trauerbewältigung eines 16-Jährigen nach dem Tod des Vaters erzählt.

Als Bester Erstlingsfilm wurde nicht zuletzt „Asyl – Park and Love Hotel“ des Japaners Kumasaka Izuru ausgezeichnet. Die Macher des Films über ein Tokioter Stundenhotel und dessen Klientel dürfen sich über ein Preisgeld von 50.000 Euro freuen.

Bis zum nächsten Jahr!

TAG IX

So wie der achte Berlinaletag zu Ende ging, so startete der neunte. Mit zwei Schwestern, die im Zentrum einer Geschichte stehen. In „The Other Boleyn Girl“ haben Anne (Nathalie Portman) und Mary Boleyn (Scarlett Johanson) nur ein Ziel: den König von England, Henry VIII (Eric Bana).

Da ihm seine Frau keinen Sohn gebären kann, steht die Ehe des Königs auf Messers Schneide. Vater und Onkel Boleyn schmieden einen teuflischen Plan: Anne, die Ältere, soll den König verführen und so die Zukunft der Familie sichern. Doch die Rechnung geht nicht auf, Henry VIII verliebt sich nicht in die vorlaute, selbstbewusste Anne, sondern in ihre frisch verheiratete, zurückhaltende Schwester. Als er Mary zu sich an den Hof holt, ist ihr Schicksal besiegelt. Anfangs noch widerwillig, verliebt sie sich in den König und wird zu seiner Geliebten. Anne fühlt sich hingegen verraten, der Bruch mit der Schwester ist nicht mehr zu kitten. Als sie an den Hof zurückkehrt, ist Mary schwanger und die Karten werden noch einmal neu gemischt…

Justin Chadwicks „The Other Boleyn Girl“ ist eine Soap-Opera in historischen Kostümen- Eifersucht, Verrat und Leidenschaft inklusive. Wer sich hingegen ein historisch fundiertes Werk erwartet, wird enttäuscht sein. Die Scheidung Heinrichs des Achten beispielsweise, die ja immerhin Anlass für den endgültigen Bruch mit der katholischen Kirche gab, wird ganz und gar nicht politisch, sondern rein menschlich betrachtet. Überhaupt wirkt Eric Bana eher wie ein hormongesteuerter Spielball seiner Frauen als ein mächtiger Herrscher, der die Fäden in der Hand hält.

Ein perfekt gemachter Unterhaltungsfilm, der trotz Hollywoods Jungschauspielerelite nicht wirklich zu packen vermag. Die Blamage keine Auszeichnung mit nach Hause zu nehmen wird dem Streifen allerdings erspart bleiben, läuft er doch (wohlweislich) außer Konkurrenz.

 

„Feuerherz“ , das im Wettbewerb laufende Spielfilmdebüt Luigi Falornis („Die Geschichte von weinendem Kamel“), basiert nicht auf, sondern orientiert sich nur an dem gleichnamigen Bestseller von Senait G. Mehari wie man im Abspann lesen kann. Diese Differenzierung erscheint den Machern wohl deshalb so wichtig, weil gegen die Autorin zurzeit mehrere Prozesse laufen. Ihr wird vorgeworfen die Geschichte über ihre Zeit als Kindersoldatin in Eritrea verfälscht dargestellt oder sogar erfunden zu haben. Eine große Aufregung also. Und so wundert es auch nicht, dass bei der Uraufführung am Donnerstag auch einige Demonstranten neben dem Roten Teppich zu sehen waren.

Da sich die Vorwürfe hier aber weder be- noch widerlegen lassen, konzentrieren wir uns doch lieber auf den Film selbst: Die kleine Awet wächst im Waisenhaus auf, bevor der Vater sie zu sich holt. Nach kurzer Zeit übergibt dieser sie aber gemeinsam mit ihrer Schwester als „Töchter Eritreas“ an eine der rivalisierenden Befreiungsarmeen des Landes. Hier erfährt Awet nun, was es bedeutet eine Waffe zu tragen, sieht das erste Mal Tote und beweist Zivilcourage.

Dem tragischen Schicksal der weltweiten Kindersoldaten wird „Feuerherz“ nicht gerecht. Im Gegenteil, stellt er doch bloß eine Weichspülervariante mit schönen Bildern und schönen Menschen dar. Geeignet immerhin dazu, Kindern den Grauen eines Krieges und das Glück ihres eigenen sicheren Lebens nahe zu bringen und zu verdeutlichen. Auch solche Filme muss es geben, oder?

 

Das Regiedebüt „Ballast“ von Lance Hammer bildet den Abschluss des diesjährigen Wettbewerbs (Morgen wird nur noch der außer Konkurrenz laufende Abschlussfilm „Be kind rewind“ mit Jack Black gezeigt), den letzten Film also, der noch um den Goldenen Bären kämpfen darf. Theoretisch zumindest, praktisch sollte er jedoch chancenlos sein.

Angesiedelt im Mississippi-Delta und beinahe ausschließlich mit Laiendarstellern aus der Gegend besetzt, erzählt „Ballast“ von Marleen, einer Mutter, die nicht nur verzweifelt versucht den Lebensunterhalt für sich und ihren 12-jährigen Sohn James zu verdienen, sondern diesen von Drogen und Gewalt fernzuhalten. Eines Tages kommt es durch einen tragischen Vorfall zur Begegnung mit dem Ladenbesitzer Lawrence, der nach einem missglückten Selbstmordversuch kurz zuvor aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Das Zusammentreffen ruft in Marleen und Lawrence bittere Erinnerungen an einen Konflikt, der bis zu James’ Geburt zurückreicht, hervor.

„Ballast“ ist ein sehr ruhiger, düsterer Film, dessen Skript und Darsteller leider zu schwach sind, um der Tristesse der Geschichte genügend Leben einzuhauchen und uns am Ball zu halten.

TAG VIII

Am Mittwoch aufgrund von „Filth & Wisdom“ verpasst, am Donnerstag nachgeholt: „Kabei – Our Mother“, der japanische Beitrag im Kampf um den Golden Bären. Yoji Yamadas Geschichte beginnt im Tokio des Jahres 1940. Ein Schriftsteller wird aufgrund seines „unpatriotischen, gefährlichen Gedankenguts“ ins Gefängnis geworfen. Zurück bleiben seine Frau und seine zwölf- und neunjährige Tochter, die in dieser schwierigen Zeit um ihr Überleben kämpfen müssen.

Der sehr politische, historische Background bleibt in Yamadas Film tatsächlich nur Hintergrund, im Mittelpunkt steht hingegen die Familiengeschichte. Nur selten wird gezeigt, was außerhalb des kleinen Holzhauses passiert und auch auf diese wenigen „Außenszenen“ hätte man getrost verzichten können, spiegelt sich doch sowieso jede Entwicklung im ausdrucksstarken Gesicht der Mutter (Sayuri Yoshinaga) wider. Kabei, wie diese liebevoll genannt wird, ist liebevoll, aufopfernd, stark und loyal. Mit ihrer Fürsorge und Wärme schafft sie es ihre beiden Mädchen beinahe unbeschwert aufwachsen zu lassen. Ihr großes Herz ist nicht nur Stütze für ihren Mann, sondern reicht auch noch für den schusseligen, warmherzigen Studenten ihres Mannes, der in der Rolle des „Mann im Haus“ über sich hinauswächst und langsam in Kabei mehr zu sehen beginnt als er dachte.

Ein gefühlvoller Film, in wunderschönen Bildern erzählt, der es wert wäre auch in den österreichischen Kinos gezeigt zu werden.

Philippe Claudel gehört zu den aktuell erfolgreichsten Schriftstellern Frankreichs, nun hat er sich erstmals als Regisseur versucht und landet damit gleich im Wettbewerb der Berliner Filmfestspiele. Und um die Pointe vorwegzunehmen: völlig zu recht. Auch der französische Wettbewerbsfilm „Il y a longtemps que je t’aime“ erzählt eine Familiengeschichte, in deren Zentrum zwei Schwestern stehen. Als Juliette (Kristin Scott Thomas) nach 15 Jahren, in denen sie keinerlei Kontakt zu ihrer Familie unterhalten hat, aus dem Gefängnis kommt, wird sie von ihrer Schwester Léa (Elsa Zylberstein) großzügig in deren Familie aufgenommen. Die Rückkehr Juliettes ist für sie mit großen Erwartungen, Hoffnungen verbunden. Mit ihr schließt sich für Léa nun endlich eine schmerzhafte Lücke in ihrem Leben. Zaghaft versucht die Mutter zweier vietnamesischer Adoptivkinder wieder eine Beziehung zu ihrer älteren Schwester aufzubauen, doch immer wieder prallen ihre Bemühungen an Juliettes Distanz und Kälte ab. Dieser fällt die Rückkehr in den Alltag schwer, nur langsam lernt sie nach Jahren der Isolation wieder zu kommunizieren. Doch über die Gründe ihrer Tat schweigt sie weiter und auch der Zuschauer erfährt erst sehr spät, was eigentlich vor 15 Jahren passiert ist.

Auch wenn eben diese Umstände die größte Stärke des Films sind, sei an dieser Stelle nur soviel verraten: Il y a longtemps que je t’aime“ ist ein Film über das Eingeschlossensein, über das Wegsperren von Gefühlen. Das Gefängnis hat Juliette verlassen, bis sie tatsächlich im Leben ankommt, braucht es aber 110 emotionsgeladene Minuten.

TAG VII

Man muss erst durch den Schmutz gehen, um zur Weisheit zu gelangen. Dass jedenfalls will uns Madonna mit ihrem Regiedebüt „Filth & Wisdom“ beweisen. Wie so genannter „Schmutz“ aussehen kann, bekommen wir in ihrer Komödie über eine Londoner 3er-WG ebenfalls zu sehen. Da ist der Balkan-Musiker (Eugene Hütz), der sein Zubrot als männliche Domina verdient, die schöne Balletttänzerin (Holly Weston), die aus akutem Geldmangel zu strippen beginnt oder aber die Apothekerin, die Medikamente klaut, obwohl sie eigentlich Kindern in Afrika helfen will. Sie alle wissen, laut Madonna, was „Schmutz“ bedeutet. Und auch alle anderen schrägen Charaktere, die sich rund um die bunte Wohngemeinschaft tummeln, sind auf dem kotigen Trampelpfad der Weisheit unterwegs.

Die Aufmerksamkeit war Madonna an diesem Mittwoch sicher. Überfüllte Kinosäle, eine aus demselben Grund bereits eine halbe Stunde vor Beginn geschlossene Pressekonferenz - eine Aufmerksamkeit, die man sich für seinen Erstling nur wünschen kann. Ebenso groß war aber auch der Druck auf die Popikone. Man rechnete ganz allgemein mit dem Schlimmsten.

Die Überraschung war groß als „Filth & Wisdom“ dann doch für einige (ehrliche, nicht schadenfrohe!) Lacher sorgte. Sicher, der Film ist sowohl was Inhalt als auch Inszenierung betrifft, absoluter Trash, die philosophischen Anwandlungen beinahe unerträglich. Dass man sich trotzdem unterhält, liegt zum einen an der temperamentvollen Balkanmusik von Eugene Hütz und seiner Band Gogol Bordello, zum anderen an der Kürze des Films, die die Schwächen erträglich macht. Und um den Bären geht es im Panorama ja sowieso nicht...

Für „Chaos Calmo“, Antonello Grimaldis Wettbewerbsbeitrag, hingegen schon. Die beiden Filme des siebten Tages hatten tatsächlich nur eines gemeinsam und das war ausgerechnet Britney Spears. Während in „Chaos Calmo“ Nanni Morettis kleine Tochter für sie schwärmt, gelingt Madonna in „Filth & Wisdom“ mit einem Spears-Verweis die wohl beste Pointe des Films. Die einstige Bedeutung des ehemaligen Teeniestars blitzt also während der Berlinale noch einmal kurz auf. Umso trauriger, dass nicht einmal die aktuellsten Filme mit der aktuellen Negativentwicklung mithalten können.

 

Spears stellt aber wie gesagt die einzige Gemeinsamkeit der beiden „Mittwochsfilme“ dar, spielt „Chaos Calmo“ doch in einer völlig anderen Liga. In der Rolle des Fernsehbosses Pietro rettet der charismatische Nanni Moretti („Das Zimmer meines Sohnes“) einer Frau das Leben. Als er wenig später nach Hause zurückkehrt, ist seine eigene Frau tot. Zu seinem Schrecken reagiert er jedoch völlig gefühlskalt. Schuldgefühle seine eigene Frau nicht genug gekannt zu haben, um sie zu vermissen, überkommen ihn. Der Gedanke einer anderen Frau das Leben gerettet zu haben, während er beim Tod der eigenen nicht dabei war, ist für ihn unerträglich. Und so lenkt er seine ganze Aufmerksamkeit auf seine zehnjährige Tochter Claudia, vernachlässigt seinen Job, um jeden Tag vor ihrer Schule auf sie zu warten.

Der auf einem Buch von Sandro Veronesi basierende Film erzählt von Trauer, einer Trauer, die nicht sofort sichtbar wird, einem „Chaos Calmo“, einem stillen Chaos eben. Nach dem Tod seiner Ehefrau bestimmt das Warten auf seine Tochter das Leben des einstigen Karrieremenschen und während er abwartet bis sich die Starre endlich in den ersehnten Schmerz verwandelt, lernt er mit dem Platz vor der Schule eine Welt kennen, zu der er sonst nie Zugang gefunden hätte: Einen Mikrokosmos, der ihm hilft Abstand und zugleich Nähe zu seinem Schicksal zu entwickeln.

„Chaos Calmo“ ist ein ruhiger, warmherziger, sehr gut erzählter Film, allein die Sexszene zwischen Pietro und der Frau, die er ganz zu Beginn rettet, stört die Harmonie. Diese ist roh, grob und sehr real gefilmt und passt so gar nicht zu dem Menschen, der den übrigen Film bestimmt. Nicht nur die italienische Kirche mokierte sich darüber, auch die anwesenden Journalisten waren irritiert. Der Sinn dieser Art von Inszenierung liege darin, dass man ganz bewusst zwischen einer Liebes- und einer reinen Sexszene unterscheiden wollte, versucht Antonello Grimaldi seine Absicht zu erklären. Okay, doch das wäre auch mit einer subtileren Darstellung gelungen, davon bin ich überzeugt. Schade, denn obwohl der Film vielleicht etwas zu konservativ gemacht ist, um tatsächlich einen Bären zu gewinnen, ist er insgesamt doch überaus gut und wunderschön gelungen.

TAG VI

Was sich mit „Hanami“ angekündigt hat, nämlich ein deutlicher Aufschwung in der Qualität und vor allem Einzigartigkeit der gezeigten Beiträge, wurde am sechsten Tag mit Mike Leighs („Vera Drake“) „Happy-Go-Lucky“ noch einmal überboten oder zumindest bestätigt. Der englische Beitrag, dem man allgemein gute Chancen auf den Bären einräumt, bezaubert vor allem durch seine Leichtigkeit, durch eine Unbeschwertheit, die der Titel ja bereits erwarten lässt.

Und Poppy (Sally Hawkins) ist tatsächlich ein reichlich lebensfroher Mensch: als Grundschullehrerin gibt sie ihre optimistische Lebenshaltung nicht nur an ihre Freunde und die die es noch werden wollen, weiter, sondern auch an ihre Schüler. Viel muss man zum Inhalt, der sich aus kleinen Begegnungen des Alltags, sowie aus den Hobbies Poppys speist, nicht sagen. Umso genauer aber ist Leighs Beobachtungsgabe, desto besser sitzen Dialoge und Pointen. „Happy-Go-Lucky“ ist tatsächlich ein Film mit Kultpotential, ein Film, dessen (rasend komische) Szenen sich einbrennen und weitererzählt werden. Leigh verfolgt, wie er während der Festspiele darlegt, das Ziel mit seinem Film ein Statement gegen die aktuelle pessimistische Weltsicht abzugeben.

Poppy nimmt das Leben wie es kommt. Als ihr ihr Fahrrad geklaut wird, bedauert sie nur sich nicht von ihm verabschiedet zu haben, kein Groll über die Ungerechtigkeit, dass gerade ihr ein solches Unglück passiert ist, kommt ihr über die Lippen. Und ebenso ist es, als sie Autofahren lernt und auf einen cholerischen, pessimistischen und irgendwie auch bedrohlichen Fahrlehrer trifft. Ein Mensch wie Poppy, der so ohne jedes Vorurteil und so offen auf Menschen zugeht, an das Gute in jedem Einzelnen glaubt, genau so ein Mensch findet dieses Gute auch. Weil er es finden will. Vielleicht gibt es so einen temperamentvollen, farbenfrohen Charakter wie ihn Leigh in enger Zusammenarbeit mit der Hauptdarstellerin zeichnet nicht wirklich, definitiv sollte es ihn aber geben. Poppy ist ein kleines bisschen verrückt, aber genau deshalb eventuell das richtige Vorbild. Nicht nur für ihre Schüler, sondern für uns alle. Zumindest den Kritikern hat „Happy-Go-Lucky“ tatsächlich eine unbeschwerte Zeit verschafft und uns darüber hinaus, ganz nebenbei, eine ganze Menge über Fragen der Erziehung, des Schulsystem und über die Dinge, die es wirklich wert wären an die nächste Generation weitergegeben zu werden, erzählt.

 

Genau das Gegenteil von einer unbeschwerten Zeit erwartete einen bereits wenige Stunden später. Der einzige Dokumentarfilm im Wettbewerb und daher auch schlecht mit allen anderen Filmen zu vergleichen, ist Errol Morris’ („The Fog of War“) „Standard Operating Procedure“, benannt nach den (erlaubten!) Verhörmethoden in Abu Ghraib. Die Dokumentation untersucht den Skandal um Folterfotos, die im Frühjahr 2004 aufgetaucht sind und weltweit Entsetzen ausgelöst haben. Auf ihnen sind Folterungen, Misshandlungen, Demütigungen und sexuelle Übegriffe irakischer Gefangener durch Mitglieder des US-Militärs zu sehen. Mithilfe von Fotos, nachgestellten, dramatisierten Szenen und Interviews mit den Tätern versucht Morris den schockierenden Vorkommnissen auf den Grund zu gehen. Wirklich erschreckend dabei sind die Rechtfertigungsversuche der betroffenen Männer und Frauen, Worte der Entschuldigung gibt es nicht. Man begreift, welche Machtstrukturen, welche Druckmittel wirksam wurden und der Film beweist wieder einmal auf erschreckende Weise wozu Menschen (in Extremsituationen) fähig sind. Beinahe schämt man sich einer solcher zu sein…

„Standard Operating Procedure“ bringt also zumindest teilweise Licht ins Dunkel der Vorkommnisse. Gleichzeitig schockieren aber Inszenierung und Stilmittel des Films, wirken sie doch zu glatt, zu perfekt, zu sensationsheischend. Ganz allgemein kommt die Machart des Wettbewerbsbeitrags einfach zu gewollt daher, was angesichts des Grauens der Geschichte nicht nur unnötig, sondern vor allem unpassend erscheint.

TAG V

Doris Dörrie vergleicht das Erlebnis einen Film zum ersten Mal vor Publikum zu sehen, mit dem Liegen auf einem Operationstisch ohne Narkose. Dabei hätte sie sich bei ihrem neuesten Streich, der als einziger Deutscher Beitrag im diesjährigen Wettbewerb läuft, keine Sorgen machen müssen. Beinahe ausschließlich warmen Beifall gab es für „Kirschblüten – Hanami“, der nach „Erleuchtung garantiert“ und „Der Fischer und seine Frau“ bereits der dritte Film ist, den die Regisseurin (zumindest teilweise) in Japan spielen lässt. Diesmal knöpft sich Dörrie den Mount Fuji und die Kirschblüten, die beiden wohl größten japanischen Klischees, vor und doch ist ihr ein Film gelungen, der zwar mit diesen Vorstellungen von Japan spielt, aber trotzdem so gar nicht in eine Schublade passen will.

Trudi (Hannelore Elsner) weiß, dass ihr Mann Rudi (Elmar Wepper) nicht mehr lange zu leben hat, beschließt aber niemanden davon zu erzählen. Stattdessen besucht das Ehepaar ihre Kinder in Berlin. Kaum dort angekommen, müssen sie jedoch feststellen, dass diese ihr eigenes Leben führen. Als völlig überraschend Trudi und nicht Rudi stirbt, ist dieser am Boden zerstört, weiß nichts mehr mit sich anzufangen. Von der Freundin (Nadja Uhl) seiner lesbischen Tochter (Birgit Minichmayr) erfährt Rudi schließlich von der tiefen, ihm zuliebe aufgegebenen Sehnsucht seiner Frau nach Japan und dem Butoh-Tanz. Als er erkennen muss, dass ihm Trudi ihr Leben und ihre Träume geopfert hat, begibt sich das bayrische Gewohnheitstier nach Japan. Auf „Trudis Reise“ beginnt er die Welt mit ihren Augen zu sehen und zu begreifen…

Doris Dörries ungewöhnlicher Film thematisiert nicht zuletzt durch das Motiv der Kirschblüte die Vergänglichkeit. Wann unser Leben zu Ende ist, können wir nicht bestimmen. Umso wichtiger also, dass wir, wie die Regisseurin betont, aufpassen, dass wir uns nicht zu sehr von unserem Leben ablenken lassen, um die entscheidenden Momente, in denen es uns möglich gewesen wäre zu strahlen, nicht verpassen. Denn diese Momente kommen nicht wieder, das zeigt „Hanami“ ganz deutlich, und schafft durch seine lebendige, liebevolle, warme, humorvolle Erzählweise etwas, das leider gar nicht so vielen Filmen gegeben ist - zu motivieren und Mut und Lust aufs eigene Leben zu machen.

 

Und wieder eine Reise, die jedoch nicht zur Erkenntnis, sondern direkt in einen Alptraum führt. „Transsiberian“ heißt der düstere, spannende Thriller von Brad Anderson („The Machinist“), den die Berlinale im „Panorama“ zeigt. Jessie (Emily Mortimer) und Roy (Woody Harrelson), ein harmlos-nettes amerikanisches Ehepaar, trifft auf einer Reise im Transsibirien-Express auf ein mysteriöses, aber verlockend spannendes Backpacker-Pärchen. Auf dem Abenteuertrip, der die beiden quer durch China und ein sehr korruptes, dunkles Russland führt, geht Roy eines Tages verloren. Als er wieder auftaucht, hat seine Frau allerhand Probleme und russische Drogenfahnder heften (Ben Kingsley, Thomas Kretschmann) an ihren Fersen.

Die Spannung in „Transsiberian“ entsteht im Besonderen durch die Enge des Zuges, durch sparsam, aber wirksam eingesetzte Effekte, die eher aus einem ausgeklügelten Drehbuch als aus der Trickkiste resultieren. Kein Geniestreich, aber durchaus massentaugliche Kost mit Anspruch. Also: „Don’t talk to Strangers!“

TAG IV

Regisseurin Isabel Coixet („Mein Leben ohne mich“, „Das geheime Leben der Worte“), Penelope Cruz und Ben Kingsley … der Stoff aus dem Träume sind. Eine Affäre zwischen einem alternden Professor und seiner kubanischen Studentin – der Stoff aus dem klischeeverhaftete Filme sind. Dass der Wettbewerbsbeitrag „Elegy“ dieser Gefahr entgeht, liegt einerseits an der literarischen Vorlage „The Dying Animal“ von Pulitzer-Preisträger Philip Roth und zweitens an der gewohnt sensiblen Herangehensweise der Regisseurin. „Elegy“ erzählt die Geschichte des charismatischen David Kepesh, der nach einer gescheiterten Ehe, nicht nur eine gestörte Beziehung zu seinem Sohn (Peter Saarsgard), sondern außerdem eine unkomplizierte rein sexuelle Liaison mit einer Geschäftsfrau (Patricia Clarkson) unterhält. Bloß niemanden näher an sich heranlassen, lautet seine Devise. Und das ändert sich (zunächst) auch nicht, als er die umwerfend attraktive Studentin Consuela Castillo kennenlernt. Sein einziges Ziel: Sex. Doch schon bevor er sein Ziel erreicht hat, spürt er wie die atemberaubende Schönheit, aber auch die entwaffnende Ehrlichkeit und die außergewöhnliche Natürlichkeit Consuelas sein Innerstes berühren. Mit der Liebe, die er für sie zu empfinden beginnt, kommt jedoch auch die Angst, die Angst diese junge, berückend schöne Frau nicht halten zu können. Kepesh beginnt ihr nachzuspüren, seine Liebe entwickelt sich zur Obsession, er läuft Gefahr seine Reputation zu verlieren, warnt ihn sein Freund George (Dennis Hopper). Es kommt wie es kommen muss: durch sein krampfhaftes Bemühen seine Unabhängigkeit zu bewahren, verliert er die (ehrliche) Liebe Consuelas.

Zwei Jahre später trauert er immer noch, als Consuela mit einer verzweifelten Bitte wieder seine Nähe sucht…

Penelope Cruz und Ben Kingsley schaffen es den Zuschauer glauben zu machen, es stünde rein gar nichts zwischen ihnen selbst und der von ihnen dargestellten Figur. Kingsley erklärt dies mit der außergewöhnlichen Atmosphäre, die am Set geherrscht habe. Sie habe es den Schauspielern erlaubt eine große Offenheit und Verwundbarkeit zuzulassen. Und genau das sieht man tatsächlich: Cruz und Kingsley spielen den erheblichen Altersunterschied einfach an die Wand, ein Altersunterschied, der wie der Film zeigt, vor allem in den Köpfen nicht aber auf emotionaler Ebene eine Rolle spielt. Cruz spielt genauso umwerfend wie zuletzt in „Volver“, bleibt zu hoffen, dass ihre beliebigen US-Filme endgültig der Vergangenheit angehören. Ben Kingsley ist sowieso eine Klasse für sich und auch die Nebendarsteller bleiben nachhaltig in Erinnerung.

Coixet ist wieder einmal ein Film voller Wärme und wunderbarem Witz gelungen. Sie profitiert einerseits von Philip Roths scharfzüngigen, intellektuellen Dialogen, die besonders zwischen David und George phänomenal funktionieren, interpretiert die ihm Buch sehr explizit, teilweise fast schon sexistisch anmutend geschilderten Bettszenen aber auf eine weichere, deutlich elegantere Weise. Ein empfehlenswerter Film, der nur gegen Ende etwas zu nah am Kitsch vorbeischrammt.

 

„Fireflies in the Garden“ nennt sich der außer Konkurrenz gezeigte Wettbewerbsfilm mit Julia Roberts. Lang erwartet wohl vor allem aufgrund des möglichen Erscheinens des Hollywoodstars in Berlin. Gekommen ist sie nicht und bedenkt man ihre doch recht kleine Rolle in Dennis Lees Spielfilmdebüt so erscheint das auch völlig verständlich.

Nach jahrelanger Abwesenheit befindet sich der junge Schriftstellers Michael Taylor (Ryan Reynolds) gerade auf dem Weg in seine Heimatstadt, als seine Mutter Lisa (Julia Roberts) bei einem Autounfall ums Leben kommt. Die Tragödie zwingt die Familie sich tief verschütteten Konflikten wie der gestörten Beziehung Michaels zu seinem herrschsüchtigen Vater (Willem Dafoe), aber auch aufkommenden Erinnerungen an den Sommer, als Tante Jane (Emily Watson) den Sommer bei der Familie verbrachte und Lisa kurz davor war ihren Mann zu verlassen, zu stellen.

Kameramann und Roberts’ Ehemann Danny Moder fotografiert das Familiendrama mithilfe von optisch durchaus ansprechenden Sprüngen zwischen Gegenwart und Rückblenden in den besagten Sommer. Inhaltlich jedoch schwächelt die Story enorm. Zu wenig erfährt man bis zum Schluss darüber, was wirklich zwischen Michael und seiner Tante Jane passiert ist, zu wenig wird über die Affäre Lisas erzählt. Während in anderen Werken durchaus angemessen Raum für eigene Interpretationen gelassen wird, wirkt es hier so, als wäre sich das Team selbst nicht schlüssig gewesen, was man nun erzählt und was nicht. Und so wirkt „Fireflies in the Garden“ irgendwie unausgegoren, kann trotz eines außergewöhnlichen Casts kaum berühren und bleibt weit hinter den Erwartungen zurück.

TAG III

Auch beim Deutschen Beitrag der Panorama-Schiene ist von Anfang an klar, dass Blut fließen wird. Auch in „Chiko“ ist die Gier nach Geld, vor allem aber nach Respekt, Ursprung allen Übels. Der junge Türke Chiko (Dennis Moschitto, bekannt aus „Kebab Connection“) fordert Respekt, lebt aber nach der Devise, dass man diesen nur dann bekommt, wenn man anderen gegenüber keinen zeigt. Er ist im Kleinkriminellenmilieu zu Hause, dealt mit geringen Mengen Gras. Doch er will mehr und das kriegt er auch. Durch seine Kaltschnäuzigkeit, seine Kaltblütigkeit gelingt es ihm das Vertrauen eines Drogenbosses (Moritz Bleibtreu) zu gewinnen. Während er in der Folge höher und höher steigt, verliert sein bester Freund jedoch völlig den Halt.

Der 29 jährige Regisseur Özgür Yildirim machte schon im zarten Alter von vierzehn Jahren auf sich aufmerksam als er sein erstes Buch mit Kurzgeschichten veröffentlichte. Für sein Spielfilmdebüt „Chiko“ konnte er niemanden Geringeren als Fatih Akin und dessen Firma „Corazon International“ als Produzenten gewinnen. Jugendkriminalität –gerade in letzter Zeit und besonders in der Bundesrepublik ein großes Thema. Nicht erst seit die Kampagne des Hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, dessen angstschürender Wahlkampf auf eben dieses Thema baute, mit einer derben Niederlage endete. Kommt der Film also genau zum richtigen Zeitpunkt? Könnte man meinen, Aufmerksamkeit ist ihm sicher. Überraschenderweise gestaltete sich die Finanzierung jedoch schwieriger als gedacht, beschreibt Produzent Klaus Maeck den Entstehungsprozess. Das Drehbuch erschien den Geldgebern zu brutal, zwei Jahre lang wurde umgeschrieben bis das Geld zusammengekratzt war. Ergebnis ist nun ein Film, der die Debatte weiter anheizen wird, der mit seiner Brutalität und seiner Wut, aber nur auf den ersten Blick das Bild des gefährlichen Ausländerkindes bestätigt oder dieses sogar verherrlicht. Denn in „Chiko“ bekommt jeder das, was er verdient bzw. zumindest das, was er vorher verteilt hat. Es ist Gewalt, die wehtut, die nicht zufällig an das klassische Genre des Gangsterfilms erinnert. Hier ist viel überzeichnet: Der Aufstieg Chikos mit der Schilderung des Geldzählens, dem Koksen und der Nutten erscheint schon fast zu klischeehaft. Doch „Chiko“ will genau diese Muster des Gangsterfilms erfüllen, will wie die amerikanischen Vorbilder unterhalten. Und genau hier liegt die Chance sowohl ein breites Publikum zu erreichen als auch zur Diskussion anzuregen, denn Yildirims Film ist trotz allem, so wie alle Filme, meint Fatih Akin in der Pressekonferenz, „politisch und eine erzählerische Reflexion dessen, was in Deutschland, was in der Gesellschaft passiert.“ Und dabei meint er ganz bestimmt nicht allein die türkische Community. Vielmehr falle der Film „in den Graben des Kulturkampfes, der seit dem 11. September zwischen dem Islam und der westlichen Welt herrscht.“ Und der Regisseur ergänzt: „Kriminalität hat keine Nationalität.“ Bleibt zu hoffen, dass diese Botschaft ankommt.

 

Manchmal ist es das Schwierigste wieder nach Hause zu finden. Damien Harris Wettbewerbsfilm „Garden’s of the Night“ behandelt das schwierige, sehr sensible Thema des Kindesmissbrauchs. Ein Film, in den man bereits mit Bauchweh geht und ganz genau weiß, dass man mit noch schlimmeren wieder herauskommen wird.

Die achtjährige Leslie wird eines Tages von zwei Männern entführt. In deren Versteck trifft sie einen weiteren gleichaltrigen Buben. Beiden Kindern wird suggeriert ihre Eltern hätten sie nicht mehr haben wollen. Neun Jahre vergehen, in denen die beiden gefangen gehalten und missbraucht werden und sich nur durch die Flucht in eine gemeinsame Traumwelt aufrecht halten können. Als sie als siebzehnjährige (leider unglaubwürdig schöne Modeltypen) endlich wieder die Freiheit erlangen, müssen sie lernen auf der Straße und mit den dunklen Geistern ihrer Vergangenheit zu leben.

Damien Harris nähert sich dem eigentlich unverfilmbaren Stoff auf sehr sensible, langsame Weise. Zwei Jahre lang hat er mit betroffenen Kindern und Eltern, mit Sozialarbeitern und Polizisten gesprochen bevor er das Drehbuch schrieb. „Garden’s of the Night“ schafft es nur anzudeuten, anstatt explizit alles zu zeigen, was wir uns ohnehin leider viel zu gut selbst ausmalen können. Der Film macht also beinahe alles richtig. In Zeiten von Maddie McCann und Natascha Kampusch fragt man sich allerdings, warum man sich einen solchen Film überhaupt ansehen soll? Hat die schreckliche Wirklichkeit die Fiktion nicht schon längst eingeholt? Wird ein solcher Film einen Pädophilen davon abhalten sich an einem Kind zu vergehen? Können wir Kindesmissbrauch noch schlimmer finden als wir es ohnehin bereits tun? Fragen, die an den früheren Berlinalefilm „Der freie Wille“, indem Jürgen Vogel einen Vergewaltiger spielte, erinnern. Ein ebenso authentischer, sensibel und großartig gemachter Film wie „Garden’s of the Night“, der mich genau zur selben Frage, auf die es wahrscheinlich nur eine Antwort gibt, führt: WENN wir Film als Abbildung der Realität verstehen, dann haben auch diese Filme (leider) eine Berechtigung.

 

Abschluss des dritten, sehr an die Nieren gehenden Berlinale-Tages bildete „Himlens Hjärta“ („Heaven’s Heart“) aus der Berlinale-Special-Reihe. Der dänische Regisseur Simon Stahe erzählt mithilfe Schwedischer Schauspieler ein Kammerspiel, das ganz in die Tradition eines Ingmar Bergmann fällt. Zwei Ehepaare treffen sich zum Abendessen. Als eine der Frauen von einem verheirateten Kollegen ihres Mannes erzählt, der Frau und Kinder für eine Jüngere sitzen gelassen hat, reagieren die Anwesenden unterschiedlich auf die Frage, in wieweit dieser Schritt nachvollziehbar und verständlich ist. Eine harmlose Unterhaltung löst tiefer liegende aufgestaute Sehnsüchte, reißt Wunden auf, die nach zwanzig Jahren Ehe gut verborgen schienen. Am Ende müssen sich beide Paare die Frage stellen, ob sie tatsächlich weiterhin ihr Leben teilen wollen. Ein ganz einfacher, lebensnaher, richtig guter Film. Punkt.

TAG II

„Wie weit würden Sie für die Liebe gehen?“ fragt der finnische Wettbewerbsbeitrag „Musta Jäa“ („Black Ice“) von Petri Kotwica. Saara, eine attraktive, erfolgreiche Gynäkologin mittleren Alters erfährt, dass ihr Mann eine Affäre mit einer seiner jungen Architekturstudentinnen unterhält. Sie fühlt sich bedroht, möchte unbedingt wissen, mit wem sie es zu tun hat und landet so schneller als gedacht im Selbstverteidigungskurs ihrer Kontrahentin. Unter falschem Namen gewinnt sie das Vertrauen, die Freundschaft der jungen Frau, schleicht sich in deren Leben ein und gibt gleichzeitig ohne, dass sie selbst es zunächst bemerkt, immer mehr von sich selbst preis.

Petri Kotwica drehte einen klassischen Psychothriller, versucht aber immer wieder mit gängigen Mustern des Genrefilms zu brechen und den Zuschauer zu überraschen. Das gelingt auch manchmal, aber leider schießt er viel öfter auch über das Ziel hinaus, übertreibt und bedient gerade dadurch dann doch wieder all die üblichen Klischees.

 

Ebenfalls im Wettbewerb vertreten ist auch Paul Thomas Andersons wuchtiges Epos „There will be Blood“, das auf der Romanvorlage „Oil!“ von Upton Sinclair aus dem Jahre 1927 basiert. Während der Autor in dem 500 Seiten starken Werk besonderen Wert auf die Schilderung politischer Umstände seiner Zeit legt, übernimmt Anderson zwar dessen detaillierte Schilderung der Ölindustrie um 1900, widmet sich darüber hinaus aber im besonderen einer genauen Charakterstudie des ehrgeizigen Minenarbeiters Daniel Plainview (gespielt von einem beängstigend guten Daniel Day Lewis), der es bis zum Öltycoon bringt.

Lange wähnt man sich in dem zweieinhalbstündigen Werk in einem klassischen amerikanischen Aufsteiger-Abenteurerfilm. Gut gemacht, aber nicht außergewöhnlich. Mit den ersten Erfolgen Plainviews ändert sich dieser Eindruck jedoch schnell und „There will be Blood“ gewinnt an Tiefe. (Fanatischer) Glaube und die Familie sind nun die bestimmenden Themen. Plainview ist von der Gier nach Geld und Macht zerfressen, für sein Ziel opfert er nicht nur seine Moral. Am Ende fließt – wie es der Titel verspricht - Blut…

Ob Anderson wie vor sieben Jahren mit „Magnolia“ den Goldenen Bären mit nach Hause nehmen darf, bleibt abzuwarten. Ein paar Oscars werden aber wohl auf jeden Fall drin sein.

TAG I

„Richtig rocken lassen“ will es der Berlinale-Präsident Dieter Kosslick in diesem Jahr. Neben Filmen über argentinischen Tango, Hip Hop aus Uganda oder einem filmischen Porträt über Patti Smith, präsentiert Popstar Madonna beispielsweise ihr Regiedebüt „Filth & Wisdom“. Mit Spannung wird dabei erwartet, ob sie dabei erfolgreicher sein wird als zuletzt als Schauspielerin oder ob sie das Regieführen doch besser ihrem Mann Guy Ritchie überlassen sollte. Obwohl, der war ja seit „Snatch“ auch nicht mehr ganz so erfolgreich, oder?

Na ja, schwamm drüber. Die Popdiva kommt sowieso erst Mitte nächster Woche ins für diese Jahreszeit ungewöhnlich wohltemperierte Berlin. Nicht mehr da sind hingegen die Rolling Stones und Martin Scorsese, die anlässlich der Eröffnung der Filmfestspiele den Konzertfilm „Shine a Light“ präsentierten.

Nicht nur einmal ließ der legendäre Regisseur die Protagonisten seiner bisherigen Filme bereits zu Stones-Songs agieren, dass er auch einmal einen über die Stones drehen würde, war also nur eine Frage der Zeit. Und als er 2005 auch noch „No Direction Home: Bob Dylan“ veröffentlichte, war er tatsächlich nur noch einen winzigen Schritt von „Shine a Light“ entfernt. Gerockt wurde trotz hochgeschraubter Erwartungen und einem völlig durch geknallten Keith Richards jedoch trotzdem nur begrenzt. Zwar zeigt der Kultregisseur den Auftritt der Stones im New Yorker Beacon Theatre in atemberaubenden Bildern - Bilder, die mithilfe von rund siebzig Kameras sowie einem Team der besten und renommiertesten Kameraleute Hollywoods (unter ihnen der „Aviator“-Oscargewinner Robert Richardson) zustande kamen – doch kommt der Film insgesamt recht konventionell daher. Eine Ausnahme bilden hier definitiv die herrlich ironischen Anfangssequenzen, in denen das Zustandekommen des Films sowie unter anderem ein Treffen mit der Familie Clinton dokumentiert wird, oder aber die rasante Kamera(fahrt), die die Position der Band einnimmt. Höhepunkte sind nicht zu vergessen auch die sensationellen Gastauftritte von Jack White von den „White Stripes“, der Blues-Legende Buddy Guy oder besonders der von Christina Aguilera. Streckenweise macht „Shine a Light“ also richtig Spaß, abgesehen davon ist der Film aber vor allem eins: ein Werk für eingefleischte Stones-Fans. Allen anderen würde ganz sicher auch die Hälfte des zweistündigen Musikhappenings reichen.

Aglai Rudnay (aglai_rudnay@filmnews.at)

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