Berlinale 2007
Nachtrag
Die Berlinale ist vorbei, doch die Dichte der gezeigten Filme so gigantisch, dass hier noch ein kleiner Nachtrag folgen soll. Darunter sind Filme, auf die man sich freuen kann, wie „I served the King of England“ von Oscar-Preisträger Jirí Menzel oder solche, denen man besser aus dem Weg geht wie „Bordertown“, außerdem mittelmäßige Beiträge der französischen Altmeister Jacques Rivette und André Techiné. Und zuletzt der britische Beitrag „Hallam Foe“, mit dem grandiosen „Billy Elliot“-Darsteller Jamie Bell. Alors:
Der französische Regisseur André Téchiné meldet sich nach mehrjähriger Schaffenspause mit seinem neuesten Werk „Les Témoins“ im Wettbewerb der Berlinale zurück. Im Frankreich der frühen Achtziger Jahre kommt der 20-jährige Manu (Johan Libéreau) nach Paris. Gemeinsam mit seiner Schwester, der Sängerin Julie (Julie Depardieu), bezieht er ein Zimmer in einem schmuddeligen Hotel.
Voller Lebenshunger und Tatendrang erlebt Manu eine Zeit der ungebrochenen sexuellen Freiheit. Es sind Tage, die noch keine Angst vor Ansteckung kennen - Téchine nennt sie in seinem Film „Les beaux jours“. In dieser unbeschwerten Zeit trifft Manu auf den homosexuellen Arzt Adrien (Michel Blanc), der sich aufrichtig in ihn verliebt. Manu genießt die Aufmerksamkeit des wesentlich älteren Mannes ohne aber ernsthafte Gefühle für ihn zu hegen. Durch Adrien lernt er Mehdi (Sami Bouajila) und Sarah (Emanuelle Béart) kennen, ein junges Paar, das gerade sein erstes Kind bekommen hat. Die junge Frau ist jedoch unglücklich, scheitert sie doch sowohl beim Versuch ihren ersten Roman zu schreiben, als auch dabei eine gute Mutter zu sein. Manu und der vernachlässigte Mehdi beginnen eine heimliche, leidenschaftliche Affäre. Als Adrien aber eines Tages rote Flecken auf Manus Brust entdeckt, gerät das gesamte Personengefüge ins Wanken...
Téchiné beschreibt in seinem neuen Film das Eindringen einer Person in ein bis dato funktionierendes System. Der junge, charmante Manu fördert die geheimen Sehnsüchte aller Beteiligten zu Tage. Sie alle sind Zeugen („Témoins“) seines Schicksals. Gleichzeitig beschreibt der französische Regisseur anhand des Beziehungsdramas das Aufkommen von Aids und den Umgang mit der Krankheit. Dabei „liebt“ Téchiné seine Figuren aber zu sehr, geht zu genau auf deren Befindlichkeiten und Konflikte ein, um Manu zum alleinigen Zentrum der Geschichte zu machen. Das bewirkt eine Verzettelung, unter der der Film leidet, und ihn über weite Strecken leider langatmig macht.
Der schlechteste Beitrag des Wettbewerbs ist aber mit Abstand der auf wahren Begebenheiten beruhende Film „Bordertown“. Seit 1993 wurden in Juarez, an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, rund 400 Frauen ermordet. Die meisten arbeiteten in grenznahen Fabriken, unter unvorstellbaren Bedingungen für einen Minimallohn. Auf dem Weg von oder zu den so genannten „Maquiladoras“ wurden sie verschleppt und ermordet, viele von ihnen vergewaltigt und gefoltert, die Leichen fand man in der Wüste, auf Müllkippen, viele bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Bis heute ist nicht geklärt, wer hinter diesen Mordserien steckt, ein offenes Geheimnis ist hingegen, dass weder die mexikanischen noch die amerikanischen Behörden daran interessiert sind die Verbrechen aufzudecken, ist doch zuviel Geld und Macht im Spiel.
Nach „Amnesty International“ hat sich nun auch Hollywood dem Thema angenommen. Sieben Jahre und schwierige Produktionsbedingungen später, feiert ein Film mit Jennifer Lopez als Leittier und einem emotionsgeladenen Gregory Nava („Selena“) als Regisseur seine Uraufführung auf der Berlinale.
Das Schicksal der Mädchen berührt - ohne Frage - und genau aus diesem Grund hätte man sich gewünscht, dass der Film etwas weniger „mainstreamig“ und platt daherkommt, dass der Film nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Anerkennung erfährt. Leider ist die Geschichte der von Jennifer Lopez verkörperten amerikanischen Journalistin Lauren Adrian, die aus Juarez über die mysteriösen Mordfälle berichten soll und dort auf ihre Jugendliebe Alfonso Diaz (Antonio Banderas) trifft, so kitschig und Klischee-beladen erzählt, dass einem ganz anders wird. Als Lauren beispielsweise erkennt, dass sie ihre mexikanischen Wurzeln nicht länger verleugnen will, hört sie in einer der vielen pathetisch inszenierten Szenen auf sich die Haare blond zu färben. Am nächsten Tag sind sie plötzlich braun, gelockt und deutlich länger. „Bordertown“ versucht alles, aber auch wirklich alles, um auch noch die letzten potentiellen Zuschauer an Land zu ziehen: da schreckt man auch nicht vor einem Auftritt von Latinostar Juanes mit seinem Schmachtfetzen „Camisa Negra“ zurück... Man kann den Opfern und ihren Angehörigen, die während der Pressekonferenz wie Ausstellungsstücke präsentiert wurden, nur wünschen, dass das Konzept aufgeht, und der Fall der Frauen von Juarez trotz miserablem Film die angemessene Aufmerksamkeit erhält.
Jacques Rivette, einer der großen Vertreter der Nouvelle Vague, inszenierte mit „Ne touchez pas la hache“ („Don’t touch the Axe“) nach „Die schöne Querulantin“ wieder eine Geschichte des französischen Literaten Honoré de Balzac. Jeanne Balibar, die bereits in „Va Savoir“ mit Rivette zusammengearbeitet hat, ist in der Rolle der Herzogin von Langeais zu sehen. Ihren Widerpart gibt Guillaume Depardieu als General Armand de Montriveau.
Zeit der Restauration - die Pariser Gesellschaft ist geprägt von Oberflächlichkeit und Vergnügungssucht. Mittendrin: Antoinette, die Frau des Herzogs von Langeais. Als der hohe Offizier Armand de Montriveau sich unsterblich in sie verliebt, fühlt sie sich geschmeichelt und lockt ihn, um ihn dann sogleich wieder von sich zu stoßen. Es entspinnt sich ein Spiel aus Nähe und Distanz, dessen Zügel die Herzogin fest in der Hand hält. Erst als sich Armand eines Tages auf grausame Weise rächt, merkt Antoinette, dass sie ihn liebt. Doch da ist es bereits zu spät…
In Rivettes Adaption spielt das Element der Zeit eine entscheidende Rolle. Zu spät oder zu früh „dran“ zu sein, entscheidet über Glück oder Verderben. Gleichzeitig spielt der Franzose darüber hinaus gekonnt mit der Sprache Balzacs, die überraschende Geschwindigkeitswechsel bereithält. Schöne Bilder, schöne Sprache… dass „Ne touchez pas la hache“ trotzdem nicht überzeugt, liegt wohl an der verstaubten Geschichte, ist doch die Tragödie der beiden Liebenden in der heutigen Zeit einfach nicht mehr nachvollziehbar. Das Zieren der Herzogin (aus vorgeschobenen religiösen Gründen) scheint eher ärgerlich.
Auch der tschechisch-slowakische Beitrag „I served the King of England“ basiert auf einer literarischen Vorlage – was aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit mit „Ne touchez pas la hache“ sein dürfte. Wie bereits zahlreiche Filme des tschechischen Oscarpreisträgers („Liebe nach Fahrplan“) Jirí Menzels, entstand auch sein aktuelles Werk nach einer Vorlage seines Landsmannes, des zeitgenössischen Schriftstellers Bohumil Hrabal.
„I served the King of England“ erz ählt die Geschichte eines klein gewachsenen Kellners, der durch die Irrungen und Wirrungen der tschechischen Geschichte „geschubst“ wird. Nach fünfzehnjähriger Haft wird Jan Dite (Oldrich Kaiser) aus der Haft entlassen und blickt mit Wehmut auf sein Leben zurück: So klein der junge Jan (Ivan Barnev) gebaut ist, so groß ist sein Ehrgeiz. Sein erklärtes Ziel ist es einmal Millionär zu werden. Und er versteht es, diesem Ziel kontinuierlich näher zu kommen, indem er genau beobachtet und zuhört und sich anschließend einschmeichelt. Auf diese Weise steigt er nicht nur auf der Karriereleite höher und höher, sondern wird auch bei den Damen immer beliebter. Schließlich verliebt sich der völlig unpolitische Jan in die Sudetendeutsche Lisa, die von der deutschen Julia Jentsch verkörpert wird. Zwei Jahre nach ihrem Silbernen Bären für ihre Verkörperung der Sophie Scholl ist Julia Jentsch also in einer völlig gegensätzlichen Rolle zu sehen. Doch auch als NSDAP-Fanatikerin ist sie auf erschreckende Weise richtig gut.
Durch die Heirat mit der glühenden Verehrerin Hitlers, wird Dite zur „Persona non Grata“ und verliert seinen Job. Doch wieder laufen die Dinge zu seinen Gunsten: In den späten Dreißigern ändern sich die politischen Umstände. Die deutsche Wehrmacht besetzt Prag und plötzlich ist der kleine Mann wieder obenauf und bringt es am Ende (wenn auch auf unrühmliche Weise) sogar tatsächlich zum Millionär. Als die Kommunisten allerdings an die Macht kommen, ändert sich seine Situation schlagartig…
Jirí Menzel macht sich in seinem Film über die Dummheit der Menschen lustig, eine Dummheit, die in allen politischen Strömungen zu finden ist. Die Figur des Aufsteigers Dite ist dabei so naiv und unschuldig gezeichnet, dass er einem trotz seines an sich unsympathischen, kompromisslosen Verhaltens nie als Held abhanden kommt. Überhaupt ist der Film von einem eigentümlichen Humor gezeichnet, der im aktuellen Filmschaffen mittlerweile sehr selten geworden ist und mehr an die Filme Buster Keatons und Charlie Chaplins erinnert. Kein Wunder, bezeichnet Menzel sie doch ganz offenkundig als seine Lehrmeister.
Der britische Film „Hallam Foe“ von David Mackenzie („Young Adam“) hingegen spielt im Hier und Jetzt und räumte bei der Berlinale-Preisverleihung völlig verdient einen Silbernen Bären für die beste Filmmusik ab. Doch nicht nur der Soundtrack überzeugt: „Hallam Foe“ erzählt vom Teenager Hallam (Jamie Bell), der den Großteil seiner Freizeit damit verbringt Leute zu beobachten. In seinem Zuhause fühlt er sich schon seit Langem nicht mehr geborgen, vermutet er doch, dass seine Stiefmutter Verity (Claire Forlani) hinter dem mysteriösen Tod seiner Mutter steckt. Er flieht nach Edinburgh, wo er nicht nur seinem Hobby weiter nachgeht, sondern auch Kate (Sophia Myles) kennen lernt, ein Mädchen, das seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten ist…
Hallam beobachtet andere Menschen lieber bei ihrem Leben, als sein eigenes zu leben. Ihm fehlt die Kraft seine Sehnsucht nach Nähe, die er innerhalb seiner Familie nicht findet bzw. finden will, auf eine andere (sozialere) Weise zu stillen. Anfänglich ist einem Hallam unheimlich - zu pervers und bedrohlich erscheint einem sein Stalken. Gleichzeitig spielt Jamie Bell aber mit einer solchen Verletzlichkeit, dass man zwischen Abstoßung und Sympathie hin und her gerissen ist.
Mit dem Tipp den außer Konkurrenz gezeigten, ebenfalls britischen Beitrag „Tagebuch eines Skandals“ mit schauspielerischen Höchstleistungen von Judi Dench und Cate Blanchett auf keinen Fall zu versäumen (Kritik bereits auf filmnews.at), verabschiede ich mich von der 57. Berlinale.
Aglaia Rudnay (aglai_rudnay@filmnews.at)
Step IV
Samstagnacht endete die 57. Berlinale mit einem Paukenschlag. Beinahe alle als Favoriten gehandelten Filme gingen leer aus. Mit dem chinesischen Film „Tuyas Ehe“ von Wang Quan'an erhielt ein absoluter Außenseiter den Goldenen Bären. Der Film erzählt von der schönen Tuya, die mit ihrem behinderten Mann Bater und ihren zwei Kindern in der Steppe der Inneren Mongolei lebt. Als sie aufgrund einer Verletzung nicht mehr arbeiten kann, beschließen Tuya und Bater sich scheiden zu lassen. Nun liegt es an Tuya einen neuen Ehemann zu finden. Die Suche gestaltet sich jedoch nicht einfach, weigern sich die Bewerber doch nicht nur für sie und ihre Kinder, sondern auch für ihren Exmann zu sorgen.
Neben der Vergabe des Goldenen Bären, fiel auch die Wahl der Silbernen Bären-Gewinner überraschend aus: Derjenige für die beste Regie ging an Joseph Cedar für den israelischen Film "Beaufort" über die letzte Militäreinheit Israels, die im Jahr 2000 vor dem Abzug aus dem Libanon im Süden des Landes stationiert war. Der Silberne Bär für die beste Schauspielerin ging nicht wie erwartet an Marianne Faithfull, sondern an die Deutsche Nina Hoss für „Yella“. Der argentinische Beitrag „Der Andere“
von Ariel Rotter konnte nicht nur die Auszeichnung für den besten Schauspieler (Julio Chavez), sondern auch den Großen Preis der Jury absahnen. Mit einem Silbernen Bären wurde das Schauspielerensemble von „The Good Shepard“ geehrt. Der britische Film "Hallam Foe" mit einem Soundtrack der Musiker von Franz Ferdinand wurde für die beste Filmmusik ausgezeichnet. Bester Erstlingsfilm wurde "Vanaja" des Inders Rajnesh Domalpalli.
Der nach dem ersten Direktor der Berlinale benannte Alfred-Bauer-Preis ging an Chan-wook Park und seinen Film " Ich bin ein Cyborg, aber das macht nichts". Der Regisseur dankte in seiner Rede seiner von seinem Beruf so gar nicht begeisterten Frau, die wie er hoffe, nach seiner Auszeichnung vielleicht sagen könne: „Mein Mann ist Regisseur, but that’ s okay!“
Die Berlinale ist vorbei: Zehn Tage exzessives Filme-Schauen liegen hinter uns. 373 Filme wurden gezeigt, mehr als 19.000 Akkreditierte aus 127 Ländern, darunter 4.000 Journalisten, sorgten für ein immenses mediales Echo. Zieht man aber aus künstlerischer Sicht Bilanz, so kann man sich nur wundern… Nicht nur über das Urteil der Jury, das Altmeister und
Regiegrößen völlig ignorierte, sondern vor allem über die Filmauswahl des Festivals. Auf der Berlinale tummelten sich in diesem Jahr Stars wie Sharon Stone, Matt Damon, Robert De Niro, Cate Blanchett und Jennifer Lopez, gleichzeitig aber waren die im Wettbewerb gezeigten Filme en gros deutlich schlechter als im vergangenen Jahr. Was beispielsweise ein Film wie „Bordertown“ auf einem A-Festival zu suchen hatte, weiß keiner. So publicityfokussiert in diesem Jahr selektierte wurde, so eindeutig fiel die Absage an „Schall und Rauch ohne Inhalt“ aus. Aber auch hochfavorisierte Filme der etablierten Filmemacher fehlten unter den Preisträgern. An einer Jury, die auch weniger bekannten Filmemachern eine Plattform bietet, ist an sich nichts auszusetzen, dass aber ganz besondere Filme wie „Irina Palm“ und Jiri Menzels „I served the King of England“ übergangen wurden, ist weniger nachvollziehbar. Doch gerade aufgrund der genannten Kritik, darf man gespannt sein wie sich das Festival im kommenden Jahr präsentieren wird.
Aglaia Rudnay (aglai_rudnay@filmnews.at)
Step III
„Die wichsende Witwe“, nennt sie sich selbst, ihre Kunden aber kennen sie nur unter dem Namen Irina Palm. Ihr Ruf ist legendär, keiner weiß besser männlichen Phantasien gerecht zu werden… Und doch, Maggie (Marianne Faithfull) ist alles andere als das, was man sich unter einem Sexsymbol vorstellt. Mit Mitte sechzig lebt sie nach dem Tod ihres Mannes allein in einem kleinbürgerlichen Londoner Vorort – Damentee- bzw. Klatschrunden inklusive. Das Leben hat für sie bisher wenig Erfüllung gebracht, ihre Ehe war mehr Pflicht als Kür. Trotzdem ist sie zufrieden, ist dankbar für die bedingungslose Liebe, die sie für ihren Enkelsohn Olly empfindet. Als dieser todkrank wird, bricht für sie eine Welt zusammen. Eine teure Behandlung in Australien wird notwendig, doch scheitern all ihre Versuche das nötige Geld aufzutreiben. In einem Moment äußerster Verzweiflung stößt die biedere, unausgebildete Hausfrau auf ein Jobgesuch der „Sexy World“. Nachtklubbesitzer Miki (Miki Manojlovic) fallen sogleich ihre Hände auf – wie gemacht zum Wichsen, meint er. Und so findet sich Maggie, die in ihrer naiven Art mit einem Job als „Hostess“ gerechnet hat, wenig später als „erotische Dienstleisterin“ wieder. Als letzte Möglichkeit Geld zu verdienen, überwindet sie schließlich ihre anfängliche Scheu und entwickelt sich schließlich sogar zu „Irina Palm“, einem Star des Milieus. Und auch in dem toughen Miki regt sich ein Gefühl, mit dem er nicht gerechnet hat…
Der Plot scheint absurd und beinahe unmöglich umsetzbar. Umso überraschender, dass „Irina Palm“ (nicht nur von mir) als heißester Anwärter auf einen Bären gehandelt wird. Regisseur Sam Garbarski schafft das Unmögliche: eine „politisch-unkorrekte Tragikkomödie“. Er inszeniert Maggies Schicksal mit soviel Witz, mit soviel Wärme, soviel Leichtigkeit, dass einem der Mund offen bleibt. Man erwartet eine Tragödie, ein realistisches im tristen Rotlichtmilieu angesiedeltes Gesellschaftsdrama, und irrt völlig. Selten wurde bei einer Pressevorstellung so gelacht, noch viel seltener derartig geklatscht. Ein Grund dafür ist sicherlich das Ensemble: Vom „Emir Kusturica – Intimus“ Miki Manojlovic, der den Miki auf eine so bezaubernde Weise verkörpert, über Dorka Gryllus, Kevin Bishop und Siobhán Hewlett, bis zu den biederen, älteren Damen aus Maggies Nachbarschaft, sie alle lassen die Lust am Spiel spürbar werden. Und last but not least: Marianne Faithfull. Sie verkörpert die Maggie, die ihren Enkelsohn so unendlich liebt, dass sie alles für ihn tun würde, während ihrer gesamten Transformation von der unsicheren Frau bis zur selbstbewussten „Irina Palm“ mit einer Unschuld und Reinheit, die Seltenheitswert hat. Es mag unrealistisch sein, dass sich „an einem Ort, an dem Menschen nach allem suchen nur nicht nach Liebe“, wie eine Kollegin so treffend formulierte, zwischen zwei Menschen aus so völlig verschiedenen Welten eine Liebesgeschichte entwickelt, unrealistisch dass Maggie überhaupt einen derartigen Job erhält, aber eigentlich tut das nichts zur Sache… Wer glaubt nicht gern an Märchen?
Während „Irina Palm“ überraschte, enttäuschte „The Walker“ von Jurypräsident Paul Schrader. In Anlehnung an seinen „American Gigolo“, erzählt er vom homosexuellen Carter Page III (Woody Harrelson), Begleiter betuchter Damen der Washingtoner Upperclass, der durch seine beste Freundin (Kristen Scott Thomas) in ein politisch motiviertes Mordkomplott gerät. Neben den berühmten Hauptdarstellern, können aber auch Nebendarsteller wie Grande Dame Lauren Bacall oder Moritz Bleibtreu, in seiner ersten englischsprachigen Rolle, nicht über den wirren und elendslangweiligen Plot hinwegtäuschen. Fazit: Gut, dass Schrader in der Jury sitzt und „The Walker“ daher nur außer Konkurrenz laufen darf.
Weniger ärgerlich und doch ebenfalls keine Offenbarung ist der Wettbewerbsbeitrag „When a man falls in the forest“. Der junge Drehbuchautor und Regisseur Ryan Eslinger erzählt die Geschichte von vier Antihelden, die auf sehr unterschiedliche Weise mit ihrem Schicksal hadern und mehr oder weniger aktiv versuchen ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Eine dieser Suchenden ist Karen Fields (Sharon Stone). Sie hat einen Punkt in ihrem Leben erreicht, an dem sie sich selbst nicht mehr spürt und das Gefühl hat, von ihrer Umwelt und im Besonderen von ihrem Mann (Timothy Hutton) nicht mehr wahrgenommen zu werden.
Leider, auch wenn Sharon Stone noch so sehr versucht aus der „Basic Instinct“ - Nische herauszukommen, mit diesem (amerikanischen) Independantmovie wird es ihr nicht gelingen. Zu wenig neu, zu unbedeutend ist „When a man falls in the forest“. Man hat alles schon einmal gesehen, nur besser.
Ebenfalls unter den Erwartungen und doch um Längen besser als die zuletzt genannten, blieb Christian Petzolds deutscher Wettbewerbsfilm „Yella“. Yella (Nina Hoss) verlässt ihren bankrotten Ehemann (Hinnerk Schönemann) und ihre ostdeutsche Heimat, um im Westen neu anzufangen. Dort trifft sie auf den korrupten Banker Philip (nach „Die Fälscher“ der zweite Wettbewerbsbeitrag mit dem wandlungsfähigen Devid Striesow), der sie zu seiner Assistentin macht. Schnell findet sie Gefallen am Geld, an der Macht. Als sich Philip und sie verlieben, scheint ihr „neues“ Leben perfekt. Doch die
Vergangenheit lässt sie nicht los, immer wieder glaubt sie zu träumen. Ist das, was ihr geschieht tatsächlich Wirklichkeit?
Nach „Die innere Sicherheit“ und „Gespenster“ liefert Petzold mit „Yella“ den dritten Teil einer Trilogie von Filmen, die Dämonen der Vergangenheit zum Thema haben. „Yella“ ist in gewisser Hinsicht Gruselgeschichte und dann wieder typisch deutsch, typisch „Berliner Schule“. Ein Ausdruck, den der Regisseur übrigens nicht gern hört, klingt er ihm doch zu sehr nach Klassenarbeiten und Nachsitzen. Auch gäbe es laut Petzold bisher kein Manifest, keine ausformulierten Dogmen ihrer „Vertreter“. „Yella“ ist kein Ost-Westfilm, erzählt Christian Petzold doch über ein Länderübergreifendes Phänomen: Die Flexibilisierung von Kapital und die damit verbundene Entwurzelung. „Yella“ ist kein uninteressanter Film, besonders der überraschende Schluss wird sich gewiss zu einem ähnlich hochstilisierten „Insidertipp“ entwickeln wie beispielsweise seinerzeit derjenige von „The Sixth Sense“, trotzdem bleibt das Gefühl, dass der Film vielleicht (auch) im Fernsehen gut aufgehoben gewesen wäre. Gibt es momentan doch einfach zu viele gute, bessere deutsche Filme in den Kinos.
Aglaia Rudnay (aglai_rudnay@filmnews.at)
STEP II
Staraufgebot am Roten Teppich. Weltstars geben sich die Klinke in die Hand. Doch wer kann überzeugen und wessen Name ist mehr Schall als Rauch? Robert De Niro jedenfalls (über)füllt mit seinem zweiten Regiewerk nach „In den Straßen der Bronx“ den Pressesaal des Hotel Hyatt am Potsdamer Platz. Matt Damon, der in „The Good Shepard“ die Rolle spielt, die ursprünglich von Leonardo Di Caprio – er musste wegen „Departed“ absagen - verkörpert werden sollte, trägt mit seiner Präsenz das Seine dazu bei, dass ich mich auf meinem Sitzplatz als äußerst privilegiert empfinde. Wäre Angelina Jolie, die im Wettbewerbsfilm Damons Ehefrau spielt, ebenfalls anwesend, nicht auszudenken…
Der Film beschreibt den Werdegang Edward Wilsons (Matt Damon) vom aufstrebenden Yaleabsolventen bis zum obersten Boss der CIA. Das beinahe dreistündige Epos zeigt einen Mann, dessen politische Paranoia während des Kalten Krieges keinen Platz für Kompromisse lässt. Frau und Sohn bleiben auf der Strecke. Regisseur De Niro, der das Projekt über neun Jahre verfolgte, aber augenscheinlich wenig Lust hatte sich „lästigen“ Pressefragen zu stellen, bezeichnete sich selbst als „Kind des Kalten Krieges“, wolle aber mit seinem Film kein politisches Statement abgeben wie er betont.
Ob „The Good Shepard“ den Rummel trotzdem wert ist, darüber scheiden sich die Geister. An den amerikanischen Kinokassen freilich flopte er. Genauso übrigens wie der Film mit dem zu Verwechslungen einladende Titel „The Good German“, der ebenfalls im Wettbewerb der Berlinale läuft. Wobei Erfolg an den Kinokassen, zumal an den amerikanischen, ja nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal sein muss …Eines jedenfalls steht fest: Hauptdarsteller George Clooney, der bereits im letzten Jahr mit „Syriana“ auf der Berlinale vertreten war, ist nicht unbedingt ein Sprachentalent. Wenn er in „The Good German“ Deutsch spricht, lachen zumindest die deutschsprachigen Journalisten - und das sind auf der Berlinale eine ganz Menge. Cate Blanchett hingegen, schafft es (beinahe) akzentfrei Deutsch zu sprechen. Dies wiederum ist angeblich ausschließlich ihrem deutschen Schauspielkollegen zu verdanken, der im Film nicht nur ihren Ehemann spielt, sondern im letzten Moment als Vocalcoach einspringen musste. Geht doch die Mär, dass das Filmteam zunächst einem Hochstapler zum Opfer fiel, der ohne Deutsch zu können als Spachtrainer engagiert wurde…
Die Geschichte von „The Good German“ ist schnell erzählt, weil keine Meisterleistung an Raffinesse: Ein amerikanischer Journalist (George Clooney) reist ins Nachkriegsberlin um von der Potsdamer Konferenz zu berichten. Als er seine frühere, mittlerweile verheiratete, deutsche Geliebte (Cate Blanchett) wieder sieht, gerät er in ein Mordkomplott.
Soderbergh beweist auch in seinem neuen, in Schwarz-Weiß gedrehten Film, einmal mehr, dass es ihm vor allem um den Spaß beim Filmemachen geht und inszeniert mit großem Aufwand einen Thriller im Stile der großen Hollywood-Studioproduktionen der 40er Jahre. Nicht von ungefähr kommt es, dass die Dreierkonstellation der Liebesgeschichte, sowie im Speziellen die Schlusssequenz am Rollfeld, an Michael Curtiz’ „Casablanca“ erinnert. Besonders Cate Blanchett kann dem Vergleich mit der großen Ingrid Bergmann aber ganz eindeutig standhalten, auch wenn ihr, wie sie gesteht, der Anspruch Soderberghs, den reduzierten damals üblichen Schauspielstil nachzuahmen, nicht leicht fiel. Dass es ihr gelingt, beweist die verblüffende Ähnlichkeit mit Hildegard Knef im großen deutschen Nachkriegsfilm „Die Mörder sind unter uns“. Nicht klassisch schön, nicht naiv, sondern vom Krieg gezeichnet. Unter dem Strich ist „The Good German“ also insbesondere ein ästhetisch interessanter Film. Sieht man über den etwas holprigen Plot und die nur oberflächlich gestreifte Frage des problematischen Umgangs mit Schuld hinweg, so macht dem Kinoliebhaber der spielerische Umgang Soderberghs mit filmischen Traditionen garantiert Spaß.
Ein weiterer, wenn auch völlig andersartiger Film, der sich mit dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzt, ist der deutsch-österreichische Beitrag „Die Fälscher“ von „Anatomie“-Regisseur Stefan Ruzowitzky. Dieser beschreibt die auf den Erzählungen des KZ-Überlebenden Adolf Burger basierende Geschichte der größten Geldfälscheraktion aller Zeiten. Unter dem Kodewort „Unternehmen Bernhard“ ließen die Nazis Millionen britischer Pfund fälschen, um so die Wirtschaft der Kriegsgegner zu schwächen. Tragisch sind aber vor allem die Umstände des Herstellungsprozesses. Werden die Scheine doch von Insassen des KZ Sachsenhausen gedruckt. Sie führen ein privilegiertes Leben mit „richtigen“ Betten, genügend Essen und einem Ping-Pong Tisch für die „Freizeitgestaltung“. Während hinter den Holzmauern das Morden anhält, leben sie in einer abgeschlossenen, surrealen Welt. Der Geldfälscher Salomon Sorowitsch (Karl Markovics) ist ein Meister seines Faches, längst hat er seine Ideale über Bord geworfen und versucht sich das Leben trotz der wideren Umstände so angenehm als möglich zu machen. Als er aber mit dem von August Diehl verkörperten, ebenfalls inhaftierten Adolf Burger konfrontiert wird, muss er sich seinen verdrängten Idealen stellen. Burger, der das Naziregime nicht länger unterstützen und sabotieren will, konfrontiert ihn mit der Perversität seiner Tätigkeit. Sie seien „Tote auf Urlaub“ sagt er.
Ruzowitzky gelingt mit „Die Fälscher“ ein Film, der auf mehreren Ebenen einen neuen, beinahe phantastisch anmutenden Aspekt der (angeblich) hinlänglich bekannten jüngeren Geschichte beleuchtet. Er habe sich gefreut, sagt er, gerade als Österreicher, zu einem Thema Stellung nehmen zu können, dass im Zusammenhang mit seiner Heimat immer wieder mit Menschen in Verbindung gebracht wird, die „auf unappetitliche Weise“ eine Nähe zum Nationalsozialismus an den Tag legen. Sein Film schafft es all seinen durch und durch ambivalenten, vielschichtigen Charakteren Recht zu geben und macht deutlich, dass es unterschiedlichste (richtige?) Wege geben kann mit einer solch unmenschlichen Situation umzugehen.
Themenwechsel: Sommer 2006, Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Ganze Nationen sind im gemeinsamen Rausch vereint. Kinder sammeln Sticker für ihre Sammelhefte, schwärmen für ihre Idole und wünschen sich nur Eines: den Sieg der Nationalmannschaft. Das war 1970 nicht anders, wie der brasilianische Wettbewerbsbeitrag „Das Jahr als meine Eltern im Urlaub waren“ („O ano em que meus pais sairam de férias“) zeigt. Der zwölfjährige, fußballbegeisterte Mauro fiebert dem Beginn der Weltmeisterschaft entgegen. Als seine Eltern überstürzt „verreisen“ müssen, lassen sie ihn mit dem Versprechen
zurück, zum sportlichen Höhepunkt des Jahres wieder zurück zu sein. Mauro bleibt vor dem Haus seines Großvaters zurück, ohne zu wissen, dass dieser unmittelbar zuvor verstorben ist. Dem alten, allein stehenden, jüdischen Nachbarn, der schnell begreift, dass Mauros Eltern vor der Militärjunta untergetaucht sind, bleibt nichts anderes übrig, als sich des kleinen Findelkindes anzunehmen. Das fällt zunächst beiden nicht leicht, doch Mauro lernt nach und nach sich in der neuen, fremden Umgebung zurechtzufinden. Regisseur Cao Hamburger thematisiert in seinem Coming-of-Age-Drama ein (dunkles) Kapitel brasilianischer Geschichte. Er erzählt von der brasilianischen Militärjunta, die Fußball als „Opium fürs Volk“ missbrauchte, anhand eines persönlichen Schicksals, aus den Augen eines kleinen Buben. Ohne die bedrückenden politischen Umstände, die Gewalt und Unterdrückung mit sich brachten, auszusparen, konzentriert er sich auf zwischenmenschliche Beziehungen und zeigt trotz der politisch misslichen Lage ein Land, das bis heute kaum Rassismus kennt und die verschiedensten Religionen, Völkergruppen, aber auch Generationen in friedlicher Koexistenz vereint. Hamburger, der selbst aus einer Mischehe stammt, gibt mit seinem Werk ein Beispiel dessen, wie es möglich wäre miteinander zu kommunizieren. Ein optimistischer Ansatz, der in Zeiten wie diesen besonders bedeutsam ist.
Aglaia Rudnay (aglai_rudnay@filmnews.at)
STEP I
Ein Jahr ist es bereits her, dass die österreichisch-bosnische Koproduktion „Grbavica“ überraschend den Goldenen Bären abräumte, Hans-Christian Schmidts Exorzismusdrama „Requiem“ berührte, Jürgen Vogels realistische Darstellung des Vergewaltigers Theo schockierte, und „Syriana“ - Star George Clooney uns Journalistinnen weiche Knie bescherte. Ein Jahr ist vergangen und doch scheint es, als sei alles beim Alten geblieben: Pünktlich zur Eröffnung der 57. Berliner Filmfestspiele setzt leichtes Schneetreiben ein – eine gute alte Tradition hier an der Spree. Was wäre eine Berlinale auch ohne schlechtes Wetter?
So huschten sie also alle vorbei: die Schönen, die Erfolgreichen, die Legenden und die Sternchen. Will man doch auf keinen Fall zu spät zur großen Gala kommen. Obwohl, eine Drehung geht sich immer noch aus… man will die frierenden Fotografen ja nicht enttäuschen. Und anders als in vergangenen Jahren, in denen nicht einmal Festivalpräsident Dieter Kosslick und sein unbestrittenes Showtalent den schleppenden Charakter der Eröffnungszeremonie verhindern konnten, gelang das dieses Jahr doch jemandem: und zwar Moderatorin Charlotte Roche.
Frech, witzig und schlagfertig moderierte sie die Pflicht der laaaangen Reden so geschwind als möglich über die Bühne und brachte damit auch noch so seriöse Politiker zumindest zum Lächeln. Fehlten uns Journalisten auch die entsprechenden Designerkleider, eines hatten wir den geladenen Gästen doch voraus. Und zwar den Eröffnungsfilm - der nämlich war bereits vor der offiziellen Weltpremiere in Anschluss an die Eröffnung bereits zu Mittag bei einem Pressescreening gezeigt worden. Der mit Spannung erwartete Film „La Vie en Rose“ („La môme“) erzählt die Lebensgeschichte der französischen Chanson-Legende Edith Piaf („Je ne regrette rien“). Regisseur Olivier Dahan (Die purpurnen Flüsse 2) zeichnet darin das intime Porträt einer tyrannischen, egoistischen und exzentrischen Künstlerin, deren größte Angst darin besteht, allein zu sein.
Marion Cotillard, bekannt als Schönheit in Filmen wie „Liebe mich, wenn du mich traust“, ist in der Rolle der französischen Ikone beinahe nicht wieder zu erkennen. Besonders die Szenen, die den „Spatz von Paris“, wie die Piaf genannt wurde, mit 47(!) Jahren, am Ende ihres Lebens, gezeichnet von schwerer Krankheit und Alkohol, zeigen, stellen eine schauspielerische Höchstleistung dar. Dahan, der auch das Drehbuch schrieb, entschied sich extra gegen eine klassische Künstlerbiographie. Wie er in der Pressekonferenz erklärte, sei „La Môme“ ein sehr persönlicher Film, er wollte ganz bewusst nur die Menschen in seinen Film einfließen lassen, die Piaf ihr Leben lang begleitet haben. Dabei verzichtete er zugunsten langer Episoden aus Piafs unglücklicher Kindheit – Edith wird von der Mutter verlassen, wächst im Bordell der Großmutter auf, erblindet kurzzeitig und kommt schließlich zu ihrem alkoholkranken Vater - auf die Darstellung prominente Wegbegleiter wie Charlie Chaplin, Charles Aznavour oder Jean Cocteau. Obwohl Dahan also ganz bewusst selektierte, wirkt Piafs Leben aber immer noch so, als hätte es kein Hollywoodregisseur besser erfinden können. Neben dem hochdramatischen Stoff, standen französische Schauspielgrößen wie Gérard Depardieu, Sylvie Testud und Emanuelle Seigner mit Marion Cotillard vor der Kamera. Beste Bedingungen also für einen Kassenerfolg, was für einen Berlinaleeröffnungsfilm nicht untypisch ist, wissen wir doch aus den vergangenen Jahren, dass die Berlinale-Verantwortlichen gerne mit „etwas Glattem“ starten. Was an „La Vie en Rose“ aber überrascht, ist, dass der Film trotz dem „Feuerwerk an Dramen“ kaum berührt. Schielt er doch zu berechnend auf die (französischen) Filmkassen. Dort wird er auch garantiert reüssieren, ein Anwärter auf den Goldenen Bären ist er hingegen nicht.
Wer dieses Jahr die begehrten Goldenen und Silbernen Tierchen nach Hause nehmen darf, bleibt abzuwarten. Österreichische sowie Deutsche Filme sind jedoch weniger stark präsent als im letzten Jahr. Frankreich hingegen, stellt nicht nur den Eröffnungs- und den Abschlussfilm (Francois Ozons „Angel“), sondern ist ganz allgemein mit den meisten Filmen präsent. Unabhängig vom Ursprungsland, bestätigen die vertretenen Filme aber auch in diesem Jahr Berlins Ruf eines auffallend politischen Festivals. Der Großteil der Filme spiegelt Konflikte unserer Zeit, seien sie gesamtgesellschaftlicher oder innerfamiliärer Natur, wider und zeichnet sich durch eindeutige Stellungnahmen der Filmschaffenden aus. Indifferente Aussagen finden auf der diesjährigen Berlinale nicht statt. Politik ist Programm.
Man darf gespannt sein wie sich die Jury unter Drehbuchautor („Taxi Driver“) und Regisseur Paul Schrader am Ende entscheiden wird. Neben der dänischen Cutterin Molly Malene Stensgaard, der Produzentin Nansun Shi aus Hong Kong, dem deutschen Schauspieler Mario Adorf, der palästinensischen Schauspielerin und Regisseurin Hiam Abbass und dem mexikanischen Schauspieler Gael Garcia Bernal sitzt außerdem Schraders langjähriger Wegbegleiter, der Schauspieler Willem Dafoe, in der Internationalen Jury. Da erstaunt es wenig, wenn sich der Jurypräsident auf eine harmonische Diskussion einstellt: „Ich erwarte keine großen Dramen“, sagt dieser in der Pressekonferenz. Und er muss es ja wissen, immerhin saß er 1987 unter dem Jurypräsidenten Klaus Maria Brandauer schon einmal in einer Berlinalejury. Damals gerieten sich die Mitglieder derartig in die Haare, dass Schrader anschließend ein Theaterstück darüber verfasste…
Aglaia Rudnay (aglai_rudnay@filmnews.at)