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Berlinale 2006

BERLINALE – STEP V

Die Preisverleihung am Samstag endete mit einem sensationellen Erfolg für den heimischen Film. Der Goldene Bär ging völlig überraschend an die kleine österreichisch-bosnische Koproduktion „Grbavica“ der (bosnischen) Regisseurin Jasmila Zbanic. Die Wiener Produktionsfirma COOP 99 rund um Barbara Albert (die auch am Drehbuch mitwirkte), Jessica Hausner, Martin Gschlacht und Antonin Svoboda bewies mit dem Film, der die Massenvergewaltigungen während des Balkankrieges zum Thema hat, wieder einmal ein goldenes Näschen für erfolgreiche Festivalfilme.
Die Regisseurin selbst, nützte ihre Auszeichnung für einen eindringlichen Appell und erinnerte daran, dass Kriegsverbrecher wie Ratko Mladic und Radovan Karadzic, die für die organisierte Vergewaltigung von 20.000 Frauen verantwortlich seien, noch immer auf freiem Fuß sind: „Auch das ist Europa, und niemand ist daran interessiert sie zu verhaften.“

Die Berlinale bestätigte auch 2006 ihren Ruf als weltoffenes, politisches Festival: Der Große Preis der Jury ging ex aequo an den iranischen Beitrag „Offside“ (Regie: Jafar Panahi), der von einem Mädchen erzählt, das sich als Junge verkleidet in ein Fußballstadion einschleichen will, weil ihr als Frau der Zutritt verboten ist. Sowie an den dänischen Film „En soap“ („Eine Soap“), der sich mit dem Thema Transsexualität auseinandersetzt. Regisseurin Pernille Fischer Christensen, die außerdem mit dem Preis für den besten Erstlingsfilm ausgezeichnet wurde, rang mit Tränen und Sprachlosigkeit um ihre Selbstbeherrschung.

Weitere Silberne Bären gingen wie erwartet an Michael Winterbottom und Mat Whitecross für ihre Regie in „The Road to Guantánamo“, an Jürgen Vogel für seine künstlerische Leistung als Hauptdarsteller, Co-Produzent und Co-Autor des umstrittenen deutschen Beitrags „Der freie Wille“, an Moritz Bleibtreu („Elementarteilchen“), der als bester männlicher Schauspieler geehrt wurde, sowie an Sandra Hüller für ihre Darstellung in „Requiem“.

Hans-Christian Schmids „Requiem“ spielt Anfang der 70er Jahre in der südwestdeutschen Provinz. Die aus einem streng-katholischen Elternhaus stammende Epileptikerin Michaela verlässt ihre Familie um in Tübingen Pädagogik zu studieren. Während sie ihre Freiheit zunächst genießt, wird sie bald von (religiösen) Wahnvorstellungen und Anfällen heimgesucht. In äußerster Not wendet sie sich an einen Priester. Doch dieser will genauso wie Michaelas liebende, aber völlig überforderte Eltern nicht sehen, dass das Mädchen psychisch krank ist. Eine grausame Serie von Exorzismen beginnt…

Schmids neuer Film beruht auf den Erlebnissen von Anneliese Michel, deren Schicksal im letzten Jahr auch Anlass für den Film „Der Exorzismus der Emily Rose“ war. Während die Mainstream-Verfilmung das Gewicht auf die Teufelsaustreibungen und dementsprechende Spezialeffekte legte, ist „Requiem“ kein Film über Exorzismus, sondern über eine schwierige Familienkonstellation und die damit verbundene (gescheiterte) Abnabelung der Tochter. Der Film behandelt Phänomene wie Epilepsie, Psychose oder Exorzismus. Das meines Erachtens stärkste Thema ist aber der Katholizismus. Schmid, der vor 15 Jahren aus der Kirche ausgetreten ist, erzählt von den Gefahren des Fundamentalismus: Anstatt Michaelas psychische Krankheit anzuerkennen, glaubt ihr religiöses Umfeld in ihr eine Auserwählte und Märtyrerin zu sehen. Trotzdem ist Hans-Christian Schmids „Requiem“ kein Abgesang auf die katholische Kirche, zeigt er doch ebenso die Kraft, die vom Glauben ausgehen kann. In einer der für mich stärksten Szenen kommt Michaela zu spät zu ihrer ersten Vorlesung. Der Professor fragt, ob sie an die Vorbildwirkung der Pädagogik glaube. Sie weiß darauf nichts zu erwidern. Daraufhin fragt er sie WORAN sie denn glaube. Sie antwortet: „An Gott!“… Als im Saal Gelächter losbricht, fragt er die übrigen Studenten, woran SIE denn glauben. Auf die darauf folgende Stille meint er, genau DAS sei das Problem (…)

Hans-Christian Schmid, der sich bereits für so bemerkenswerte Filme wie „Lichter“, „Crazy“, „23“ oder „Nach fünf im Urwald“ verantwortlich zeigte, schuf einen eindrucksvollen Film, der vor allem, wie der Regisseur bei der Pressekonferenz betont, ein Plädoyer dafür sei, sich von der Familie zu lösen.

Mit der Empfehlung sich „Requiem“ auf keinen Fall entgehen zu lassen, verabschiede ich mich von einer aufregenden, abwechslungsreichen Berlinale 2006!

CapoteBERLINALE – STEP IV

Der achte Berlinale-Tag endete mit einem „Durchatmen“. Nach einem Wettbewerb, indem beinahe ausschließlich ernste (sozial)politische Themen gezeigt wurden, bildete Roberto Benignis neuester Streich, der im Wettbewerb außer Konkurrenz lief, die „wohlige“ Ausnahme. Nach der Thematisierung des Holocaust in „Das Leben ist schön“, setzt sich Benigni nun in „Der Tiger und der Schnee“ mit dem Irakkrieg auseinander. In dem betont naiven, humorvollen Film spielt der Regisseur einen Mann, der der Frau, die er verehrt (wieder einmal besetzt mit „Frau Benigni“ Nicoletta Braschi) nach Bagdad folgt.

„Der Tiger und der Schnee“ ist sicher nicht der größte Film des Italieners. Das Drehbuch weist phasenweise auffallende Schwächen auf und auch Roberto Benignis Clownerie geht einem nach einiger Zeit ziemlich auf die Nerven. Trotzdem muss dem Film Eines zugute gehalten werden: in einer Phase der Kinogeschichte, in der der europäische Film vorrangig von Sozialtristesse und Härte geprägt wird, spiegelt „Der Tiger und der Schnee“ Hoffnung, Lebensfreude und Wärme wieder. Benigni ist ein Träumer und ein unverbesserlicher Romantiker – (auch) solche Männer braucht der Film!

SehnsuchtIn wenigen Stunden geht die Preisverleihung der 56. Berliner Filmfestspiele über die Bühne. Erstmals werden in diesem Jahr die Gewinner nicht bereits vorher in einer Pressekonferenz bekannt gegeben. Hochspannung unter den Beteiligten ist also garantiert.
In diesem Jahr gehen die Meinungen über die potentiellen Gewinner weit auseinander. Betrachtet man internationale Pressespiegel, so fällt auf, dass über kaum einen der Wettbewerbsfilme eine einhellige Ansicht besteht. Der „Schiedsspruch“ der sehr heterogen zusammengesetzten Jury ist schwer vorherzusagen.

Bei der Auszeichnung mit dem Goldenen Bären geht es in diesem Jahr besonders darum, wie politisch motiviert die Entscheidung ausfallen wird. Michael Winterbottoms „Road to Guantánamo“ ist in diesem Falle der wahrscheinlichste Gewinner. Ebenfalls heiß gehandelt wird Robert Altmanns „A Prairie Home Companion“, als Komödie eine Ausnahme im Festival. Meiner Meinung nach hätten aber Valeska Grisebachs „Sehnsucht“ oder Hans Christian Schmidts „Requiem“ (ein Nachtrag zu diesem letzten deutschen Wettbewerbsbeitrag folgt) den Bären verdient.

RequiemDa Sandra Hüller aber aller Wahrscheinlichkeit nach den Silbernen Bären für ihre Leistung in „Requiem“ erhalten wird, ist eine weitere Auszeichnung für Hans Christian Schmidts Film eher unwahrscheinlich. Verdient hätte den Silbernen Bären aber auch Abbie Cornishs Präsenz in „Candy“.

Bei den Männern ist Jürgen Vogels distanzlose Darstellung eines Vergewaltigers („Der freie Wille“) mein Favorit. Vor allem da „Capote“, Bennett Millers Film über den Schriftsteller Truman Capote („Breakfast at Tiffanys) im Wettbewerb außer Konkurrenz gezeigt wurde und so Philip Seymour Hoffmanns Oscarnominierte Performance bei der Preisverleihung nicht zum Tragen kommt.

Der rote Teppich ist ausgerollt, die Bären stehen bereit. In einer Stunde wissen wir mehr…

TollkirscheBERLINALE - STEP III

Es ist 11.30h, ich habe noch nichts gegessen und schon drei Vergewaltigungen hinter mir… Natürlich nur auf der Leinwand, aber auch das geht an die Nieren.
Theo, gespielt von Jürgen Vogel („Nackt“), hat mehrere Frauen vergewaltigt. Nach 12 Jahren Maßregelvollzug soll er ein neues Leben beginnen. Er zieht in eine betreute WG und findet einen Job in einer Druckerei. Doch die Dämonen der Vergangenheit lassen sich nicht so leicht abschütteln. Theos Verhältnis zu Frauen bleibt weiterhin gestört. Als er sich in Netti (Sabine Timoteo, „Gespenster“), die Tochter seines Chefs, verliebt, scheint sich sein Leben doch noch zum Guten zu wenden. Aber die Idylle ist nicht von Dauer…

Im deutschen Wettbewerbsbeitrag „Der freie Wille“ wird dem Zuschauer nichts erspart. Regisseur Matthias Glasner bleibt mit seiner Kamera ganz dicht am Geschehen, will den Akteuren so nahe wie möglich kommen. Trotzdem ist Glasners eigener Ekel immer wieder deutlich spürbar, was besonders in der Eröffnungssequenz zum Tragen kommt. Sie zeigt uns eine der Vergewaltigungen, die die Hauptfigur hinter Gitter gebracht hat. Schonungslos wird uns die Grausamkeit der Tat vor Augen geführt: Theo rastet bei der Arbeit aus, überfällt die erstbeste Frau, schlägt sie auf brutalste Weise zusammen, onaniert und vergewaltigt sie schließlich. Glasner schafft dabei eine furchtbar körperliche, spürbare Nähe und Intimität. Während mir aber bei dieser ersten Szene die Sinnhaftigkeit der brutal-realistischen Darstellung einleuchtet (soll man doch die Vergewaltigung noch vor Augen haben, wenn uns später der „nette“, „therapierte“ Theo gegenübertritt), hätten im weiteren Verlauf auch Andeutungen ausgereicht. Glasner entschloss sich aber gemeinsam mit seinem Hauptdarsteller das Kameraauge weiter „draufzuhalten“. Das ist konsequent, aber unerträglich.

Candy„Der freie Wille“ verfolgt einen durchaus spannenden Ansatz. Er zeigt den Menschen hinter der Tat, richtet den Fokus nicht wie sooft auf das Opfer, sondern auf den Täter. Ob man sich aber überhaupt in dessen Psyche hineinversetzen will, ist eine Frage, die nach dem Presse-Screening von den anwesenden Journalisten heftig diskutiert wurde.

Die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic verarbeitet in „Grbavica“ die Massenvergewaltigungen zur Zeit des Jugoslawienkrieges. Anhand eines individuellen Schicksals erzählt sie im zweiten österreichischen Festivalbeitrag (nach „Slumming“) von der zwölfjährigen Sara, die an einem Schulausflug teilnehmen möchte. Da dieser für Kinder von Kriegshelden umsonst ist, bittet sie ihre Mutter um das entsprechende Dokument. Diese zögert jedoch…
„Grbavica“ ist ein kleiner, stiller Film, in dessen Zentrum das Mutter-Tochter Verhältnis steht. Der historische, gesellschaftspolitische Aspekt bildet hier nur den Hintergrund. Zbanic hat mit ihrem Spielfilmdebüt wenn auch keinen großen, so doch einen sehr sympathischen, liebenswerten Film gedreht.

Ein Regiedebüt ganz anderer Art ist Franka Potentes „Der die Tollkirsche ausgräbt“ (by the way der wohl beste Titel des Festivals!). Der 40-minütige Film des „Lola rennt“-Stars ist stilistisch eine Hommage an die Kunst der Stummfilmzeit. Die Geschichte ist simpel: 1918 verschlägt es einen Punk in eine Adelsfamilie, wo er mit seinem Erscheinen für allerlei Unruhe sorgt. So einfach die Story, so originell und kreativ die Umsetzung. Ein Film, der Spaß macht und die Liebe zum Kino und seinen unterschiedlichen Formen spürbar macht. Bleibt nur zu hoffen, dass er seinen Weg auch nach Österreich finden wird.

Vom Regiedebüt zum Altmeister: Claude Chabrol greift in seinem neuesten Film „L’ivresse du pouvoir“ eine der größten Staatsaffären in Frankreichs jüngerer Geschichte auf. 1996 wurde der ehemalige Präsident des staatlichen Erdöl- und Raffineriekonzerns „Elf Aquitaine“ Loik Le Floch-Prigent wegen Korruption und Machtmissbrauch verhaftet.
Isabelle Huppert, die zum wiederholten Male mit Chabrol drehte, spielt die Untersuchungsrichterin Jeanne Charmant-Killman (bitte den Namen auf der Zunge zergehen lassen!), die im besagten Fall ermittelt.
Chabrol interessierte in der Auseinandersetzung mit dem Thema vor allem eines, nämlich die Frage, was mit den Menschen in dem Moment passiert, indem ihnen Macht zugestanden wird. In diesem Zusammenhang ist Chabrols Übersetzung von Livresse„L’ivresse du pouvoir“ als „Trunkenheit der Macht“ auch deutlich spannender als der offizielle deutsche Verleihtitel „Geheime Staatsaffären“. Das ist leider aber auch das einzig Spannende an diesem eher schwachen Chabrol. Isabelle Huppert trägt den gesamten Film. Eine derartige One-Woman-Show hat man selten gesehen. Sie degradiert mit ihrem für sie ungewohnt komischen Spiel (in Ansätzen eventuell bereits in „8 Frauen“ vorhanden) ihre Kollegen zu Stichwortgebern.

Über auffallend starke Präsenz verfügt auch die Hauptdarstellerin von „Candy“: Abbie Cornish. Sowohl auf der Leinwand, als auch in der anschließenden Pressekonferenz bezauberte sie mit einer Mischung aus Charlize Theron und Naomi Watts. Im australischen Wettbewerbsbeitrag spielt sie gemeinsam mit „Brokeback-Mountain-Cowboy“ Heath Ledger ein Liebespaar, das seine Leidenschaft mit Drogen zu intensivieren versucht bis es sich in der Abhängigkeit verliert…
Neil Armfields Film lebt vor allem vom hochkarätigen Ensemble: neben Cornish und Ledger glänzt Oscarpreisträger Geoffrey Rush („Shine“) in einer Nebenrolle.
Die Schauspieler sind einerseits das große Plus des Films, andererseits in Bezug auf die Glaubwürdigkeit auch das große Minus: Die Hauptdarsteller sind sogar noch während des kalten Entzugs so schön, dass man den Eindruck gewinnt sich in einem 90er-Jahre Calvin Klein-Spot zu befinden anstatt in einem Drogendrama.

Abschließend zu einem weiteren deutschen Wettbewerbsbeitrag: „Sehnsucht“ der jungen Regisseurin Valeska Grisebach, die bereits mit „Mein Stern“, ihrem Abschlussfilm an der Wiener Filmakademie, große Erfolge feiern konnte. Mit umso größerer Spannung wurde ihr neues Werk erwartet, indem Grisebach im dokumentarischen Stil von einem jungen Ehepaar erzählt, das seit seiner Kindheit unzertrennlich ist. Als der Mann eine Affäre beginnt, gerät das Gleichgewicht ins wanken.
Die Geschichte, die in einem Dorf in Brandenburg, ausschließlich mit Laiendarstellern gedreht wurde, ist eine alltägliche, wenig spektakuläre. Das muss man mögen. Sucht man im Kino das Außergewöhnliche, Neue ist man bei „Sehnsucht“ völlig falsch. Mir hat aber gerade das Lebensnahe, das Kleine, Simple des Geschehens gefallen. Doch gerade an dieser Frage scheiden sich die Geister: Während vor allem ausländische Journalisten in „Sehnsucht“ einen Mitfavoriten für den Golden Bären sehen, fragen sich einige deutsche Kritiker was ein solcher „Amateurfilm“ im Wettbewerb zu suchen habe. Man darf also gespannt sein…

Im nächsten Bericht gibt es einen Nachtrag zu Roberto Benignis („Das Leben ist schön“) neuem Film „La Tigre la Neve“, sowie einen Rückblick auf den heutigen letzten regulären Festivaltag.

Rod to BERLINALE – STEP II

In ihrer „Antrittsrede“ bei der Berlinale - Eröffnung begründete die britische Schauspielerin Charlotte Rampling (zuletzt zu sehen in Francois Ozons Neuverfilmung von „Swimmingpool“) den Reiz als Jurypräsidentin zu fungieren mit dem besonderen politischen und sozialen Fokus, der dem Berliner Filmfestival traditionellerweise zugeschrieben wird. Die Berlinale sei für sie ein Festival, das die Macht habe Sichtweisen zu verändern.

Wie, um nur ein Beispiel zu nennen, die mediale Debatte um Fatih Akins mit dem Goldenen Bären ausgezeichnetem Drama „Gegen die Wand“ gezeigt hat, können die Festspiele tatsächlich Auslöser politischer Debatten sein. Zwei Filme, die politisch brisante Themen ins Zentrum ihres Interesses stellen, sind Stephan Gaghans „Syriana“ und „The Road to Guantánamo“ von Michael Winterbottom.

Regisseur Stephan Gaghan, der als Drehbuchautor von „Traffic“ bereits einen Oscar abräumen konnte, blickt in seinem komplexen Episodenfilm „Syriana“ hinter die Kulissen des globalen Ölgeschäfts und beschreibt in diesem Zusammenhang die Verflechtungen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Hauptdarsteller George Clooney beweist nach „Good Night, and Good Luck“ Kontinuität in seiner Rollenwahl: Berichtete er in seinem Regiedebüt vom Druck, den die amerikanische Regierung in der McCarthy Ära auf die Presse ausübte, gibt er in „Syriana“ einen alternden CIA-Agenten, der im Mittleren Osten zwischen die Fronten gerät. Die Motivation sich nunmehr verstärkt politischen Themen zuzuwenden, erklärt Clooney mit dem Einfluss seines im Journalismus tätigen Vaters.

GbravicaAbgesehen von einigen wenigen filmspezifischen Fragen, erfüllte die brechendvolle Pressekonferenz zu „Syriana“ alle Klischees, die man sich von einer Veranstaltung mit George Clooney erwarten durfte. Obwohl der hochspannende Film eine durchaus tiefgehende Auseinandersetzung hätte anregen können, wurden primär Fragen wie „Unsere Leserinnen würde interessieren wie sie nach dem Dreh wieder so schnell abgenommen haben!?“ oder „Mr. Clooney, darf ich ihnen Berlin zeigen?“ gestellt (…)

Michael Winterbottom, der vor drei Jahren bei der Berlinale für das Flüchtlingsdrama „In this world“ ausgezeichnet wurde, schildert in seinem Dokudrama „Road to Guantánamo“ das Schicksal von drei britischen Muslimen, die nach einer Verwechslung in Afghanistan festgenommen und als vermeintliche Taliban ohne Anklage und Rechtsbeistand auf Kuba festgehalten wurden. Der Film, der authentische Berichte und fiktive Handlungselemente nach einer wahren Begebenheit („Tipton Three“) verknüpft, stieß bei der Presse auf besonders großes Interesse. Sowohl der mächtige Berlinale-Palast, als auch die Pressekonferenz waren bis auf den letzten Platz besetzt.

Der freie WilleObgleich sowohl „Syriana“ als auch „Road to Guantánamo“ einen äußerst US-kritischen Ton anschlagen, empfinden die jeweiligen Akteure ihr Werk nicht als anti-amerikanisch, sondern als mehr oder weniger objektive Schilderung der Ereignisse. Für Michael Winterbottom war der Anspruch an den Film „zu erinnern“, daran zu erinnern, dass heute in Guantánamo immer noch 500 Inhaftierte festgehalten werden.

Welcher dieser beiden politischen Arbeiten man den Vorzug gibt- Gaghans globaler oder Michael Winterbottoms an individuellen Schicksalen orientierter-, ist schwer zu sagen. Der Jury wird diese Entscheidung freilich abgenommen: „Syriana“ läuft in Berlin außer Konkurrenz.

Soweit die Updates von den Berliner Filmfestspielen 2006. Im nächsten Bericht werden unter anderem die Wettbewerbsbeiträge „Grbavica“ (Ö) und „Der freie Wille“ (D) thematisiert, die sich auf sehr unterschiedliche Weise mit dem (Tabu)Thema Vergewaltigung auseinandersetzen.

Berlinale Logo BERLINALE – STEP I

Die 56. Filmfestspiele von Berlin sind eröffnet. 396 Filme aus 56 Ländern werden in den nächsten Tagen von 18.000 Akkreditierten und unzähligen regulären Besuchern gestürmt werden.
In seinem fünften Jahr als Intendant der Festspiele hat der chronisch gutgelaunte (im positivsten Sinne!) Intendant Dieter Kosslick dem Deutschen Film den bisher stärksten Fokus gewidmet: Oskar Roehlers („Der alte Affe Angst“) starbesetzte Verfilmung von Houellebecqs „Elementarteilchen“ konkurriert im Wettbewerb mit Valeska Griesebachs ausschließlich mit Laien gedrehtem Liebesfilm „Sehnsucht“, mit dem Vergewaltigerdrama „Der freie Wille“ (Matthias Glasner) und „Requiem“, dem mit Spannung erwarteten neuen Film von Hans-Christian Schmidt („Lichter“).
Syriana

Doch nicht nur im offiziellen Wettbewerb ist der Deutsche Film stark vertreten, ihm wird außerdem eine eigene Festivalsparte gewidmet. In der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ zeigt unter anderem Franka Potente ihr Regiedebüt „Der die Tollkirsche ausgräbt“. Folgerichtig wimmelte es bei der feierlichen Eröffnung auf dem roten Teppich von Größen des Deutschen Kinos. Internationales Flair brachten die Hauptdarsteller des Eröffnungsfilms  Sigourney Weaver und Alan Rickman nach Berlin. Nachdem Kosslick sich im letzten Jahr harsche Kritik gefallen lassen musste der Eröffnungsfilm „Man to Man“ sei zu kommerziell und schwach gewesen, landete er in diesem Jahr mit dem berührenden „Snow Cake“ einen Volltreffer.
Weaver verkörpert auf außergewöhnliche Weise eine Autistin, die erfährt, dass ihre einzige Tochter bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Rickman, mit dem die Tochter mitgefahren ist, sucht sie getrieben von Schuldgefühlen auf. Zwischen den zwei völlig unterschiedlichen Charakteren entwickelt sich nach und nach eine sehr besondere Beziehung.
Snow Cake

„Snow Cake“ ist kein Film über Autismus, sondern über die Absurdität des Lebens, über tiefe Schuld und Vergebung. Auch wenn Sigourney Weaver die sicher außerordentlichste Rolle des Films verkörpert, so steht ihr das übrige Ensemble in nichts nach. Jeder einzelne (Alan Rickman, Carrie-Ann Moss, Emily Hampshire) füllt seine Rolle mit soviel Leben, soviel Prägnanz, dass keiner hinter dem anderen zurücksteht und doch jedem Charakter die Möglichkeit der größtmöglichen Entfaltung gegeben wird. Diese Fülle von realen, sehr menschlichen Figuren ist das Verdienst der Drehbuchautorin Angela Pell, deren Script auf der täglichen Auseinandersetzung mit ihrem autistischen Sohn beruhen. Sie schafft es eine zutiefst tragische Geschichte mit soviel Humor und Herzenswärme zu erzählen, dass man mit einem vergleichbaren Gefühl aus dem Kino geht wie nach der „Fabelhafte Welt der Amélie“.

Marc Evans „Snow Cake“ zeigte sich also eines Eröffnungsfilms würdig und legte die Latte für alle noch kommenden Wettbewerbsfilme hoch an.
Wie unterschiedlich die Filme, die um den Goldenen Bären wetteifern, sind, zeigte sich bereits am zweiten Festivaltag mit Slumming

„Slumming“, einem der beiden österreichischen Wettbewerbsbeiträge. Nach seinem ersten Spielfilm „Nacktschnecken“ drehte Michael Glawogger diesmal eine schwarze Komödie, in der zwei reiche Schnösel (August Diehl, Michael Ostrowski) mit ihrer Umwelt bitterböse Scherze treiben. Eines Tages finden sie einen, von Paulus Manker verkörperten, betrunkenen Straßenpoeten, packen ihn in ein Auto und setzen ihn in Znaim aus. Am nächsten Morgen wacht dieser in einer völlig fremden Welt ohne Geld und ohne ein Wort zu verstehen auf…
Michael Glawogger hat sich mit „Slumming“ nach seiner Dokumentararbeit „Workingman’s Death“ wieder dem Spielfilm zugewandt. Wobei, wie er betont, der Zugang für ihn nicht entscheidend anders sei und er sich auch in „Slumming“ Dokumentarstrukturen bediene, wenn Paulus Manker beispielsweise auf der Wiener Mariahilferstraße mit Passanten agiert.

Ein Film wie der Glawoggers, der stark von unterschiedlichen (österreichischen) Dialekten und Sprachwitz geprägt ist, läuft natürlich immer Gefahr aufgrund der Übersetzung missverstanden zu werden und an Authentizität zu verlieren. Nicht wenige deutsche Journalisten gestanden auf die englischen Untertitel angewiesen gewesen zu sein. Es bleibt zu hoffen, dass sich die sprachliche Problematik nicht allzu sehr auf den Eindruck und das Urteil der Jury auswirken wird…

Soweit ein erster Bericht von der Berlinale - Der nächste wird unter anderem vom Wirbel um George Clooney, dessen Besuch in Berlin alle Klischees erfüllte, und seinem politisch hoch brisanten neuen Film „Syriana“ handeln…

Aglai Rudnay (aglai_rudnay@filmnews.at)